Das war knapp

Buchauszug: „Siehst du die Grenzen nicht, können sie dich nicht aufhalten“

Die Stiefel knirschen auf dem Sand in der Auffahrt. Zwei Männer. Sie schlagen mit ihren Fäusten an die Haustür und rufen laut: »Aufmachen«.

Die Tante, von den Kindern nur Godi genannt, öffnet die Haustür einen Spalt, schaut misstrauisch auf die Uniformen, bevor sie die Tür ganz öffnet, und kommt zögernd heraus.

»Guten Morgen. Was wollen Sie?«

»Wir kontrollieren.«

»Was denn?«, fragt sie forsch zurück. »Lisa, guck mal, die zwei Herren wollen was kontrollieren«, lacht sie ihrer Schwester entgegen, die inzwischen ebenfalls herausgekommen ist.

»Es wurde Anzeige erstattet, dass hier ein blindes Kind ist.«

Vorsichtig schielt die Godi in Richtung Innenhof, wo Mariechen, die fünfjährige Tochter ihrer Schwester, mit den Nachbarskindern spielt. Mariechen ist nicht blind, nur stark sehbehindert und ihr Liebling, weil sie Godis stotternden Sohn immer in Schutz nimmt.

Mariechen, du sollst nicht lügen, aber du darfst nie sagen, dass du nicht gut siehst. Wenn sie dich holen, sperren sie dich ein.

Wie oft hatten sie das dem Mädchen eingeschärft. Ist es umsonst gewesen? Ist es jetzt soweit?

Die Männer schauen der Tante ins Gesicht, warten auf eine Antwort. Zum Glück drehen sie den spielenden Kindern, die inzwischen mitbekommen haben, dass etwas nicht stimmt und gespannt herüberstarren, den Rücken zu.

Die Godi macht eine unauffällige Handbewegung in Richtung der Kleinen, als wolle sie eine Fliege verscheuchen. Die Männer bemerken es nicht. Die Tante kann nur leise beten, dass Mariechen versteht, was sie ihr sagen will. Wenn sie es denn gesehen hat. Eigentlich kaum möglich, so schlecht, wie ihr Augenlicht ist.

 Doch das Wunder geschieht. Mariechen begreift sofort. Sie schlüpft in ihre Schuhe, die sie zum Spielen ausgezogen hat, und saust zum Hoftor hinaus, so schnell die kleinen Füße sie tragen.

Als sie um die Ecke biegt, hört sie ihre Tante noch sagen: »Also, wenn Sie hier ein blindes Kind finden, dürfen Sie es mitnehmen.«

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„Etwas zurückgeben“

Christof Müller bei der Premierenlesung im Felsenkeller des Zauberbergs in Kelkheim. Foto: Ch. Busch
Christof Müller bei der Premierenlesung:
„Siehst du die Grenzen nicht, können sie dich nicht aufhalten.
Eine blinde Familie beweist, dass man jedes Hindernis überwinden kann“
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2019 im bene! Verlag von Droemer Knaur erschienen. Foto: Ch. Busch

Christof Müller (52) ist blind – und unterrichtet als Lehrer an einem ganz normalen Gymnasium.

Ein Sozialprotokoll von Jutta Hajek aus Publik-Forum 21/2020 vom 6.11.2020

„Du kannst Gott nicht zwingen“

Musikerin mit Handicap lässt sich von Hiob helfen

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In der Musik spürt Regina Kalbskopf die Nähe Gottes

Regina Kalbskopf ist glücklich verheiratet und erwartet Ihr erstes Kind. Vom Augenarzt, der sie wegen der Geburt sehen will, erfährt Sie, dass Sie erblinden wird. Sie muss noch mehr verkraften. Wie sie damit umgeht, hat sie Jutta Hajek erzählt. Weiterlesen

Kirche als Gemeinschaft, die den Menschen dient

Dr. Christian Hennecke, Leiter Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim und Margrita Appelhans, Mitglied im Vorstand des Deutschen Katholischen Blindenwerks

Dr. Christian Hennecke, Leiter Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim und Margrita Appelhans, Mitglied im Vorstand des Deutschen Katholischen Blindenwerks

Dr. Christian Hennecke spricht bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Blindenvereinigungen im deutschen Sprachraum von einer Verflüssigung der Kirchenstrukturen.

Gerne sei er der Einladung gefolgt, bei der Tagung zu sprechen. Durch seinen Vater, der an Kinderlähmung erkrankt war und ein Leben lang im Rollstuhl saß, habe er einen direkten Bezug zum Thema Behinderung. Dr. Christian Hennecke spricht zu den blinden, sehbehinderten und sehenden Gästen, die für drei Tage aus der Schweiz, Österreich, Südtirol und Deutschland ins Hildesheimer Priesterseminar gekommen sind. „Lokale Kirchenentwicklung“ ist es, was ihn seit Jahren beschäftigt. Der Begriff wurde in Hildesheim geprägt. Weiterlesen