Ein Herzensprojekt auf die Welt bringen

Ein gemeinsamer Tag auf dem Markt: Jutta Hajek, Maria, Stefan und Christof Müller. An diesem Tag fiel die Entscheidung für das Buch über Familie Müller.

 

Hast Du einen Traum? Ich wage zu behaupten, jeder von uns hat mindestens einen ganz großen. Meiner war es, ein Buch zu schreiben. Deshalb habe ich die Geschichte einer blinden Familie aus Eppstein im Taunus aufgeschrieben. Sie erschien 2019: Siehst du die Grenzen nicht, können sie dich nicht aufhalten. Eine blinde Familie beweist, dass man jedes Hindernis überwinden kann. An den Lebenslinien dieser mutigen Menschen können wir ablesen, wie erfüllt leben geht. Was mache ich, wenn ich keinen Traum habe?“, wurde ich neulich gefragt. Es kann sein, wir sind so stark zur Vernunft erzogen worden, dass wir unseren Traum nicht einmal wahrnehmen. Aber irgendwo schlummert er in jedem von uns. Und wenn wir uns erlauben, tiefer zu graben, in uns hineinzuhören und genau hinzuschauen, dann wacht er auf, räkelt und streckt sich. Er ist noch sehr zart und etwas zerknittert, aber wir spüren deutlich: Es könnte herrlich sein, ihn auf die Welt zu bringen und zuzulassen, dass er uns zu Ungewohntem, Großem anspornt.

Diese Vorstellung hat gerade angefangen, uns zu beflügeln, doch dann steigen aus unseren Tiefen Ängste auf: Was passiert, wenn es nicht klappt, wenn mein Traum noch zu klein und schwach ist? Wenn meine Freunde ihn lächerlich finden und mich dazu? Kann passieren …

Zweifeln keinen Raum geben

Die Heldin in meinem Buch, Mariechen, teilt alle Höhen und Tiefen mit uns. Zu Beginn des Buches ist sie ein kleines Mädchen vom Land, das sehr schlecht sieht. Heute ist sie eine weise Frau, die seit über 30 000 Tagen genau das macht, was wir alle wollen: selbstbestimmt ihren Lebenstraum verwirklichen. Obwohl sie vollkommen blind ist. Mariechen hat Ängste, doch sie hat nie grundsätzlich an sich gezweifelt. Sie hat sie überwunden und sich nicht stoppen lassen.
Wenn ich ein neues Projekt anpacke, besonders, wenn es etwas ist, das ich noch nie gemacht habe, denke ich mir schon manchmal: „Was, wenn mein Plan nicht klappt?“ Solche Gedanken machen einem zu schaffen. Deshalb habe ich meinen Traum, ein Buch zu schreiben, nicht gleich hinausposaunt. Aber ich habe ihn wahrgenommen und mit ihm Zwiegespräche geführt. Wie mit einem Kind vor der Geburt. Er hing an der Nabelschnur in meinem geschützten Raum und ich habe ihn genährt. Jeden Tag. Fest habe ich geglaubt, dass er das Licht der Welt erblicken wird. So wie vor mehr als zwanzig Jahren meine beiden Kinder. „Gute Bücher sind schon viele geschrieben und veröffentlicht worden, warum sollte das nicht auch mir gelingen?“, habe ich mir selbst Mut gemacht.

Ein Traum nimmt Gestalt an

Kleine, stetige Schritte helfen, große Ziele zu erreichen. Mariechen wusste das intuitiv. Sie saß in ihrer Schulzeit für die Hausaufgaben mit Mütze und Schal im Hof, statt wie ihre Schwestern in der Küche, weil sie drinnen nichts sah. Im Winter bizzelten ihre Finger vor Kälte. Sie lernte viel auswendig, weil sie Buchstaben auf einem Blatt kaum entziffern konnte. Mit viel Fleiß schaffte Mariechen die Volksschule und war danach nicht mehr zu stoppen.
Auch bei mir waren es viele kleine Schritte, die mich in die Nähe meines großen Traumes brachten. Bevor ich mich ans Bücherschreiben wagte, wollte ich mir Handwerkszeug aneignen. Also studierte ich mit über 40 Jahren berufsbegleitend Journalismus. Knapp zehn Jahre arbeitete ich als freie Journalistin und schrieb über Menschen mit und ohne Beeinträchtigung und wie das Miteinander für alle fruchtbar werden kann, bevor ich mich an mein erstes Buch setzte. Mein Traum nahm konkrete Gestalt an.

What a difference a day makes

Unser großer Traum verlangt uns Entscheidungen ab. Was für einen Unterschied ein einziger Tag machen kann, wenn wir uns bewegen! Mariechen fuhr 1963 zu einem Kongress von Blindenvereinigungen nach Konstanz. Dort traf sie Josef, einen jungen Mann, mit dem sie sich gut verstand, der sich wie sie für andere Blinde engagierte und Humor zeigte. Leider  verloren sie sich nach dem Kongress aus den Augen. Monate später reagiert sie auf eine Kontaktanzeige in einer Blindenzeitung. Ein entscheidender Tag in ihrem Leben, wie sich später herausstellt. Die Anzeige stammte von Josef.

Auch in meinem Leben gab es einzelne Tage, die Entscheidendes bewirkt haben.

Einen davon erlebte ich 2001 in London, wo ich mit meiner Familie zwei Jahre wohnte. An einem regnerischen, kalten Abend, an dem ich eigentlich lieber auf dem Sofa geblieben wäre, besuchte ich einen Workshop. Das bedeutete, eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ans andere Ende der Stadt zu fahren. Ich überwand meine Widerstände und ging hin. An diesem Abend lernte ich den Londoner Autor Nick Williams kennen. Unmittelbar nach meiner Rückkehr nach Deutschland bot mir der Verlag Via Nova an, seine Bücher ins Deutsche zu übersetzen. Nick Williams hatte mich empfohlen, wofür ich ihm unendlich dankbar bin.

Wenn solche Chancen auftauchen, müssen wir sie dann aber auch ergreifen. Kneifen gilt nicht, denn dieses „Ja“ oder „Nein“ kann mein Leben in eine andere Richtung treiben. Mariechen, meine Heldin, glaubt daran, dass sie schaffen kann, was ihr wichtig ist. Reisen ist für blinde Menschen eine Herausforderung. Mutig vereinbart sie ein Treffen mit Josef, den sie zu diesem Zeitpunkt nur von einem Kongress und ein paar Nachrichten kennt. Mariechen traut sich. Sie vertraut: Es wird gut werden.
Auch ich habe mich getraut. Nachdem ich Mariechens außergewöhnliche Familie kennengelernt und Artikel über sie in Zeitungen veröffentlicht hatte, fragte ich, ob ich ein Buch über sie schreiben dürfe. Für die Entscheidung, ob ich das wirklich wollte, habe ich mir Zeit gelassen, denn ich wusste, wenn ich damit anfange, ziehe ich es durch. Auch sie haben sich Bedenkzeit ausgebeten und dann Ja gesagt. Vor Freude habe ich einen Luftsprung gemacht, aber gleichzeitig war mir klar, dass es mich einiges kosten würde an Kraft und Mut und Lebenszeit.

Wie gut, dass wir wachsen mit unseren Aufgaben! Einen großen Traum zu erfüllen, braucht die Bereitschaft, alles, was ich kann und meine ganze Energie hineinzuwerfen in dieses Projekt, durchzuhalten, nicht unterwegs schlappzumachen und einiges auszuhalten. Genauso wie man ein Kind nicht nebenbei austrägt. Manche Tage zwickt es im Bauch, weil es einen tritt, viele Nächte schläft man schlecht, weil es einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Doch es lohnt sich. Wenn wir alles geben, hilft uns der Himmel. Vieles, was wir brauchen, findet uns wie von Zauberhand: Menschen, die glauben, dass es klappen kann und uns unterstützen; wichtige Informationen, die uns weiterhelfen.  
Mariechen baute als junge Frau mit ihren Eltern ein Haus nach einem Plan, den sie selbst gezeichnet hatte. Ein eigenes Haus war schon lange der scheinbar unerreichbare Traum der Familie. Dann bot die Stadt günstige Grundstücke an und sie griffen zu.  Der Flur ist etwas eng, doch alles in allem ist es ein gutes Haus geworden, gezeichnet von einer Blinden, gebaut von einer Familie mit knappen Mitteln, mit der Hilfe von Freunden, die bereit waren mitanzupacken.
Auch ich wachse mit meinen Herausforderungen. Inzwischen habe ich mich an große Textmengen gewöhnt. Ich liebe sie – endlich muss ich nicht mehr akribisch Zeichen zählen, sondern kann ich mich richtig austoben! Am besten schreibe ich am Morgen, deshalb stehe ich meist zwischen fünf und sechs auf oder – in intensiven Phasen –  noch früher. Ich beginne meinen Tag mit Gebet, Yoga und Meditation, um mich zu fokussieren. So habe ich es geschafft, das Buch neben Artikeln, Übersetzungen und allem, was sonst noch zu tun ist, abzuschließen.

Ein Herzensprojekt erblickt das Licht der Welt

Und dann geht es auf einmal los mit den Geburtswehen. Das Kind will raus. Es ist Zeit loszulassen, das Kleine, das inzwischen ziemlich groß geworden ist, ans Licht zu begleiten. Mariechen und Josef sind sich nach ihrer Heirat einig: Sie wünschen sich Kinder. Die Ärzte wissen nicht, ob diese auch blind werden würden. Unsere Gespräche während der Recherche haben mich oft zu Tränen gerührt. Mariechens Lebensfreude steckt an.  Ich merke, ich will und kann diese wunderbaren
Lebensstrategien nicht für mich behalten. Geburtshelfer für mein Buch ist der bene! Verlag von Droemer Knaur: Bücher für gutes Leben. Passt.

Freude zu teilen, liebt Mariechen wie alle aus ihrer Familie. Das haben wir gemeinsam. Unsere Lesungen sind ein Fest. Wir freuen uns darauf, sie wieder aufnehmen zu können. Wir erzählen, singen, genießen die Gemeinschaft. Jeder hat seine Einschränkungen. Wir halten zusammen. Wir engagieren uns für andere, jeder auf seine Weise.
Sie haben mir beigebracht, wie gut das Leben sein kann, auch wenn nicht alles perfekt ist. Gerade die Corona-Zeit hat vielen Menschen mit Behinderung neue Hindernisse in den Weg katapultiert und ihren Alltag, mit dem sie sich gut arrangiert hatten, komplett umgekrempelt. Sie lassen sich nicht hängen. Sie kämpfen, sie lachen, sie bringen andere zum Lachen. Lass Dich von Mariechens Geschichte darin bestärken, Dein eigenes Herzensprojekt auf die Welt zu bringen!

Dieser Artikel erschien im Juli 2020 im Hesseninfo des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer e.V.
Impressionen von der Premierenlesung

„Hochachtung vor der Lebensleistung“

Impressionen von der Lesung in Eppstein-Ehlhalten am 06.11.2019

Die Pfarrscheune in Eppstein Ehlhalten war vom Kulturkreis Eppstein e.V. bestens für die Lesung vorbereitet. Foto: Brina Stein

Das Getrappel auf der Treppe hörte am Mittwochabend nicht mehr auf. Die im Halbrund gestellten Stühle waren rasch besetzt, Geplauder erfüllte den Saal. Und dann, pünktlich um 19.30 Uhr, ging es los …

Christof Müller liest von einer Vorlage in Punktschrift vor.
Foto: Jan Hajek

Küsterin Martina Smolorz: „Der Saal des Gemeindehauses war bis zum letzten Platz gefüllt. Einige Leute saßen noch auf der Treppe. Die Autorin stellte Familie Müller in einer sehr liebevollen und herzlichen Weise vor. Es war ein eindrucksvoller und schöner Abend. Ich denke, nach den Äußerungen besonders der fremden Zuhörer, dass sie eine große Hochachtung vor der Lebensleistung dieser Familie haben.“


Horst Winterer, Kulturkreis Eppstein e.V.: „Für uns und unsere Gäste war es ein sehr gelungener Abend mit viel Emotionen und langem Nachklang. Wir zählten ca. 70 Zuhörer. Als Spende können wir 320 € an das Katholische Blindenwerk Hessen überweisen.“