Der Wald – mein Sehnsuchtsort


Der Wald lässt aufatmen, zu sich selbst, zur Ruhe kommen

Mmmmmh – der Wald. Wenn ich an den Wald denke, gerate ich ins Schwärmen, dann schlägt mein Herz schneller. Ich denke an das Rascheln heruntergefallener Blätter, durch die ich genussvoll schlurfe im Herbst, an den feuchten Geruch von Pilzen, die aus der Erde sprießen. Die kahle Kargheit im Winter, wenn der Wald sich in sich selbst zurückzieht. Den Raureif auf den Zweigen, die Eiskristalle, die im Morgenlicht funkeln. Die Blattspitzen im Frühling, die sich innerhalb weniger Stunden entrollen und ihr durchsichtiges Grün der Sonne entgegenstrecken. Die Kühle, die der Wald ausströmt im Sommer, den schützenden Schirm, den er über seine Besucher breitet.

Ich brauche ihn wie die Luft zum Atmen. Nicht nur, weil genau diese dort viel reiner scheint als woanders. Es heißt, der Wald sende Schwingungen aus, die Menschen heilen, die unser ganzes System harmonisieren. Das kann ich unmittelbar spüren. Erfrischt komme ich aus dem Wald zurück.

Richtig gemerkt, wie viel der Wald mir bedeutet, habe ich erst, als ich ihm fern war, als ich mit meiner Familie zwei Jahre an der Themse wohnte. Wasser liebe ich auch: Schwäne, die darauf entlanggleiten und die wir füttern; Bänke, auf die wir uns setzen; Wege, die wir erkunden; Boote, denen wir zusehen, wie sie hoch- oder heruntergeschleust werden, auf ihnen winkende Kinder.

Aber wie soll ich existieren ohne Wald?

Ich weiß es nicht.

Dann entdeckten wir den Richmond Park, den größten königlichen Park Londons, mit seinen üppigen Rhododendren, uralten Eichen und freilaufenden Hirschen. Ich war ein wenig getröstet. Doch nie empfand ich an der Themse diese innige Bindung wie im Taunus mit seinen bewaldeten Höhen. Nie hörte ich auf, mich nach Wald zu sehnen. Nach dem Geruch zerriebener Tannennadeln zwischen meinen Fingern, dem Duft einer finnischen Sauna, der von geschlagenen und am Weg gelagerten Stämmen ausdampft, nach dem Klopfen des Spechts und dem Tschilp-tschilp-tschilp der Nachtigall, dem Plätschern des Regens von Ästen, von Blättern.

Die dreistämmige Eiche, die ich so gern besuche, gibt mir Geborgenheit. Wenn ich mich an ihren rauen Stamm lehne, die Rinde mit den Händen berühre, mir vorstelle, wie tief ihre Wurzeln in die Erde reichen, wie weit sich die Krone in den Himmel streckt, dann möchte ich so sein wie sie und ihre Nachbarn, die ein Dach über mich halten: tief verankert in der Erde, nah am Bach, der Quelle des Lebens, stark, groß, fest, allen Stürmen trotzend, trotzdem beweglich, empfänglich, über Wurzeln verbunden mit anderen, in Kommunikation.

Oft laufe ich, wenn ich Bewegendes erlebe, erst einmal in den Wald, setzte mich auf eine Bank, lasse es wirken und bedankte mich bei dem, der den Wald, alles, was in ihm ist, dich und mich erschaffen hat, der in allem atmet. Hier bin ich ihm so nah wie nirgendwo sonst.

Ich sitze ganz still. Wir reden nicht viel.
„Schön, dass Du gekommen bist“, sagt er.
„Danke, dass Du auf mich gewartet hast“, antworte ich.
Wir schauen uns an und schweigen.
Und in diesem Schweigen höre ich den Wald singen.

Jutta Hajek, Autorin

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