„Ich leide nicht unter dem Down-Syndrom“

Für den Berliner Schauspieler Sebastian Urbanski ist das gute Leben „ein Miteinander, das alle einschließt, egal ob behindert oder nicht.“ Er selbst geht mit gutem Beispiel voran.

Die aktuelle Inszenierung „Der nackte Wahnsinn“, in der Sebastian Urbanski den Regisseur spielt, handelt von Intrigen hinter den Kulissen. Er ist froh, dass die Realität am RambaZamba Theater anders aussieht. Mit Kolleginnen und Kollegen zu scherzen und zu lachen, liebt Urbanski. Unermesslich groß ist die Freude, wenn im Publikum nach einer Vorstellung Beifallsstürme losbrechen. Dann fallen sie sich hinter der Bühne um den Hals und feiern. Mit einigen ist er eng zusammengewachsen. Seine braunen Augen strahlen hinter den Brillengläsern und Lachfältchen zeichnen sich in seinem Gesicht ab, wenn er dieses Wort ausspricht: „meine Blutsgeschwister“. Als Kind hatte er sich sehnlichst einen Bruder oder eine Schwester gewünscht, war aber Einzelkind geblieben. Umso froher ist er, dass er jetzt mehrere „Geschwister“ hat.

Im RambaZamba zu arbeiten, ist für Urbanski ein Traum, der im Jahr 2000 in Erfüllung ging. Schon als Vierjähriger nahm er seinem Vater die Puppen aus der Hand, weil er selbst mit ihnen Theater spielen wollte. Heute, als Erwachsener spielt er auf Bühnen in Berlin und anderen deutschen Städten, gelegentlich auch im europäischen Ausland. Das integrative RambaZamba unterscheidet sich von anderen Theatern. Viele im Ensemble haben eine geistige Behinderung. Die Schauspieler stehen im Mittelpunkt. Man nimmt sich mehr Zeit für Proben als woanders. Urbanski bekommt viel Rückenwind vom Theater, denn es verfolgt dasselbe Ziel wie er: Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen. Bekannte Schauspieler spielen immer wieder als Gäste mit.  „Sie akzeptieren uns, wie wir sind, und wir sie“, schwärmt Urbanski über das bestärkende Miteinander.

(c) Andi Weiland | RambaZamba Theater
Großes Theater: Urbanski als Don Juans Diener Sganarelle, der seinen Herrn zum Mord anstiftet.

Als Pianist bei „21 Downbeat“

Seit mehreren Jahren gehört zu seinem guten Leben ganz wesentlich seine Freundin „Jule“ – Juliana Götze. Die 33-Jährige begrüßt ihren „Basti“. Wie innig die beiden verbunden sind, ist deutlich spürbar. Sie umarmen und küssen sich, dann hakt sie sich bei ihm ein. Gerne gehen sie gemeinsam in der Stadt spazieren. Wenn sie etwas entdeckt, das ihr gefällt, überrascht er sie manchmal, indem er ihr es kurz darauf mitbringt. Beide sind erfolgreich als Schauspieler und Synchronsprecher – und beide haben das Down-Syndrom.

Urbanski schätzt die Unterstützung durch seine Eltern. Jeden Abend, wenn er nach Hause kommt, setzt er sich mit Mutter und Vater zusammen und jeder erzählt, wie sein Tag war. Miteinander reden darf für ihn nicht zu kurz kommen: erklären, warum man etwas tut; sich entschuldigen, wenn man jemanden verletzt hat; den eigenen Gefühlen und denen der anderen Raum geben. Wie soll man sich aufeinander einlassen oder wissen, was der andere empfindet, wenn keiner sich traut, den Mund aufzumachen?

(c) Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Die Elektroband „21 Downbeat“

Seine Eltern haben ihn von Beginn an gezielt gefördert. So hat er gelernt, seine Grenzen ständig zu erweitern. „Weiter, weiter“ lautet sein Motto seit der Kindheit und wenn er etwas begonnen hat, bleibt er dran. Bettina und Rainer Urbanski schauen sich jede Premiere an, in der er auf der Bühne steht. Einmal im Monat kommen sie zu „Hi Freaks“ ins RambaZamba, weil Sebastian in dieser Abend-Show in der Theaterband „21 Downbeat“ mitspielt. Jeden Tag übt er Klavier und einmal die Woche nimmt er Unterricht.

(c) Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Theaterüberfall: Urbanski bei einem gespielten Überfall im Unterricht – mit seinen Kollegen Stefan Kreissig und Zora Schemm

Gemeinsam mit anderen Ensemble-Mitgliedern des RambaZamba Theaters überrascht er Berliner Schülerinnen und Schüler im Unterricht und nimmt dem (eingeweihten) Lehrer das Heft aus der Hand. Urbanski, in der DDR geboren, erzählt bei diesem „Theaterüberfall“ vom Leben dort in den 1980er Jahren. Danach diskutieren sie mit der Klasse über gutes Leben mit und ohne Behinderung – und die Frage, wer eigentlich wen behindert.

Festredner im Deutschen Bundestag

Gelegentlich gibt es Begegnungen, die das harmonische Miteinander, das ihm so wichtig ist, stören. Jeden Morgen fährt er eine Dreiviertelstunde mit der Bahn von seinem Elternhaus zum Prenzlauer Berg oder zu den Proberäumen in Weißensee. Neulich hat ihn eine Frau angemotzt, er solle erst die Leute einsteigen lassen, bevor er aussteige. Das regt ihn auf, weil er genau weiß: Die Regel lautet umgekehrt. Er kann es auch nicht leiden, wenn man ihn beiseiteschiebt – „Lass mich mal machen“ – oder mit ihm wie mit einem Kleinkind redet. Oft stecke Unsicherheit dahinter, hält er Menschen, die sich so verhalten, zugute. Jeder braucht mal Hilfe. Das ist nichts Besonderes. Warum also dem anderen das Gefühl geben, er sei unfähig?

Mit seiner Autobiografie „Am liebsten bin ich Hamlet. Mit dem Downsyndrom mitten im Leben“, will Urbanski zeigen, wie reich sein Leben ist. Er wünscht sich, dass das Buch dazu beiträgt, dass in unserer Gesellschaft weniger aussortiert wird und Eltern von Kindern mit Down-Syndrom es wagen, sich auf sie einzulassen. 40 Lesereisen hat Urbanski mit seiner Mutter, seiner „großartigen Managerin“, bisher unternommen.

„Ich leide nicht am Downsyndrom. Ich habe genug Rückenwind und schaffe alles“, erklärt er.

Auch vor größerem Publikum zeigt der 40-jährige Schauspieler, wie viel in ihm steckt. Zum Holocaust-Gedenktag sprach Urbanski 2017 als erster Mensch mit geistiger Behinderung im Deutschen Bundestag. Im schwarzen Anzug stand er am Rednerpult und trug sichtlich bewegt einen Brief vor, den Ernst Putzki aus einer hessischen Sterbeanstalt an seine Mutter geschickt hatte. 1945 wurde Putzki ermordet – als einer von 300.000 behinderten Menschen, die damals in Europa umgebracht wurden.

Urbanski engagiert sich seit langem im Vorstand der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V., einem Selbsthilfeverband für Menschen mit geistiger Behinderung, und setzt sich hier unter anderem für geeignete, bezahlbare Wohnungen ein. Dass er trotz vieler Verpflichtungen Zeit hat, Hobbies nachzugehen, gehört für ihn zu einem erfüllten Leben dazu. Abends schaut er sich gerne einen Film an. Danach sucht er auf dem Handy einen passenden Klingelton für den nächsten Morgen aus – auch Vogelgezwitscher oder Glockengeläut. Mutter Bettina und Freundin Juliana grinsen sich vielsagend an, als er davon erzählt, denn er nimmt sich dafür reichlich Zeit.

(c) Sebastian Urbanski: Kohlezeichnung von 2011

Wenn ihn etwas fasziniert, kann er sich vollkommen vertiefen. Beim Besuch einer Impressionisten-Ausstellung im Potsdamer Barberini-Museum mit seinen Eltern hatte der Kunstbegeisterte wegen einer Entzündung am Bein zuerst höllische Schmerzen, was für ihn aber kein Grund war, die Ausstellung zu verpassen. Er war selbst erstaunt, wie schnell er nichts mehr empfand außer riesengroßer Freude über die Schönheit der Gemälde.

Sebastian Urbanski will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Anderssein keine Einschränkung sein muss. Er sieht sich selbst als sehr glücklichen Menschen, der mit sich und seinem Umfeld im Reinen ist. Und er hat noch viel vor. Vor allem hofft er, dass andere Menschen mit Down-Syndrom sich genauso wenig wie er davon abhalten lassen, ihren Platz auf der Bühne des Lebens zu finden und sich dort zu behaupten. Das Leben ist zwar nicht immer einfach, aber es ist viel zu gut, um sich von irgendetwas abhalten zu lassen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 2/2019 des Magazins ANDERS HANDELN von Andere Zeiten e.V.

Interessante Links:
RambaZamba-Theater
Fischer Verlag
Buch: Am liebsten bin ich Hamlet. Mit dem Downsyndrom mitten im Leben
ARD Mediathek: Film „So wie du bist“ mit Sebastian Urbanski und Juliana Götze
Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.

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