Treue Partner für Menschen mit Behinderung

Der gemeinnützige Verein „Hunde für Handicaps e.V.“ bildet Hunde aus, die Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung im Alltag unterstützen. Was können Assistenzhunde und für wen kommen sie infrage?

Text: Jutta Hajek, Fotos: Hunde für Handicaps e.V., Anna Senkel

Der zukünftige Assistenzhund lernt, Wäsche in die Waschmaschine einzuräumen

Wäsche in die Maschine räumen gehört zu den Aufgaben von Assistenzhunden

Die goldfarbene Labradorhündin nimmt Kleidungsstücke aus dem fahrbaren Korb, den sie selbst dorthin gezogen hat, und steckt sie in die Trommel. Dabei verschwindet ihr Kopf fast vollständig in der Waschmaschine. Ein Ärmel eines roten Pullis rutscht immer wieder heraus. Pitu, so heißt die junge Hündin, packt ihn vorsichtig mit dem Maul und steckt ihn wieder hinein, so lange, bis er drinnen bleibt. Frauchen Michi belohnt sie mit Leckerli. Michi und Pitu sind ein Team und üben zusammen für eine Prüfung.
Das Üben bereitet den beiden sichtbar Freude, doch es hat einen ernsten Hintergrund: Die junge Frau aus Verden an der Aller braucht Pitu als Helferin, denn Michi hat eine seltene, fortschreitende Muskelerkrankung. Im Freien fährt sie mit dem Rollstuhl, drinnen kann sie gehen, doch zum Bücken fehlt ihr die Kraft. Seit kurzem lebt sie in den eigenen vier Wänden. Wenn sie stürzt, bringt Pitu ihr das Telefon, damit Michi ihre Eltern zu Hilfe rufen kann. Fällt ihr ein Schlüssel aus der Hand, hebt Pitu ihn auf. Sie kann noch mehr. Der 1991 gegründete und bundesweit aktive Verein „Hunde für Handicaps“ hat Pitu auf die Bedürfnisse von Michi hin trainiert.

Ehrenamtliche Teilzeit-Paten

Sandra Westenberger, 46 Jahre, aus dem Taunus, hatte schon immer Hunde in der Familie. Meist kamen sie aus dem Tierschutz. Bei ihrer Hündin Bonny, die sie als Welpe vom Züchter holte, wollte sie alles richtig machen, deshalb trainierte sie mit ihr von Anfang an in der Hundeschule. Die Leiterin dieser Schule empfahl sie 2014 an Anna Senkel, die zweite Vorsitzende von „Hunde für Handicaps“, die gerade Unterstützung suchte für das Aufziehen von Welpen, die später Assistenzhunde für Menschen mit Behinderung werden sollen. Sorgfältig wählt sie Personen dafür aus. Einige Monate dachten Sandra und ihr Mann nach, ob sie diese verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen wollten. Sie sagten ja. Als Welpe von acht Wochen holte Anna Pitu von der Züchterin ab und brachte sie zu sich nach Hause auf einen Hof im Rhein-Main-Gebiet. Wenige Tage später besuchte Pitu zum ersten Mal ihre neuen Teilzeit-Paten Sandra und Achim und lernte die ausgeglichene und liebevolle Labradorhündin Bonny kennen, an die sie sich gleich kuschelte.

Sandra und Achim Westenberger mit allen Hunden, die sie bisher ausgebildet haben

Sandra und Achim Westenberger mit allen Hunden, die sie bisher ausgebildet haben

Gehorchen lernen

Pitu lebte während der zweieinhalb Jahre im Taunus tageweise bei Anna und dann wieder bei Sandra, so wie auch die anderen Hunde, die Sandras Familie nach Pitu aufnahm. Die beiden Frauen treffen sich mehrmals in der Woche zum Training und telefonieren häufig, um sich abzustimmen. Konsequent sein bei der Erziehung sei sehr wichtig, bekräftigen beide. Die jungen Hunde müssen lernen, vorsichtig mit ihren scharfen Zähnen umzugehen, an der Leine zu laufen, Befehle wie „Sitz, Platz, Bleib“ zu befolgen, nicht jeder Ente, jedem Reh hinterherzurennen und vor allem an der Bordsteinkante zuverlässig zu stoppen. Später, als Begleithund, müssen sie „ihrem Menschen“ im Rollstuhl unbedingt gehorchen.

Anna Senkel mit einem ihrer Schützlinge

Anna Senkel mit einem ihrer Schützlinge

Besteht der Hund den Eignungstest?

Im ersten Lebensjahr sind Hunde besonders aufnahmefähig. Daher bringen Sandra und Anna sie in dieser Zeit mit verschiedensten Situationen in Berührung: Autofahren, Laufen auf glattem Untergrund und an Abgründen entlang, laute Straßen, Einkaufszentren mit Aufzügen und vielen Treppen; sie nehmen sie mit zu Weihnachtsmärkten, auf denen es dudelt und duftet und jeder mal streicheln will. Unsicherheit ist normal. Reagiert der junge Hund in solchen Situationen jedoch panisch, kann er die Ausbildung zum Behinderten-Begleithund nicht antreten. Ein Eignungstest mit Gesundheits- und Charaktercheck nach dem ersten Lebensjahr entscheidet darüber. Nur ein Drittel bis die Hälfte der Hunde, die der Verein erwirbt, erweist sich als geeignet.

Der zukünftige Assistenzhund lernt einen Knopf zu drücken

Der zukünftige Assistenzhund lernt einen Knopf zu drücken

Geliebt werden, wie man ist

„Warum tut Ihr Euch das immer wieder an, Welpen aufzunehmen, die viel Arbeit machen und die man nachts raustragen muss, damit sie nicht in die Wohnung pinkeln?“, fragte Sandras erwachsener Sohn, als Ronja, ein wuscheliger Golden Retriever, als kleines Bündel in die Familie kam – der fünfte Hund in fünf Jahren.
„Die Arbeit als Patin ist mir wichtig. Ich finde es toll, was die Hunde den Menschen mit Behinderung geben. Das Wichtigste ist: Sie lieben Dich, wie Du bist“, erklärt Sandra, die wegen dieses Engagements beruflich kürzertritt. Es sei mit Hund viel leichter, Kontakte zu knüpfen. Menschen mit Behinderung sind häufig auf andere angewiesen. Ein Assistenzhund versetzt sie in die Rolle des Handelnden. Sie sind verantwortlich für ihn, treffen Entscheidungen, erweitern ihren Radius. „Ich habe mit Pitu einen neuen Weg ausprobiert!“, berichtete Michi neulich. Vorher kannte sie sich nicht so gut in der Umgebung aus.

Michi und ihre Hündin Pitu sind ein gut eingespieltes Team

Michi und ihre Hündin Pitu sind ein gut eingespieltes Team

Der Funke muss überspringen

Viele Menschen mit Behinderung wären selbst nicht in der Lage, ein Hundebaby aufzuziehen. Das übernehmen der Verein und die Paten für sie. Doch ihren Begleithund versorgen und die Kosten für das aufwändige Training tragen, müssen sie selbst. Die Krankenkassen engagieren sich nur bei Blindenführhunden. Der Verein „Hunde für Handicaps“ vermittelt Kontakte zu Sponsoren und unterstützt bei der Finanzierung des Kaufs, wenn der passende Hund gefunden ist.
Für diese Auswahl nimmt Anna sich viel Zeit: „Der Funke muss überspringen bei Mensch und Hund.“ Auch den Übergang vom Paten zum zukünftigen Halter gestaltet sie behutsam und der Kontakt bleibt bestehen. Ein- bis zweimal pro Jahr bietet „Hunde für Handicaps“ einen Schnuppertag an, bei dem Interessierte sich über den Weg zu einem Assistenzhund informieren können. Der Verein unterstützt auch Menschen mit Handicap, die bereits einen Hund haben, beim Training und der Vorbereitung auf die Prüfung.

Freunde

Freunde

„Der Hund gibt mir Selbständigkeit zurück“

Im Sommer 2018 besuchen Sandra und Achim ehemalige Schützlinge. Mit Michi und Pitu sind sie zuerst zu einem Waldspaziergang verabredet. Pitu riecht schon von weitem einen vertrauten Geruch, bellt, rast auf Sandra zu, die geht in die Hocke, schließt „ihr Baby“ in die Arme, weint vor Freude. Zu Hause zeigt Pitu, was sie kann: Beim Ausziehen helfen, Türen öffnen und schließen, das Licht an- und ausschalten, Gegenstände tragen und mehr. „Ich kann mir diese kleine, verrückte Maus aus meinem Leben nicht mehr wegdenken“, schwärmt Michi. „Sie gibt mir jeden Tag ein Stück Selbständigkeit zurück. Nicht immer meine Familie um Hilfe bitten zu müssen, ist sehr befreiend. Pitu erledigt vieles und das mit einer spielerischen Freude, die mich einfach glücklich macht.“ Michi und Pitu werden bald ihre Assistenzhund-Teamprüfung absolvieren, die dazu beiträgt, dass Pitu überall Zugang bekommt. Sandra ist gerührt und stolz, denn sie sieht: Die viele Zeit, Geduld und Liebe, die sie in Pitus Ausbildung investiert hat, trägt nun Früchte.

Informationen:
Hunde für Handicaps e.V.
Anna Senkel (2. Vorsitzende und Trainerin)
Mobil: 0175 5259802
E-Mail: info@hundefuerhandicaps.de

Dieser Artikel erscheint am 17.05.2019 in der Sozialcourage der Caritas.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s