Glauben wie Hiob

Schwester Agnes besucht Kinder mit Behinderung

Schwester Agnes besucht Kinder mit Behinderung (Foto privat)

Anna Schmid, 92, die in Wirklichkeit anders heißt, kehrte nach 20 Jahren dem Orden der Pallottinerinnen den Rücken, obwohl sie ihre Arbeit bei den Ärmsten in Südafrika liebte. Annehmen, was Gott schickt, hilft ihr. Von Jutta Hajek.

Bei unserer Ankunft sitzt sie am Bett eines Herrn im ersten Stock. Er ist geistig hellwach, kann aber nicht mehr aufstehen, keinen Finger mehr selbst bewegen. Anna Schmid hört ihm zu und spricht mit ihm. Sie begrüßt uns, verabschiedet sich vom Gesprächspartner, packt ihren Rollator und schiebt ihn zum Aufzug. In ihrem Zimmer im zweiten Stock des Seniorenheims setzen wir uns an den Tisch. Die Nachmittagssonne erhellt den Raum, in dem zwei Betten stehen. Das Fenster ist gekippt, damit sie atmen kann. „Ich wäre heute noch in Südafrika, wenn Papa nicht krank geworden wäre. Meine Mutter lebte nicht mehr, meine Schwestern hatten Familie. Also kehrte ich 1970 nach Deutschland zurück“, beginnt sie die Reise in die Vergangenheit.

Ein Mann mit Namen Hiob

Bei den Pallottinerinnen in ihrem Heimatort fand sie als junge Frau Arbeit als Hausmädchen. Die Schwestern waren Vorbilder in Nächstenliebe, von denen sie sich immer mehr angezogen fühlte. „Ich heirate nicht, sondern gehe ins Kloster“, beschloss sie mit 23. Sie nahm sich vor, ein einfaches Leben für Gott und die Menschen zu führen und legte nach einer Phase des Kennenlernens das zeitliche Gelübde ab. Dabei versprach sie Armut, Keuschheit und Gehorsam. Sie lächelt, wenn sie erzählt, wie sie mit fünfzehn anderen Schwestern im Schlafsaal schlief, wie sie morgens gemeinsam aufstanden, wenn es läutete, wie sie sich in einer Schüssel wuschen. Mütterlich kümmerte sich Schwester Agnes um sie. Sie lasen zusammen im Buch Hiob (1,1) im Alten Testament der Bibel: „Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Hiob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“ Die Freundschaft zu dieser Schwester weckte in Anna den Wunsch, auch Krankenschwester zu werden.

„Herzbrechend“

Die Oberin aber hatte Lieblinge, die sie bevorzugt behandelte. Die bekamen Rotwein mit verquirltem Ei zur Stärkung. Anna kippte mit gleichgesinnten jungen Schwestern Wasser in den Rotwein und stellte ihn wieder in den Kühlschrank. Eine Novizin durfte einen Englischkurs belegen, Anna nicht, obwohl das ihr Herzenswunsch war. Das Schwesternhaus hatte eine Novizin aus Afrika aufgenommen. Die durfte zu ihren Eltern fliegen. Anna durfte ihre Eltern nicht besuchen, obwohl sie im selben Dorf wohnten. Einmal führte Annas Heimweg von einem anderen Pallottinerinnenhaus an ihrem Elternhaus vorbei. Ihre Mutter winkte am offenen Fenster und rief sie herein. Anna biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf. Sie durfte ihr Geburtshaus nicht betreten. Der einzige Ort, an dem sie mit ihren Eltern reden durfte, war das Sprechzimmer des Schwesternhauses. Nicht einmal bei der Beerdigung ihrer Eltern konnten die Schwestern dabei sein: „Herzbrechend! Man musste sich innerlich abtöten“, empört sie sich. Aufgrund dieser Missstände beschloss sie, sich nicht für ihr ganzes Leben an die Gemeinschaft zu binden, sondern blieb Nonne auf Zeit.

Schwester Agnes

An einem Sonntagmittag, es gab Sauerkraut, fing Schwester Agnes beim Essen an zu würgen. Sie hielt sich das Taschentuch vor den Mund und lief hinaus ins Bad. Dort fanden die anderen sie, gekrümmt auf den Fliesen liegen. Sie war an einem Knochen, der ihr im Hals steckte, erstickt. Die Novizin Anna rannte in ihrer weißen Tracht in die Bibliothek, weinte sich die Augen aus und las im Buch Hiob (1,18-19), was der von einem Boten erfuhr: „Deine Söhne und Töchter aßen und tranken Wein im Haus ihres erstgeborenen Bruders. Da kam ein gewaltiger Wind über die Wüste und packte das Haus an allen vier Ecken; es stürzte über die jungen Leute und sie starben.“ So erging es dem gottesfürchtigen Mann, weil der Satan mit Gott gewettet hatte, dass Hiob seinen Herrn lästern würde, wenn es nur schlimm genug käme. „Nun stand Hiob auf, zerriss sein Gewand, schor sich das Haupt, fiel auf die Erde und betete an. Dann sagte er: Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn. Bei alldem sündigte Hiob nicht und äußerte nichts Ungehöriges gegen Gott.“ (Hiob 1,20-22)

Anna erbte den Namen ihrer mütterlichen Freundin Schwester Agnes. Sie litt still und betete.

Schwester Agnes ist unterwegs im Namen des Herrn

Schwester Agnes unterwegs im Namen des Herrn (Foto privat)

Kein Wort Englisch

Sie wollte raus. Als sie gefragt wurde, ob sie nach Südafrika gehen würde, sagte sie nach kurzem Überlegen: Ja. Sie war fasziniert von schwarzen Menschen und wollte sich für sie einsetzen. 1953 bestieg sie das Schiff, das sie in ihre neue Heimat bringen sollte. Zwanzig Tage auf dem Meer und sie konnte kein Wort Englisch! Sie redete mit den Händen. Kaum hatte sie afrikanischen Boden betreten, brachte man sie in ein Krankenhaus in der Nähe von Kapstadt, wo sie ihre Arbeit aufnahm. Am Wochenende mussten die Schwestern dort schwarze und weiße Männer verbinden, die sich geprügelt hatten. Über tausend Babys half sie als Hebamme auf die Welt. Viele waren zu schwach, um zu überleben, weil ihre Mütter in der Schwangerschaft nicht genug zu essen gehabt hatten. Trotzdem kam jedes Jahr ein Kind. „Wenn das Kind starb, gab man der Hebamme schuld“, erklärt sie die Schwierigkeit ihrer Arbeit. Die Behausungen waren einfach – manche Kinder kamen am Boden zur Welt. Der Mann kochte Wasser und half so gut er konnte. Die Hebamme blieb immer knappe zwei Wochen bei Mutter und Kind in der „Location“, so hießen die Gebiete, wo die schwarze Bevölkerung wohnte. Wenn Schwester Agnes nach zehn Tagen wegging, heulte die Mutter und sie musste versprechen, im nächsten Jahr wiederzukommen.

„Sonntags machten wir Ausflüge in die Berge oder ans Meer. Das habe ich sehr genossen“, schwärmt sie von den Wochenenden in Südafrika, wenn Angehörige von Kranken sie mitnahmen. Die heute zierliche grauhaarige Dame blättert im Album und deutet auf das Foto einer kräftigen jungen Frau in weißer Novizinnen-Tracht, die am Strand sitzt und aufs Meer blickt. Zwei Jahre lebte sie in England bei Dominikanerinnen und legte ihr Examen als Krankenschwester und Hebamme ab. Nebenbei lernte sie Englisch und Afrikaans, weil sie in Südafrika Einheimische anleiten musste. Den ersten Heimaturlaub gewährte die Ordensleitung nach acht Jahren. Bei ihren Eltern wohnen durfte sie auch dann nicht. Die Mutter weinte viel, weil sie so weit weg lebte. Stolz zeigte der Vater die „frommen Briefe“ mit den Fotos, die sie geschickt hatte, jedem im Dorf: „Das ist meine Tochter, die lebt jetzt in Afrika!“

„Meine Zuflucht“

„Ich liebe Südafrika – freiwillig wäre ich nicht weg. Das war nicht einfach“, Anna Schmid schüttelt den Kopf. Ihre wasserblauen Augen, die wach hinter der Brille hervorschauen, fixieren ihr Gegenüber. Weil ihr Vater nicht mehr alleine zurechtkam, musste sie zurückkommen. Obwohl die Krankenhäuser in der Nähe damals offiziell niemanden einstellten, gaben sie ihr Arbeit. „Meine Zuflucht“, schrieb sie ins Album über das Foto von dem Krankenhaus, in dem sie arbeitete. Sie wollte Vorbild sein und erlaubte Anfängerinnen nicht, sich über Patientinnen und Patienten zu beschweren. Am Wochenende fuhr sie mit dem Zug ins Ordenshaus des Bistums und gab ihr Gehalt dort ab. Fünf Mark im Monat durfte sie behalten. Als ihr Vater 87 Jahre alt war, klagte er am Essenstisch: „Mein Kopf tut weh. Ich glaube, ich muss sterben.“ Und so kam es. „Er war ein sehr guter Mensch“, schwärmt Anna Schmid.

Nach dem Tod ihres Vaters überdachte sie ihre Lebenssituation: „Ich wollte ganz für Gott und die Menschen da sein. Die Lebensweise des Klosters passte für mich nicht mehr dazu.“ Sie trat aus dem Pallottinerinnen-Orden aus. Eine Abfindung von tausend Mark bekam sie, damit sie sich Kleidung kaufen konnte. Zur selben Zeit seien mehrere Schwestern ausgetreten. „Ich habe mich nicht schuldig gefühlt“, sagt sie. Es sei schwer gewesen, vor allem den Umgang mit Geld musste sie lernen. Aber sie hat es geschafft. Sie erinnert sich mit leuchtendem Gesicht an die Reisen, die sie als Rentnerin mit einer Freundin unternahm – auch in die Türkei, wo ihr die Menschen ebenso bescheiden vorkamen wie in Afrika.

Schlimm ist Unzufriedenheit

Einen Tag nach ihrem 92. Geburtstag bekam sie keine Luft mehr und fühlte sich so schwach, dass sie sich ins Krankenhaus bringen lassen musste. Ihre Nichte rief in 15 Seniorenheimen an, bis sie einen freien Platz fand. Nach 48 Jahren blieb Anna Schmid nichts übrig, als ihre Mietwohnung aufzugeben, in der sie sich so wohlgefühlt hatte – nur zwei Zimmer, doch ein Zuhause. Einige Möbel übernahm der Nachmieter; Liebgewonnenes, wie Handtaschen mit Rosenkränzen, wanderte auf den Müll. Schwer zu verkraften, doch sie hält es wie Hiob (19,25-27): „… ich weiß: mein Erlöser lebt, und als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen. Ihn selber werde ich dann für mich schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ Nach zwei Tagen hatte Anna Schmid sich mit dem Verlust ihrer Wohnung abgefunden.

Das Essen im Seniorenwohnheim schmeckt ihr gut, die Pflegerinnen seien freundlich. „Wir haben einen dunkelhäutigen Nachtwächter – ist das nicht interessant?“, ihre Augen lachen, die Pailletten auf ihrem rosa-grünen Oberteil glitzern im Sonnenlicht. Gestern kam ihr Pfleger nicht, mit dem sie gerne in den Garten hinters Haus gefahren wäre. Geduldig wartet die ehemalige Nonne. „Was ich schlimm finde, ist das Gemecker bei Tisch. Meine Mitbewohner waren wahrscheinlich noch nie in Afrika.“ Sie hat gesehen, wie sich eine achtköpfige Familie einen Apfel teilte. Die Unzufriedenheit in Deutschland findet sie schlimm: „Es fehlt doch nichts.“

Als Novizin in der weißen Tracht

Schwester Agnes als Novizin in der weißen Tracht (Foto privat)

Was Gott schickt

Sie war mit Leib und Seele Nonne und betet heute noch täglich den Rosenkranz. Im Buch Hiob (40,12) liest sie: „Der Herr aber segnete Hiob nunmehr reichlicher als im Anfange.“ Auch sie fühlt sich reich gesegnet: „Gott berät und erleuchtet mich. Ich rufe zu ihm, wenn ich Hilfe brauche. Er verlässt einen nicht, wenn man sich ihm hingibt. Sie fühle sich wie Hiob, der auf einem Misthaufen sitzt und ruft: „Alles, was Gott schickt, ist richtig!“ In den letzten Tagen musste sie eine Verschlechterung ihrer Gesundheit hinnehmen. Die Schwester musste ihre Handgelenke verbinden, weil die Haut dort so dünn ist, dass sie blutet, wenn sie sich anstößt. Auch die Augen machen nicht mehr mit. „Wenn der Herrgott Krankheiten schickt, muss man sie akzeptieren. Er weiß, was gut für uns ist.“ Man dürfe nicht murren, betont sie. „Ich bin ihm dankbar, dass er mir meinen Verstand gelassen hat. Ich habe meine Zeit erfüllt gelebt. Meine Eltern sind nicht mehr da; Kinder habe ich keine. Ich will lieber heute als morgen gehen.“ Sie nimmt es, wie es kommt, obwohl es jedes Jahr schwerer wird: „Wenn es Zeit wird, ruft er uns.“ Sie stellt sich vor, die vielen toten Kinder, die sie entbunden und getauft hat, kommen ihr entgegen, wenn sie einmal aus dieser Welt fortgeht.

Wir vereinbaren ein Treffen in der folgenden Woche. Über den bangen Gedanken „Wird sie noch da sein?“ legt sich der letzte Satz des Buches Hiob (49,16-17): „Und Hiob lebte danach noch hundertvierzig Jahre […] Dann starb Hiob, hochbetagt und satt an Lebenstagen.“

Mit diesem Artikel nimmt die Autorin am Wettbewerb um den Andere Zeiten-Journalistenpreis 2018 zum Thema „Älter werden“ teil.

2 Gedanken zu „Glauben wie Hiob

  1. Liebe Jutta!

    Dein Beitrag ist sehr beeindruckend. Gott sei Dank hat sich da in den Klöstern auch heute viel geändert.

    Einen ganz lieben Gruß und vom heiligen Geist immer wieder inspirierende Worte

    Luitgard (aus Röttingen)

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