Eine Kultur des Respekts

Limburg, Mainz oder Fulda. Jedes Jahr kommt Dr. Sebastian Painadath, ein indischer Jesuit, nach Deutschland, um für Missio Vorträge zu halten. Im Kloster Frauenberg gab er ein Interview – auch zum Miteinander der Religionen. Von Jutta Hajek.

Pater Sebastian feiert mit den Kursteilnehmenden einen sinnlichen Gottesdienst mit Feuer, Wasser, Blüten und Weihrauch

Pater Sebastian feiert mit den Kursteilnehmenden einen sinnlichen Gottesdienst mit Feuer, Wasser, Blüten und Weihrauch

Pater Sebastian, Sie leben im indischen Bundesstaat Kerala in einem christlichen Ashram, den Sie vor dreißig Jahren im Auftrag Ihres Ordens gegründet haben. Wie können wir uns das vorstellen?

Die Lebensform des Ashrams stammt aus dem Hinduismus. Es gibt inzwischen etwa 80 christliche Ashrams in Indien. Unser Zentrum liegt am Ufer eines breiten Flusses unter Muskat-Bäumen, eingebettet in die Natur, am Rand des Dorfes Kalady. Wir ernähren uns vegetarisch – weitgehend von dem, was auf dem Gelände wächst –, haben kein Auto und waschen unsere Wäsche selbst. Unsere Türen sind Tag und Nacht offen. Die Kinder fahren morgens auf dem Weg zur Schule mit dem Rad direkt an unserer Tür vorbei. Am Nachmittag lernen sie bei uns unter den Bäumen. Es gibt Gerüchte, dass man dann in Prüfungen viel besser abschneidet. Suchende aller Religionen – meist aus Kerala, aber auch aus Europa – kommen hierher, um sich ein paar Tage zurückzuziehen, an Exerzitien teilzunehmen und zu meditieren. Wir ermöglichen in Seminaren eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen religiösen Traditionen und denen anderer Religionen. Der Fluss, die Vögel und die Bäume haben eine heilende Wirkung auf die Psyche. Studierende nutzen unsere Bibliothek, Priesteramtskandidaten absolvieren einen Teil ihrer Ausbildung bei uns.

Wie wirkt Ihr Ashram in seine unmittelbare Umgebung hinein?

Ich arbeite in unserem Ashram Sameeksha – was „ganzheitliche Schau“ heißt – mit fünf weiteren Jesuitenpatres zusammen. Wir organisieren eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder im Dorf und unterstützen seit fünfzehn Jahren die Weiterbildung von Erwachsenen, unabhängig von der Religion. Es ist uns gelungen, zu vermitteln, wie wichtig Bildung ist. Dadurch hat sich die Lage im Dorf positiv verändert. Auch in der Ökologie engagieren wir uns. Der Fluss war gefährdet, weil Bagger Sand abgegraben haben. Mit einer Gruppe aus Dorfbewohnern haben wir uns für seine Rettung eingesetzt.

Bei uns in Kerala arbeiten viele junge Männer aus Nordindien jeweils für sechs Monate, weil die Löhne bei uns höher sind. Sie sind im Straßen- und Häuserbau oder in Bäckereien tätig und wohnen in großen Baracken, weit weg von ihren Familien. Es gibt keine gesetzliche Regelung, wer zuständig ist für die Probleme, die dabei entstehen. Ein Pater unserer Gemeinschaft kümmert sich um sie. Wenn einer von ihnen verletzt ist, bringt er ihn ins Krankenhaus. Stirbt ein Tagelöhner plötzlich, sorgt mein Mitbruder dafür, dass der Leichnam nach Hause gebracht wird. Ein anderer Pater versorgt Kranke aus der Umgebung, die bei uns Hilfe suchen. Arme kommen und bitten um finanzielle Hilfe. Wir leben im engen Kontakt zur Bevölkerung.

Wie funktioniert das Zusammenleben mit Gläubigen anderer Religionen?

Gott ist größer als alle Religionen. Auf ihn hin sind wir alle gemeinsam pilgernde Schwestern und Brüder. Zu sagen: „Wir Christen stehen über den anderen“, hilft nicht. Ich lege Wert darauf, dass bei Gesprächen im Ashram jede Religion den eigenen Weg authentisch darstellt. In der indischen Psyche ist die Vielfalt verankert, da es in unserem Land vierzehn verschiedene Sprachen mit eigenem Alphabet, viele Kulturen und Religionen gibt. Unser Zentrum ist durch gute nachbarschaftliche Beziehungen mit Mönchen eines hinduistischen Ashrams in der Nähe verbunden und mit Gläubigen anderer Religionen aus dem Dorf. Eine Geisteshaltung, die den Dialog fördert, ist uns sehr wichtig. Wir laden die Dorfbewohner regelmäßig zu interreligiösen Gebeten ein.

Unser Meditationsraum am Ufer des Poorna River hat vier Eingänge: Symbol der Offenheit für alle Kulturen und Religionen. Zu Beginn des interreligiösen Gebets entzünden wir feierlich die Öllampe in der Mitte als Symbol für die Anwesenheit Gottes. Wir singen, hören Texte aus den heiligen Schriften aller vier Religionen und meditieren miteinander darüber. Wir schließen das Gebet mit einer Lichtfeier. In den Dialogseminaren melden sich in der Art und Weise, wie wir das erklären, die eigene Sprache und eigene Glaubensinhalte. Wir versuchen nicht, Kompromisse zu finden, sondern lassen das so stehen. Die Vielfalt der Religionen respektieren und die tiefe Einheit in Spiritualität wahrnehmen – darum geht es in den Dialogseminaren. Wir fördern eine Kultur des gegenseitigen Respekts.

Pater Dr. Sebastian Painadath

Pater Dr. Sebastian Painadath

Erleichtert die Globalisierung das gegenseitige Verstehen?

Wir leben in einer begnadeten Zeit der Kirchengeschichte. Die Welt ist ein Dorf geworden. Das birgt die Chance zu einem neuen Austausch darüber, was Gottes Geist in vielen Jahrhunderten in unterschiedlichen Kulturen in den heiligen Schriften, Sitten und Traditionen geformt hat. Dieser Dialog befruchtet die christliche Theologie. Im Ashram laden wir jeden zweiten Samstag im Monat zu einem Dialogseminar ein. Ein Gläubiger oder Gelehrter einer Religion präsentiert respektvoll eine heilige Schrift einer anderen Religion. Ein Imam erklärte einmal die Bergpredigt Jesu in einer eindrucksvollen Weise, ein Hinduprofessor sprach über die ersten Verse des Koran (al fatiha), ein christlicher Theologe stellte Texte des persischen Sufi-Mystikers Rumi dar; ein katholischer Priester, der in Israel studiert hat und sehr gut Hebräisch kann, erklärte eine Stelle aus dem Talmud. Ich habe die Bhagavad Gita, eine zentrale Schrift des Hinduismus, dargestellt. Es ist uns über die Jahre gelungen, einen glaubwürdigen Weg des respektvollen Umgangs mit den anderen zu zeigen.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen?

Ja, es gibt viele Konvergenzspuren: Alle Religionen vertreten die Vorstellung, dass Gott barmherzig ist. In allen heiligen Schriften finden wir die Aussage, Gott sei Liebe und Licht. Diese Symbole verbinden unsere Herzen. Wir haben gleiche Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden, Engagement für die Armen und die Bewahrung der Schöpfung. Das gemeinsame Sitzen im Schweigen bei der Meditation ist kein Problem. Mit großer Selbstverständlichkeit beginnt in öffentlichen Schulen bei uns in Kerala der Tag mit einem universellen Gebet, an dem alle teilnehmen. Zu der katholischen Messen im Ashram sind alle eingeladen und vor allem kommen Hindus dazu. Wir schließen niemanden aus.

Sie kennen Deutschland, weil Sie sieben Jahre hier gelebt und studiert haben. Wie können wir hier zur Harmonie zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen kommen?

Viele Menschen sprechen nicht von Gott, sind aber auf der Suche, haben ein Gespür für Transzendenz. Ich habe den Eindruck, dass es im Umgang mit Fremden hier viel Hilfsbereitschaft, Mitmenschlichkeit und Offenheit gibt. Da ist die Bewegung des Geistes zu spüren. Ich staune über die Freiwilligen-Einsätze. Eine Frau aus einem meiner Kurse hat erzählt, dass sie Migranten die deutsche Sprache beibringt. Das sind Schätze, die wir achten und fördern sollten. Natürlich gibt es auch andere Tendenzen: die Türen zu schließen, sich zurückzuziehen. Bei uns gibt es die auch. Es ist enorm wichtig, Freundschaften auf Augenhöhe mit Menschen anderer Kulturen und Religionen zu schließen, denn so verschwinden viele Vorurteile und Abneigungen. Wir sollten Menschen nicht als Bedürftige, Arme, Entwurzelte sehen. Sie haben auch etwas zu geben. Dies ist ein gelungener Weg zu einer Kultur des Respektes.

Pater Sebastian zeigt die Haltung Ein-Klang aus dem Sonnengebet

Pater Sebastian zeigt die Haltung „Ein-Klang“ aus dem Sonnengebet

Was bewirken Stille und Meditation?

Wir leben in einer laut gewordenen Welt. Die verwandelnde Kraft der Stille müssen auch die Jungen neu entdecken. Es ist gefährlich, wenn die Stille keinen Platz im Leben hat. Was wächst, macht keinen Lärm – das ist die Botschaft des Baumes. Der Baum wächst im Schweigen, so auch wir. Wir meinen, wir müssten viel reden, damit wir zueinander kommen, es ist aber umgekehrt. Viele sagen am Ende eines Schweigekurses, die gemeinsame Schwingung in der Meditation habe die Gruppe geprägt und getragen. Sie spüren, wie eng sie in der Stille zusammengewachsen sind. Vieles können wir in der Stille verarbeiten. Alle Religionen treffen sich in der stillen Tiefe des Geistes.

 

Wie ist das Sonnengebet entstanden?

Als ich vor mehr als 30 Jahren anfing, in Deutschland Kurse zu geben, habe ich gesehen, dass viele Menschen hier den Leib außer Acht lassen, wenn sie zum Gebet kommen. Sie beten nur mit Worten und Gedanken. Deshalb war mein Anliegen, den Leib bewusst einzubeziehen. Er ist die Ursprache des Menschen und der erste Ort der Gotteserfahrung. 1985 ist das Sonnengebet hier aus der klassischen Yoga-Form spontan entstanden. Mitübende berichten, dass der Tag eine neue Qualität gewinnt, dass sie bei diesem Gebet eine Einheit von Leib und Seele spüren.

Was können Sie uns mit auf den Weg geben?

Viel einfacher leben, mit wenig auskommen, dann ist man glücklich. „Verzichte und genieße“ heißt es in den Upanishaden (900 – 400 v. Chr.), der Urquelle der östlichen Mystik. Verzicht auf Konsum macht Menschen innerlich frei und souverän. Ohne Verzicht kommen wir mit unserem geistlichen Leben nicht weiter.

Steffen Jahn, missio-Referent im Bistum Fulda, und Pater Dr. Sebastian Painadath

Steffen Jahn, Missio-Referent im Bistum Fulda, und Dr. Sebastian Painadath

Die Informationen über das Sonnengebet stammen aus dem Buch:
„Das Sonnengebet. Ein Übungsbuch zum Tagesbeginn“
Autor: Sebastian Painadath SJ, unter Mitarbeit von Edeltraud Ulbrich und Werner Schneider
8., überarbeitete und erweiterte Auflage erschienen 2017 im Vier-Türme-Verlag
ISBN: 978-3-7365-0079-2

Informationen über Veranstaltungen mit Pater Dr. Sebastian Painadath:
Missio Aachen, E-Mail: bildung@missio-hilft.de, Tel. 0241-7507294

Der Artikel erschien gekürzt am 25.03.2018 in Ausgabe Nr. 12 des Bonifatiusboten, der Kirchenzeitung des Bistums Fulda.

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