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Am Gängelband sicher zu neuen Zielen: eine unauffällige, aber zuverlässige Hilfe

Am Gängelband sicher zu neuen Zielen: eine unauffällige, aber zuverlässige Hilfe

Blinde und Sehbehinderte sind gelegentlich darauf angewiesen, von Sehenden geführt zu werden. Was funktioniert und worauf müssen beide Partner achten? Von Jutta Hajek

Mit diesem Artikel nimmt die Autorin an der Ausschreibung des Karl Theodor Vogel Preises 2018 der deutschen Fachpresse teil.

„Ich hatte früher große Berührungsängste mit sehbehinderten Menschen. Ich hätte mich nicht getraut zu helfen“, gesteht der 27-jährige Adrian aus der Schweiz. Doch Hilfe wird gebraucht. Laut Pro Retina e.V., einer Selbsthilfevereinigung, leiden in Deutschland rund vier Millionen Menschen an altersbedingter Degeneration der Makula, einer chronischen Augenerkrankung, die zum Erblinden führen kann. Unfall oder Krankheit können weitere Ursachen für den kompletten oder teilweisen Verlust der Sehkraft sein. Um ein sicheres gemeinsames Gehen zu ermöglichen, werden – laut Bundesverband der Rehabilitationslehrer und Lehrerinnen für Blinde und Sehbehinderte e.V. – die Angehörigen in Mobilitäts-Schulungen einbezogen. Doch auch Menschen außerhalb dieses Personenkreises können helfen.

Adrian ist bei der internationalen Begegnungswoche in Hamburg in einem „Gespann“ mit Beatrice, die blind ist. „Meine Berührungsängste habe ich schnell verloren, weil hier alle freundlich sind und sagen, was sie brauchen“, fügt er hinzu. 31 Frauen und Männer mittleren Alters sind der Einladung der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Blindenvereinigungen im deutschen Sprachraum gefolgt, Hamburg zu erkunden. Weil dafür öffentliche Verkehrsmittel benutzt werden, sind die Teilnehmenden in „Gespanne“ eingeteilt: ein Sehbehinderter und ein Sehender gehen zusammen.

Hindernisse wie Hausecken kann man umgehen.

Hindernisse wie Hausecken kann man umgehen.

Zusammen gehen, aber wie?

Wer mit wem geht, hat Margrita Appelhans, Vorstandsmitglied im Deutschen Katholischen Blindenwerk, vorher festgelegt. Wie man miteinander geht, bestimmt jedes Gespann für sich. Am ersten Tag, beim Rundgang im Stadteil St. Georg, benutzt Beatrice den „Gabelgriff“, das heißt, sie nimmt Adrians angewinkelten Ellenbogen locker zwischen den Daumen und die anderen Finger. Nach ein paar Tagen sagt Adrian ihr, dass er sich verspannt, wenn er den Ellenbogen längere Zeit anwinkelt. Möchte er beim Gehen seinen Arm eine Weile ausgestreckt hängen lassen, umfasst Beatrice sein Handgelenk. Ingeborg und Monika halten sich am so genannten „Gängelband“. Das ist eine dicke, etwa zehn Zentimeter lange Schnur mit einer Holzkugel an jedem Ende. Monika kennt dieses Band vom Wandern. Die Kugeln klemmt jede zwischen zwei Finger und schließt die Hand locker darum. So sind sie verbunden und trotzdem können sie die Arme baumeln lassen. Obwohl Monika blind ist, reicht ihr das meist. Am Schulauer Fährhaus, bei blauem Himmel und viel Platz entlang der Elbe, führen die beiden sogar ein Tänzchen auf. Auf dem Bahnhof hängt Monika sich lieber bei Ingeborg ein. Eine andere Teilnehmerin hat so ein Band selbst hergestellt. Im Bastelladen kaufte sie zwei gelochte Holzkugeln von gut zwei Zentimeter Durchmesser und eine Synthetik-Schnur, die sie in der für sie passenden Länge abschnitt. Dann knotete sie die Kugeln an beiden Enden ein.

Das Sicherheitsbedürfnis von sehbehinderten Menschen ist – genauso wie das von sehenden – unterschiedlich. Für Margrita wäre das in der Stadt nicht ausreichend. „Man kann über das Band nicht so viele Informationen übermitteln wie über den Arm.“ Sie hakt sich meist bei ihrer Begleiterin Sabine ein. Eine Teilnehmerin mit Sehrest und ihr Begleiter halten sich nur am kleinen Finger. Zwei andere geben sich die Hand. Die Geh-Varianten sind so verschieden wie die Paare.

Herausforderungen unterwegs

Es kann geboten sein, die gemeinsame Geh-Weise zu ändern, sobald Hindernisse auftauchen: Mülltonnen, Aufsteller, Schilder in Kopfhöhe, Engpässe und Menschen, die rasch an ihr Ziel kommen wollen. Wer führt, geht einen halben Schritt vor dem, der geführt wird. Zwei brauchen doppelt so viel Platz wie einer. Wer vorausgeht, sollte auch vorausschauen: Wo steht etwas im Weg, auf das ich hinweisen kann? Wo müssen wir ausweichen? Immer wieder gibt es Situationen, in denen man hintereinander gehen muss. Auch hier findet Margrita es praktisch eingehakt zu sein: „Sabine kann mir durch eine Armbewegung signalisieren: Jetzt wird es eng. Ich wechsle dann mit der Hand auf die Schulter und gehe hinter ihr.“ Das ist zum Beispiel auf Rolltreppen notwendig. Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Blinde sich am Rucksack des Sehenden festhält. Vorteile sind, dass der Sehende keine freie Hand braucht und der nicht Sehende direkt hinter dem Sehenden geht, was an Gefahrenpunkten wichtig ist. Außerdem sorgt der Rucksack für mehr Abstand. Nachteilig ist, dass man so nicht gut miteinander reden kann. Bei breiten, ebenen Wegen kann für eine Weile ein Minimum an Körperkontakt reichen: die Außenfläche der Hand an der Hüfte dessen, der führt. So ist möglich, Fotos aufzunehmen. Passanten bleibt dann verborgen, dass einer von beiden nicht sieht.

Ingo und Matthias kennzeichnen sich durch gelbe Anstecker mit schwarzen Punkten

Ingo und Matthias kennzeichnen sich durch gelbe Anstecker mit schwarzen Punkten

Kennzeichnen ist Pflicht

Sind Menschen mit Behinderung alleine unterwegs, müssen sie nach dem Gesetz den anderen anzeigen, dass sie sich nicht sicher im Verkehr bewegen können. Das können Sehbehinderte und Blinde durch den weißen Langstock, einen Blindenhund im weißen Führgeschirr und mithilfe gelber Armbinden erreichen. Zwei Teilnehmer mit Sehrest tragen deshalb gelbe Anstecker mit schwarzen Punkten. Manche in der Gruppe halten ihren Langstock immer in der Hand, um Hindernisse zu orten. Margrita benutzt ihn dagegen nicht, wenn sie mit Begleitung unterwegs ist. Die Gespanne spielen sich immer besser ein. Eine mit spannenden Ausflügen gefüllte Woche geht zuende. Ein Teilnehmer aus der Schweiz erzählt eine Anekdote vom ersten Tag in St. Georg: „Jemand hat mich angehalten und gerufen: ‚Toll, wie Sie Blinde begleiten; das will ich auch!‘ Ich habe geantwortet: Ist selbstverständlich – das ist meine Frau.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 02/2017 der Sozialcourage der Caritas.

Infos

Dachverband der Selbsthilfevereine des Blinden- und Sehbehindertenwesens:
Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV)

Deutsches Katholisches Blindenwerk e.V. (DKBW)

Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen:
Pro Retina Deutschland e.V.

Bundesverband der Rehabilitationslehrer/-lehrerinnen für Blinde und Sehbehinderte e.V.

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