Ein Klick genügt

Markus Marte auf dem Balkon seiner Marburger Wohnung

Markus Marte auf dem Balkon seiner Marburger Wohnung

 

Der blinde Amerikaner Daniel Kish entwickelte die Methode des Klick-Sonars, der aktiven Echo-Ortung, um Menschen mit Blindheit oder hochgradiger Sehbehinderung die Orientierung zu erleichtern und mehr Selbständigkeit zu ermöglichen. Was bringt diese Technik im Alltag? Können auch ältere Menschen sie erlernen?

„Anfangs war ich skeptisch gegenüber dem Klicken“, gesteht Markus Marte, der im Alter von vier Jahren durch einen Gehirntumor erblindete. Auf dem Heimweg von der Deutschen Blindenstudienanstalt e.V. (blista) in Marburg, wo er in der Rehabilitation arbeitet und Schüler und Späterblindete am PC und in Blindenschrift unterrichtet, braucht er es selten, da er den Weg kennt. Doch wenn er in seiner Wohnung angekommen ist und auf den Balkon mit den kirschroten Geranien hinaustritt, klickt er einmal und weiß, ob die automatische Markise eingerollt ist. Der grau-weiß gestreifte Stoff, den er nicht sieht, reflektiert den Laut, den Marte produziert. Untersuchungen haben nachgewiesen, dass durch das Klicken ein dreidimensionales Bild der Umgebung im visuellen Cortex des Gehirns entsteht, wie es Fingerschnippen oder Stockgeräusche nicht produzieren können.

Eigenen Klang finden

Den Eingang zu den Mülltonnen findet Markus Marte auch ohne Stock
Den Eingang zu den Mülltonnen findet Markus Marte auch ohne Stock

Das Schwierigste an dieser Technik sei, einen scharfen Laut zu produzieren: „Man saugt die Zunge oben am Gaumen fest und zieht sie dann schnell weg“, erklärt der schlanke, grauhaarige 46-Jährige. Am Anfang höre sich das wie Schmatzen an. Mit etwas Übung werde der Ton knackiger. Jeder müsse seinen eigenen Klang finden. „Wenn ich eine Kiste mit Papier, die ich in beiden Händen halte, zur Mülltonne trage, kann ich keinen Stock mitnehmen. Dann klicke ich meinen Weg über den Hof an den Straßenrand, wo die Tonnen stehen. Es ist eindeutig zu hören, wo sich die Öffnung in der Umzäunung befindet. Wenn ich etwas in der Wohnung suche, klicke ich leise.“ Erlernt hat er diese Technik 2011.

 

Klicken ersetzt nicht den Langstock

In diesem Jahr gründeten Ellen Schweizer und Steffen Zimmermann als Eltern eines blinden Kindes den Verein Anderes Sehen e.V. Sie holten Daniel Kish, den Entwickler der aktiven Echoortung, für Workshops nach Deutschland. Auch Mitarbeiter der blista nahmen teil und boten daraufhin einen dreitägigen Kurs mit Daniel Kish in Marburg an. Er arbeitete vor allem mit Schülern. Markus Marte, damals vierzig, konnte als „Versuchskaninchen“ für das Klick-Sonar mitmachen. „Eindrucksvoll“ waren die zwei Stunden Training mit Daniel Kish und sie reichten aus, um selbst weiter zu üben.

Nie habe Kish gesagt, das Klicken ersetze den weißen Langstock, im Gegenteil. Stolperfallen am Boden und Abgründe seien durch diese Technik nicht zu orten. Alles, was oben ist, reflektiert den Schnalzlaut gut. Markus Marte hilft es, dass er als Kind – anders als die heutige Generation – darauf getrimmt wurde, auf Geräusche zu achten. Marte sieht das Klicken, das die Wahrnehmung schärft, als Ergänzung zum Langstock. In seiner Freizeit fährt er Tandem und geht joggen – ohne Stock, aber durch ein Band mit einem Assistenten verbunden. Ohne sehende Begleitung würde er weder eine Bergtour machen noch Mountainbike fahren.

Die Glascontainer ortet Markus Marte durch Klicken Richtung Boden

Die Glascontainer ortet Markus Marte durch Klicken Richtung Boden

Unterwegs in der Nachbarschaft setzt er das Klicken vor allem ein, wenn er eine Straße überquert. Erst horcht er, ob ein Auto vorbeifährt, dann klickt er ein paarmal leise und weiß: der Weg ist frei! Eine Hauswand nimmt er durch die Umgebungsgeräusche, die sie reflektiert, auch ohne Klicken wahr – das nennt man passive Echo-Ortung –, doch den Eingang findet er am besten durch ein paar gezielte Klicks in die vermutete Richtung – die aktive Echo-Ortung. Besonders gut funktioniert es, wenn der Eingang überdacht ist, weil das Dach den Schall nach unten zurückwirft. Wenn er leere Flaschen wegbringt, findet Marte die schmalen Einfüllstutzen der Glascontainer, die in den Boden eingelassen sind, indem er mit gesenktem Kopf ein paarmal klickt. Auf dem Weg vorbei an einem Straßencafé fädelt er dann doch mit dem Stock in einen Stuhl ein, auf dem ein junger Mann in der Sonne sitzt. „Sie müssen nach links!“, warnt der und Marte bedankt sich. In Marburg gehören Menschen mit weißem Stock ganz selbstverständlich dazu. Sehende und Nicht-Sehende gehen hier locker miteinander um, was Marte als Riesenvorteil empfindet.

Ist Klicken schon wieder out?

In den Weg ragende Container kann Marte schon aus einiger Entfernung am Echo erkennen

In den Weg ragende Container kann Marte schon aus einiger Entfernung am Echo erkennen

2015 organisierte die blista zusammen mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV) einen Kurs für Klick-Sonar. Spannend sei es für ihn gewesen, die jungen Leute bis 35 Jahre zusammen mit zwei anderen blista-Mitarbeitern zu unterrichten. Als blinder Mensch könne man andere viel besser auf Feinheiten hinweisen. Drei Lehrer kümmerten sich um je zwei bis drei Schüler. „Der Kurs war gut!“, lobten die Teilnehmenden. Marte hat nicht nur junge Leute, sondern auch 70-Jährige erlebt, die das Klicken ausprobierten und davon profitierten. 4,5 Millionen Menschen bundesweit sind nach Angaben des DBSV von der altersabhängigen Makula-Degeneration betroffen, die die Sehzellen in der Netzhautmitte angreift. Wer noch einigermaßen gut hört, könnte die aktive Echo-Ortung für sich nutzen. Doch die Klicksonar-Welle ebbt ab, hat Markus Marte den Eindruck. Er findet es schade, dass sich zu einem kürzlich von der blista ausgeschriebenen Einführungsseminar für Orientierungs- und Mobilitätstrainer niemand angemeldet hat.

Mehr Sicherheit im Alltag

Womöglich liege es daran, dass es manchen Menschen peinlich ist: „Wie sieht es aus, wenn ich klickend durch die Gegend laufe?“. Der Ton, den Marte beim Klicken erzeugt ist kurz und hoch. Dabei öffnet er den Mund nur wenig. „Ist es denn besser, wenn ich ständig etwas umrenne?“, versucht er Bedenken zu entkräften: „Die Leute hören das nicht und ich kann es dosieren, wie ich es brauche.“ In unbekanntem Gelände, draußen wie drinnen, sei die Technik unwahrscheinlich nützlich. Man müsse sie nicht perfekt beherrschen, um sie für sich zu nutzen, ermutigt er. Das Klick-Sonar hat Martes Radius nicht erweitert – „ich hatte auch vorher schon große Freiheiten“ – ihn aber sicherer gemacht.

Informationen:

Deutsche Blindenstudienanstalt e.V.
Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.
Anderes Sehen e.V.
Deutsches Katholisches Blindenwerk
Daniel Kish’s Organisation World Access for the Blind

Der Artikel erschien in Ausgabe „Sommer 2018“ des Magazins „Sozialcourage“  der Caritas.

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