Wie Kochen Flüchtlingen helfen kann

HR-Moderator Thomas Ranft und Rafik Schami sprechen über Suppen für SyrienDer syrisch-deutsche Autor Rafik Schami spricht auf der Frankfurter Buchmesse mit HR-Moderator Thomas Ranft über Gastfreundschaft und wie die Dünnhäutigkeit von Diktatoren ihr schadet, über das Kochen und wie es Flüchtlingen helfen kann und über seine Heimat Syrien.

Um ein „Vorwörtchen“ hatte der Dumont Verlag Rafik Schami gebeten, doch dann wurde es ein ausführliches Vorwort und aus den versprochenen zwanzig Buchvorstellungen sind bisher vierzig geworden. Der Geschichtenerzähler Rafik Schami unterstützt damit ein Projekt von Barbara Abdeni Massaad, einer Fotografin und Autorin, die aus dem Libanon stammt und in den USA lebt. Sie kehrt immer wieder in ihre Heimat zurück. Überrascht war sie, im Winter 2014/15 in der Nähe ihres Beiruter Hauses ein Flüchtlingslager zu finden, in dem eine halbe Million Menschen wohnten. Ein Lager dort sei ein staubiger Platz, die Zeltplanen dünn und wenn es regne, stehe man im Schlamm, erklärt Schami – mit einem europäischen Campingplatz sei das nicht zu vergleichen.

Am nächsten Tag ging Barbara Abdeni Massaad auf den Markt, kaufte Gemüse, packte es in ihr Auto und kochte Suppe für fünfzig syrische Flüchtlingsfamilien. Aus diesen regelmäßigen Aktionen entstand die Idee, ein Kochbuch herauszubringen. Hundert berühmte Köche weltweit bat ihr Verlag um ein kostenfreies Suppenrezept und eine Stellungnahme zur Flüchtlingskrise. Siebzig machten mit. In Amerika ist das Buch mit 400.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller. In der deutschsprachigen Ausgabe kommen beispielsweise Sarah Wiener und Christian Rach zu Wort. Der Verlag Dumont, den man gebeten hatte, zehn Prozent des Bucherlöses an den Flüchtlingshilfeverein Schams e.V. zu spenden, der vor Ort langfristige Projekte für syrische Kinder ins Leben ruft und betreut, sagte hundert Prozent zu. Slow Food Deutschland e.V. unterstützt das Buch – eine Bewegung, die sich dafür einsetzt, dass jeder Mensch Zugang zu Nahrung hat, die sein Wohlergehen sowie das der Produzenten und der Umwelt erhält.

Rafik Schami kann sich mit dem Projekt identifizieren, denn er liebt Suppen, sie haben für ihn etwas Willkommenheißendes, schenken Wärme, ein Gefühl des Geschütztseins. Kochen sei ein wenig wie Schreiben: Man beginne mit neutralen Ausgangsprodukten und wisse nicht, wie das wird. Manchmal komme etwas völlig Exotisches dabei heraus oder es gehe daneben. Es reizt ihn, Rezepte zu verändern: mehr Olivenöl hineinzugeben oder die Schärfe herunterzunehmen. Kochen verbinde Menschen. Er erinnert sich an seine Heimatstadt Damaskus, wo er in einer christlich-aramäischen Familie aufwuchs. Immer stand die Türe seines Elternhauses offen. Der Onkel konnte hereinkommen, ohne zu klopfen, und die Mutter stellte ihm immer einen Teller hin. Doch Diktaturen vernichten, so Rafik Schami, nicht nur Menschen und Ressourcen, sondern auch jahrtausendealte großartige Sitten und Gebräuche, darunter den der Gastfreundschaft. Unter den Fremden und Nachbarn die in seinem Elternhaus Gäste waren, muss ein Spitzel gewesen sein. Plötzlich war der Vater verschwunden, weil er in einem Nebensatz einen Witz über den Präsidenten gemacht hatte. Diese Spitzeltätigkeit habe die Leute ängstlich gemacht. Schamis Geschichten seien dauernd zensiert worden, nur die Hälfte übrig geblieben. Immer wenn er über ein „dummes Schwein“ schrieb, habe der Präsident sich angesprochen gefühlt. Schließlich floh Schami in den Libanon und kam von dort nach Deutschland, wo er sich 1971 niederließ. Seit 1977 schreibt der promovierte Chemiker in der deutschen Sprache.

Rafik Schami ermutigt seine deutschen Freunde: „Schämt euch nicht, zu sagen ‚Ich habe Angst vor Fremden‘, denn das sei ein Reflex des Überlebens. Reden wir lieber offen darüber, bevor die Populisten das beschlagnahmen. Reden wir darüber, dass jeder Angst vor Fremden hat, bis er Sicherheit fühlt.“ Um die Gastfreundschaft wiederherzustellen müsse man auf beiden Seiten arbeiten, denn „Integration ist keine Einbahnstraße.“ Die Deutschen seien großartige Gastgeber und er sei stolz darauf, dass sie, „ihr Herz auf der Hand getragen haben.“ Zehn Ratschläge hat Schami aufgeschrieben, die inzwischen in sechs Sprachen übersetzt sind, an die Flüchtlinge sich halten müssten, denn ein Gast habe auch Pflichten. Nur so könne man die Angst auf beiden Seiten abbauen. Die Flüchtlinge müssten zum Beispiel akzeptieren, dass in den Ländern Europas Frauen und Männer gleichberechtigt sind – ohne Wenn und Aber.

Zwei seiner eigenen, in diesem Jahr erschienen, Bücher stellt Rafik Schami ebenfalls vor: „Sami und der Wunsch nach Freiheit“ und „Sophia oder der Anfang aller Geschichten“. Das erste, im August herausgekommen, dreht sich um zwei unzertrennliche Freunde vor dem Ausbruch der syrischen Rebellion. Sie leben in Armut, können sich aber an Kleinigkeiten freuen. Sami stürzte sich in jedes Abenteuer, verliebte sich, verletzte sich und trug zahlreiche Narben davon: die Narbe der Katze, die Narbe der Liebe, die Narbe der Freiheit. Sein Freund Scharif floh nach Deutschland, erzählte die Geschichten Rafik Schami und der schrieb sie „gewürzt“ auf. Das zweite, im Oktober erschienene Werk erzählt von Salman, ein Rückkehrer aus dem Exil, den ein Cousin, der beim Geheimdienst arbeitet, in Damaskus in eine Falle lockt.

Ob er glaube, dass sein Land in absehbarer Zeit befriedet werden könne, will Moderator Thomas Ranft von Rafik Schami wissen. Er habe früher gehofft, eines Tages mit seiner Frau und seinem Sohn Syrien zu besuchen zu können, um ihnen zu zeigen, wo er aufgewachsen ist, antwortet der 71-Jährige. Diese Hoffnung sei weitgehend zerstört, denn Syrien sei eine Arena für die Mächte geworden. Sein Heimatland habe das Pech, in einer geografisch wichtigen Position am Mittelmeer zwischen Israel, der Türkei, Jordanien, Libanon und dem Irak zu liegen. Doch Rafik Schamis These lautet: „Wer erzählt, der hofft“ und er wird weitererzählen.

Rafik Schamis zehn Ratschläge für Zuwanderer

Slow Food Deutschland e.V.

Buchmesse Frankfurt

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