Tiefe – eine Geschichte von Jutta Hajek

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Platt wie ein Pfannkuchen liegt das Meer vor mir. Möwen krakeelen über dem Strand, lassen sich auf dem Dach eines unfertigen Baus nieder. Ich lege meine Strandmatte neben ein verrostetes, rotes Metallgestell, das ein wenig Schatten spendet, und stelle meine Tasche ab. Mit meinen Stoffschuhen beschwere ich die Matte, damit der Wind sie nicht umklappt. Noch ist er sanft, doch gegen Mittag frischt er meist auf. Meine kurze Hose und das grasgrüne Shirt streife ich ab, im Bikini hüpfe ich durch den heißen Sand ins flache Wasser.

Hier sehe ich bis auf den Grund: Muscheln, Schneckenhäuser, Krebse, einen Schwarm kleiner Fische, eine Qualle. Durchsichtig wabert sie wie Gelee auf dem welligen Meeresboden dahin. Ich verlagere mein Gewicht auf das linke Bein und versuche, mit dem rechten Fuß ein spitzes Schneckenhaus aus dem knietiefen Wasser zu fischen. Es entwischt mir und glitscht zurück auf den Meeresboden. Dort angekommen, rennt es weg! Es hat einen Bewohner, der muss sich erschreckt haben. „Kiaaaa kiaaaa, kwa kwa kwa kwa“, lachen die Möwen.

Ich lasse mich ins Wasser gleiten und schwimme in weiten Zügen auf eine orangerote Boje zu. Vor mir treibt eine flaumige weiße Feder. Sie ist so leicht, dass sie nicht nass wird. Da spüre ich eine Berührung am Rücken. Das muss das Band meines Oberteils sein, denke ich, greife danach und merke, da ist kein Band. Es waren blassblaue Fische, die an mir vorbeistrichen. Auf und ab tragen mich die Wellen, ich träume und schaue hinüber zum anderen Ufer, zu den Hügeln, die im Dunst liegen und das Meer einbetten.

„Weißt Du, warum das Meer ‚Schwarzes Meer‘ heißt?“, fragt Regina beim Abendessen. Ich schüttle den Kopf. „Weil es so tief ist“, erklärt sie, „an der tiefsten Stelle über zweitausend Meter.“ Am nächsten Tag spüre ich beim Baden in diese Tiefe hinein. Klein fühle ich mich in diesem großen Meer, aber auch aufgehoben zwischen Fischen, Krebsen und Schnecken, von Gott geliebt und behütet, genau wie sie – und unendlich frei.

Erschienen in der Lux Vera, dem Organ der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Blindenvereinigungen im deutschen Sprachraum (Ausgabe 10/2017).

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