„Wir müssen unseren Glauben erklären“

 

Die Freude über das Geschenk seiner Berufung ist dem Neupriester Michael Brien – hier mit Ordensfrauen – ins Gesicht geschrieben

Die Freude über das Geschenk seiner Berufung ist dem Neupriester Michael Brien – hier mit Ordensfrauen – ins Gesicht geschrieben

Der Neupriester Michael Brien spürt bei den Menschen eine große Sehnsucht nach Religion. Von Jutta Hajek

Die Domherren in ihren purpurnen Gewändern schritten nach vorne; wie an einer Perlenschnur folgten weitere hundert Priester; einer nach dem anderen legte den drei knieenden Weihekandidaten die Hände aufs Haupt und segnete sie. Das war der bewegendste Moment für Michael Brien am Pfingstsamstag, als Bischof Georg Bätzing ihn im Limburger Dom zum Priester weihte. Am Tag danach feierte er zum ersten Mal selbst heilige Messe – die Primiz – in seiner Heimatpfarrei Maria Himmelfahrt in Königstein im Taunus, wo er seine Diakonatszeit verbracht hatte.

Was ist ein Sakrament?

Schnell habe er ins Priestersein hineingefunden, berichtet er, und seit seiner Weihe fast täglich eine Messe gefeiert. Es sei ein schönes Gefühl, für die Gemeinde da zu sein und angenommen zu werden. Offensein für Gespräche hat eine hohe Priorität für Brien. Treffen vor einer Taufe, Hochzeit oder Beerdigung legt er oft auf seinen freien Tag, damit er Zeit hat. Meist sei ein Elternteil oder Partner evangelisch oder nicht gläubig, so Brien. Mit einem aus der evangelischen Kirche ausgetretenen Vater habe er drei Stunden diskutiert und sich beschenkt gefühlt. „Was ist ein Sakrament für Sie?“ fragt der Pfarrer zuerst. Oder er will wissen, wie die Angehörigen sich Auferstehung vorstellen.

Wie kann Gott Leid zulassen?

Die Frage, wie Gott Leid zulassen könne, hört er oft. „Das kann man nicht beantworten“, sagt er, „ aber ich denke, dass es einen tiefen Sinn hat.“ Ehrlich sein und jeden ernst nehmen, auch die Kinder, sei Voraussetzung für ein vertrauensvolles Gespräch. Fragen beantworten, auf die wir eine Antwort haben und Glauben vorleben, wo wir mit Erklärungen nicht weiterkommen, ist seine Grundhaltung. Die Berufskleidung erleichtere ihm, auch mit Nachbarn oder Fremden über „unsere fröhliche, befreiende Religion“ zu sprechen. Mithilfe des Heiligen Geistes hofft er, bei den Menschen etwas zu bewirken.

Wollen Sie so weitermachen?

Michael Brien war nicht immer so verwurzelt im Glauben. Mit 18 Jahren trat der gebürtige Berliner aus der evangelischen Kirche aus. 1995 kam er mit Symptomen wie bei einem heftigen Magen-Darm-Infekt ins Krankenhaus. „Sie müssen sich überlegen, ob Sie so weitermachen wollen“, mahnte eine Ärztin, die sah, dass mehr dahinter steckte. Er kündigte seine aufreibende Stelle als Übersetzer und Dolmetscher in Frankfurt und schlief ein halbes Jahr viel. Als er dasaß und überlegte, was er nun mit seinem Leben anfangen wolle, fiel sein Blick auf das Buch „Geliebter und berühmter Arzt“ von Taylor Caldwell, einer Biografie des Evangelisten Lukas. Er las es und begann, sich mit Religion auseinanderzusetzen und intensiver zu beten.

 

Pfarrer Brien hört zu, was die Menschen brauchen.

Pfarrer Brien hört zu, was die Menschen brauchen.

 

Gott erwartet mehr

Evangelische Gottesdienste gaben ihm weiterhin nicht viel. Ein Freund nahm ihn in einen katholischen Gottesdienst mit. „Wenn ich aus dieser Krise herauskomme, trete ich in die katholische Kirche ein“, gelobte er. Bald fühlte er sich besser und fand eine neue Festanstellung als Übersetzer. Nach vierjähriger Vorbereitung erfüllte er sein Gelübde. Obwohl er sich in der Liturgie anfangs schwer zurechtfand, fasziniert Brien die sakramentale Form der katholischen Messe mit der Eucharistie im Zentrum: „Gott spricht den Menschen an und der Mensch antwortet in der Feier.“ Gerade bei der Krankensalbung werde spürbar, dass Jesus selbst sich dem Kranken zuwende. Als 2009/10 im „Jahr der Priester“ viele der katholischen Kirche wegen Missbrauchsskandalen den Rücken kehrten, beschloss Brien mit 46 Jahren Priester zu werden. Er merkte: „Ich werde gebraucht. Gott erwartet mehr, als dass ich einmal in der Woche in der Kirche sitze.“ Seine nicht gläubige Mutter habe monatelang nur das Nötigste mit ihm geredet, ihm aber zu seinem Eintritt ins Priesterseminar ein Federbett gekauft. Sein Bruder kam zur Weihe.

Geistwirken ist spürbar

Geistwirken ist für Michael Brien unmittelbar spürbar. Der 53-Jährige lässt sich von seiner Intuition leiten, in wichtigen Entscheidungen und im Alltag, wie beim Schreiben von Predigten. „Ich lerne dabei und freue mich, wenn ich erreiche, dass die Leute sich mit religiösen Fragen beschäftigen.“ Es wundere ihn, wie wenige Glaubenswahrheiten selbst Katholiken bekannt seien. Er spüre eine große Sehnsucht nach Religion. „Ich möchte den Menschen leicht machen, in unseren lebensbejahenden katholischen Glauben und Ritus zu finden, ohne Angst, sich zu blamieren.“ Nachteile unter Kollegen als Konvertit empfindet er nicht. Er hat als Diakon in Königstein fast alle ökumenischen Gottesdienste mitgestaltet – „meinen Teil ganz katholisch, zum Kennenlernen.“

 

Frau Beckermann spricht Pfarrer Brien auf die gelungene Primiz an.

Pfarrer Michael Brien und Frau Beckermann sprechen über die Primiz.

Hinhören

In der Fußgängerzone trifft Pfarrer Brien Frau Beckermann, eine ehemalige Mitarbeiterin des Pfarrbüros, die ihn auf seine Primiz anspricht. In acht Wochen muss er sich von seinen Gemeindemitgliedern verabschieden, denn ab September wird er als Kaplan in der Pfarrei Unsere Liebe Frau in Wetzlar, 70 Kilometer nördlich von Frankfurt, arbeiten. „Besuchen Sie mich“, lädt er ein. In Wetzlar will er es genauso halten wie bisher: den Glauben erklären, ansprechbar sein und hinhören, was gebraucht wird – denn er liebt die Menschen.

Erschienen am 21.07.2017 in Die Tagespost.

 

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