Oben

Kurzgeschichte von Jutta Hajek

Fertig, endlich, wie lange diese Waschmaschine immer braucht! Noch schnell die nassen Sachen aufhängen, dann los. Der Pfad beginnt am Ortsrand und führt sie in den Wald. Ein Baldachin aus Blättern beschirmt sie und rauscht, vom Wind bewegt. Sie schreitet aus, der Atem kommt schneller. Einen Fuß vor den anderen, steigt sie höher hinauf und lässt alle Pflichten hinter sich.

Über Felsplatten erreicht sie die Kanzel. Sie legt die Hände auf das Geländer und ihr Blick gleitet über winzige Häuser und Straßen, über Gassen und Plätze. Ein kühler Windstoß aus West bläst ihr ins Gesicht. Sie schüttelt den Kopf, lässt ihr federweiches Haar wehen, atmet durch, riecht die erdige Feuchte des Abends. Wolken rasen dahin. Sie legt den Kopf in den Nacken, beobachtet den Kaiseradler, der sich vom Aufwind mitnehmen lässt, frei, nicht zu halten. Da klatscht ein Tropfen auf ihre Stirn. Er kitzelt ihre Wimpern, rollt die Wange hinunter. Noch einer. Der nächste bringt Verstärkung mit, wäscht ihr alle Anspannung vom Gesicht.

Sie stülpt sich die Kapuze ihrer Wetterjacke über den Kopf, zieht die Schultern hoch und sieht zu, wie die Stadt im Dunst versinkt.

Ich will noch nicht zurück.

Unten im Garten huscht ein Mäuschen in sein Loch. Sein braunes Fell glänzt. Socken tropfen an der Wäscheleine. Ein Luftstoß klappt das gekippte Küchenfenster zu.

Oben auf dem Felsen hört sie den Ruf des Adlers, ihres Gefährten, der über ihr seine Kreise zieht. Sie reckt sich, öffnet ihre Schwingen und gleitet ihm entgegen.

 

 

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