Ein Leuchten

Ein Leuchten -japanische Zierkirsche

Kurzgeschichte von Jutta Hajek

Sie legte den Hebel um, zog die Schiebetüre auf, trat auf die Terrasse und schaute hinauf zum Baum, dessen Zweige von rosaroten Blüten bedeckt waren. „Wie schön du aussiehst!“, flüsterte sie. Auf einmal löste sich eine Kirschblüte und landete auf ihrer Nase. Sie erschrak, dann musste sie lachen. Wollte ihr grüner Beschützer antworten?

Seit der vorherigen Woche hatte sie täglich nachgeschaut, ob die Knospen sich öffneten, und sie mit Jubel begrüßt. Innerhalb weniger Tage, manchmal Stunden, wenn die Sonne den Garten wärmte, öffneten sich alle Blütenkelche und der Baum streckte, eingehüllt in sein Festgewand, die Arme in den blauen Himmel. Die fünfstämmige japanische Zierkirsche überspannte den Garten und leuchtete vor Daseinsfreude, legte jedes Quäntchen Kraft in die Blüten, obwohl sie ihr nichts nutzten, da sie keine Früchte ansetzen konnte. Bald würde der Zauber vorbei sein, die Blütenpracht auf der Wiese liegen, heruntergewaschen vom Regen, der angekündigt war. Die grünen Blätter, die der Baum nach dem frostreichen Winter zum Überleben brauchte, spitzten hervor, winzig verglichen mit den pinkfarbenen Blütenknäueln, vor denen auch das dürrste Ästchen nur so strotzte.

Wie sehr sie sich wünschte, auch einmal etwas nutzlos Erscheinendes zu tun, nicht abzuwägen und sich dann vielleicht doch dagegen zu entscheiden, sondern einfach darauf los zu blühen, so ein Leuchten in ihr Leben zu bringen, Neues anzufangen, ohne zu fragen: Wohin führt mich das? Sie sog den Duft ein, der sie umschwebte, wippte auf den Zehenspitzen, summte eine Melodie, die am Morgen im Radio gelaufen war. Eine Leichtigkeit ergriff sie, die sie vermisst hatte. Der Baum schien ihr zu sagen: „Schau her! Eine Woche im Jahr ziehe ich mein Festtagskleid an und leuchte nur für Dich. Wenn Du Dich freust, ist es genug.“

Sie hob die Kirschblüte auf, ein Leuchten legte sich auf ihr Gesicht.


Veröffentlichung in der Ausgabe Mai 2017 der Lux Vera, des Magazins der Arbeitsgemeinschaften der Blindenvereinigungen im deutschen Sprachraum. Diese Publikation erreicht 1.200 Menschen mit Sehbehinderung als E-Mail, in Großdruck, in Blindenschrift oder als Hörmedium. Lux Vera Archiv – Ausgabe April 2017

Mit dieser Geschichte nimmt die Autorin am Journalistenwettbewerb 2017 von Andere Zeiten e.V. teil. Aus der Ausschreibung: „Wo gibt es Plätze, die Menschen besonders bewegen? Die Biografien prägen? An denen Menschen Orientierung finden? Wir suchen Geschichten von Menschen und ihren anderen Orten, die erlebbar machen: Es gibt auf dieser Welt mehr, als wir sehen.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s