Wer will schon normal sein

Der Berliner Schauspieler Sebastian Urbanski plädiert für ein gutes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. Ein Porträt von Jutta Hajek

Sebastian Urbanski, 39 Jahre alt, ist Schauspieler. Foto: Jonas Ludwig Walter

Sebastian Urbanski, 39 Jahre alt, ist Schauspieler. Foto: Jonas Ludwig Walter

Im Himmel gibt es Streit. Gott und Luzifer sind sich einig, dass eine neue Sintflut fällig ist, doch zwei Erzengel wollen auf Erden drei ‚gute‘ Menschen finden als Beweis, dass die Menschheit noch eine Chance verdient. Doch niemand in „Downtown“ hat im täglichen Überlebenskampf etwas für sie übrig. Als sie schließlich Gastfreundschaft von drei Frauen mit Down-Syndrom erfahren, zögern die Erzengel: Zählt das Gutsein überhaupt, wenn es eine Art Geburtsfehler ist?

„Sehr anstrengend“, seien die Proben für dieses aktuelle Theaterstück „Der gute Mensch von Downtown“ heute gewesen, sagt Urbanski, der in dieser Inszenierung mit Eva Mattes zusammen spielt. Trotzdem hört er sich locker an, als er nach vier im Büro des Berliner Theaters RambaZamba Fragen beantwortet. Genauso locker wirkte der 39-Jährige am 27. Januar 2017 im Deutschen Bundestag, wo er im schwarzen Anzug, die Textseiten fest in der Hand, an genau dem Rednerpult stand, an dem Angela Merkel und andere große Politiker sonst stehen. Er trug am Holocaust-Gedenktag einen Brief Ernst Putzkis an seine Mutter vor, den dieser im September 1943 in der hessischen Sterbeanstalt Weilmünster geschrieben hatte. Er war als „geisteskrank“ dort eingewiesen worden. „Wir wurden nicht wegen der Flieger verlegt, sondern damit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann“, schrieb der 41-Jährige. Urbanski schüttelt beim Lesen den Kopf und fragt sich insgeheim, wie schlecht es den Menschen in dieser Anstalt gegangen sein muss, dass sie mit Heißhunger über verdorbenes „stinkendes Birnenmus“ herfielen.

1945 wurde Putzki ermordet – einer von etwa 300.000 behinderten, kranken oder unangepassten Menschen, die damals in Europa systematisch vernichtet wurden. Die Bundestags-Abgeordneten hörten Urbanski betroffen zu, viele den Kopf in den Händen. Zum ersten Mal dachte man besonders an die Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen der NS-Zeit und Sebastian Urbanski war der erste Mensch mit geistiger Behinderung, der im Deutschen Bundestag sprach. Er hat das Down-Syndrom, bei dem das 21. Chromosom ganz oder in Teilen dreifach vorliegt.

Riesenhaftes Glück und gute Vorbereitung

Vorbereitet auf den Vortrag hatte sich Sebastian Urbanski mit Gisela Höhne, der Gründerin des integrativen Berliner Theaters RambaZamba, in dem er zum Ensemble aus 35 Schauspielerinnen und Schauspielern mit den unterschiedlichsten Behinderungen gehört. Die promovierte Theaterwissenschaftlerin spricht von Menschen mit “einer anderen geistigen Ordnung”, die wichtige Teile der Gesellschaft sind. „Frau Höhne hat mit mir geübt und mir Mut zugesprochen. Ich wusste, mit ihrer Hilfe kann ich das schaffen.“ Und er hat es geschafft. Auf seinen Vortrag hat er nur positive Reaktionen erhalten. Viele Menschen hätten ihm geschrieben oder ihn persönlich angesprochen, berichtet er. Sie sagten, sie hätten Respekt, er sei sehr gut, er sei mutig gewesen. Stolz und Ehrfurcht habe er bei seinem Vortrag im Bundestag empfunden, so Sebastian Urbanski. Auf jeden Fall würde er wieder dort sprechen, wenn er gefragt würde.

Sebastian Urbanski als Tänzer in der Inszenierung

Sebastian Urbanski als Tänzer in der Inszenierung „Jahreszeiten“ (Regie: Gisela Höhne) / Tomi Passonen). Foto: Rob de Vrij

Auch sonst habe er in seinem Leben immer „riesenhaftes Glück“ gehabt. Als Schauspieler im Theater RambaZamba zu arbeiten sei ein großes Glück für ihn und die Menschen dort hätten ihm viel ermöglicht. Begonnen hat alles beim Puppenspiel mit dem Vater, später spielte er seinen Eltern Filmszenen vor. Die vereinbarten ein Vorstellungsgespräch im integrativen Theater. Er bekam die Stelle. Schrittweise hat er sich ans Schauspielen herangetastet. Zuerst habe er nur zugehört, dann einzelne Szenen mitgespielt und schließlich das erste ganze Stück. Seine bisher wichtigste Premiere spielte er als Hamlet in einer Collage aus Shakespeare-Stücken mit dem Titel „Lost Love Lost“. Er merkte: „Ohne Schauspiel kann ich mir mein Leben nicht vorstellen.“ 2012 erhielt Sebastian Urbanski eine der beiden Hauptrollen im Fernsehfilm „So wie du bist“. Mit einer Begleiterin fuhr er nach Wien, der Stadt seiner Träume, um zum ersten Mal vor der Kamera zu stehen, gemeinsam mit Kollegin Juliana Götze vom Theater RambaZamba.

Eine Filmszene habe ihn richtig herausgefordert, schreibt Urbanski in seiner Biografie: Juliana Götze und er sitzen am Rand eines Springbrunnens auf dem Karlsplatz. Da kommen vier Jugendlichen herangefahren. Abrupt bleiben sie vor den beiden stehen: „Hey, da sitzen zwei Mongos! Hob gar net g’wusst, dass die fra rumlaufen dürfen!“, ruft einer. Obwohl Sebastian Urbanski weiß, dass das nur Filmtext ist, schockiert es ihn. Noch nie hat jemand so etwas zu ihm gesagt. Der Jugendliche, der diesen Text sprechen muss, entschuldigt sich danach und umarmt ihn, weil er merkt, dass sein Kollege erschrocken ist. Das ungute Gefühl verschwindet allmählich.

Seine Eltern, von denen ihm der Abschied schwer gefallen war, besuchten ihn nach der Hälfte der vierwöchigen Drehzeit in Wien. Gemeinsam schauten sie sich das Burgtheater, die Häuser von Beethoven und Schubert und das Sterbehaus seines Lieblingskomponisten Mozart an. Kaum zurück vom Dreh in Österreich wartete ein weiteres Abenteuer auf ihn: Er zog von seinen Eltern in eine betreute Wohngemeinschaft der Lebenshilfe in Berlin-Friedrichshain, wo bereits zwei Theater-Kolleginnen lebten. In seiner Freizeit liest der Schauspieler Biografien von Künstlern und schaut Filme. Er mag es, wenn Menschen ohne Behinderung sich in Menschen mit Behinderung hineinversetzen und sie darstellen, wie in „Forrest Gump“ oder „Ziemlich beste Freunde“. Im Sommer 2013 besuchte Kai Pflaume den Schauspieler in seiner „Künstler-WG“ für die erste Folge der ARD-Reihe „Zeig mir Deine Welt“. Urbanski freut sich über den Bayerischen Fernsehpreis und den Medienpreis der Lebenshilfe, BOBBY, mit denen die Porträts von Menschen mit Down-Syndrom ausgezeichnet wurden.

Sebastian Urbanaski als Hamlet in

Sebastian Urbanaski als Hamlet in „Lost Love Lost oder Lasst mich den Löwen auch spielen“ (Regie Gisela Höhne). Foto: Ralf Henning

 „Weiter, weiter – immer weiter“

Herausforderungen annehmen und Grenzen verschieben ist für Urbanski selbstverständlich. Zurzeit lernt er Klavierspielen. „Die Violine schläft seit einer Weile“, weil er sich nicht verzetteln will. Für eine dreiwöchige Afrika-Reise mit seinen Eltern hat er 2009 sein Englisch aus der Hilfsschule aufgefrischt. Für das Theaterstück „Lost Love Lost“ hat er die Gebärdensprache erlernt, da gehörlose Darsteller mitspielten. Sein großes Vorbild ist Pablo Pineda, der spanische Schauspieler mit Hochschulabschluss, dem er im Kinofilm „Me too – Wer will schon normal sein“ als Synchronsprecher seine Stimme lieh. „Pineda hat seinen eigenen Kopf, wie ich. Er steckt sich hohe Ziele. Das mache ich auch. Und er hat das Down-Syndrom.“

Für Urbanskis Eltern brach nach seiner Geburt eine Welt zusammen, als sie erfuhren, dass ihr Sohn Sebastian das Down-Syndrom hat. Obwohl der Arzt ihnen riet, ihren Jungen wegzugeben, da man sowieso nichts machen könne, erzogen sie ihn selbst und förderten ihn intensiv. Als Akademiker– der Vater ist Ingenieur, die Mutter Journalistin – nutzten sie in der ehemaligen DDR ihr Privileg des Zugangs zu Bibliotheken, um sich Literatur über das Down-Syndrom zu beschaffen, auch aus dem Westen. Nach einem selbst erstellten Plan übten sie mit ihrem Baby. Weil sie ihr Wissen an andere Eltern weitergaben, hatte Sebastian Urbanski schon früh auch Kontakt zu Kindern mit der gleichen Behinderung. Diese Freundschaften taten ihm als Einzelkind gut.

Jeden Fortschritt mussten seine Eltern und er sich erkämpfen: Greifen, gehen, Dreirad fahren lernen. Und jede neue Fähigkeit kostete er voll Freude aus. Schwimmen und tauchen lernte er am See in Prieros, wo die Familie die Wochenenden verbrachte. Nach drei Jahren Trockenübungen und Training im Wasser konnte Urbanski mit sieben Jahren schwimmen. Der Vater ließ nicht locker, auch wenn der Sohn keine Lust hatte. Auch die Großeltern kümmerten sich liebevoll und konsequent. „Es ist nicht immer alles Spaß im Leben“, habe seine „Grande Dame“, Oma Uschi, zu ihm als Kind gesagt.

Er war mit seinen Eltern dabei, als im November 1989 an der Wollankstraße in Pankow die Mauer geöffnet und die Betonteile mit großen Baugeräten abgerissen wurden. „Wir waren sehr aufgeregt und auch sehr froh.“ Seit drei Jahren unternimmt er an Weihnachten Mauerspaziergänge, immer ein Stück weiter. 2016 ging er von der Böse-Brücke bis zum Nordbahnhof. Ihn interessiert, wo die Grenze verlief, wie die Mauer gebaut war.

„Ich leide nicht“

In seinem katholischen Kindergarten im Osten Berlins habe er viel über Religionen gelernt, schreibt er in seiner Biografie. „Wir lernten zu beten, andächtig zu sein, Ehrfurcht zu haben und auf die Hilfe Gottes zu vertrauen.“ Vom ersten Kirchenbesuch bleibt ihm dennoch keine gute Erinnerung. Große Angst habe er vor dem Gebäude und vor Gott gehabt, sodass er nur rauswollte. Das hat sich geändert. Heute sagt er: „Ich glaube an einen Gott, nicht weil ich muss, sondern weil ich möchte. Man sieht ihn nicht, aber man kann an ihn glauben.“

Eine besondere Erfahrung machte er als Erwachsener bei einer Wandertour in den Bergen. Vorher hieß es, die Tour sei leicht. Oben angekommen fragten sich alle: „Wo ist der Weg?“. Sie mussten über Felsen klettern. Nicht runterschauen, hatte er gelernt. Doch dann kam Hilfe von unerwarteter Seite: „An der steilsten Stelle habe ich hinter mir etwas gespürt, die Hände und Arme meines verstorbenen Opas gemerkt. Er war bei mir. Ich wusste, alles geht.“

Nicht gut findet Urbanski, wenn „normale“ zu behinderten Menschen sagen: „Geh mal beiseite, lass mich machen!“. Positiv kommt bei ihm an, wenn man fragt: „ Wie kann ich helfen?“. Erschrocken hat er sich, als ihn ein Fußball-Fan an einer Ampel ansprach. Urbanski dachte, jetzt wiederhole sich die „Mongo-Szene“ aus dem Film. Doch dann sagte der Jugendliche: „Ich habe dich im Fernsehen gesehen. Ich habe echt Respekt vor dir. Ich bin dein Fan.“

Weitermachen will der Schauspieler als Botschafter für die Lebenshilfe. Gemeinsam mit Ulla Schmidt, der Vorsitzenden der Bundesvereinigung Lebenshilfe, die er schon lange kennt, setzt er sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderung eine Chance bekommen, „denn sie können sehr viel.“ Raul Krauthausen zum Beispiel, der Glasknochen hat und sich mit einem Rollstuhl fortbewegt, moderiere seine eigene Sendung. Viele Leute wüssten nach wie vor nicht, wie sie Menschen mit Behinderung begegnen sollten, weil sie kaum Kontakt zu ihnen hätten, bedauert Urbanski.

„Ich leide nicht am Down-Syndrom“, schreibt er in seiner Biografie, an ihm sei alles dran und drin. „Ich habe noch nie einen Menschen mit Down-Syndrom getroffen, der sich ‚krank‘ oder ‚behindert‘ fühlt. Jeder in unserer Gesellschaft braucht mal Hilfe. Wir sollten alle füreinander da sein. Ich bin für ein Miteinander, das alle einschließt. Egal, ob ‚behindert‘ oder nicht.“

Weitere Infos:

Vorstellungstermine Theater RambaZamba: http://www.theater-rambazamba.org
Biografie: „Am liebsten bin ich Hamlet. Mit dem Downsyndrom mitten im Leben“, Sebastian Urbanski, Fischer Verlag
Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.: http://www.lebenshilfe.de


Dieser Artikel ist am 18.03.2017 in Ausgabe Nr. 33 von Die Tagespost erschienen.
Am 09.05.2017 erschien der Artikel zusätzlich im Online-Magazin „Menschen“ von Aktion Mensch.

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