„Mit Sinn auf der Welt“

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Dr. Hubert Roos

Am 11. November 2016 feierte das Haus der Deutschen Katholischen Blindenbücherei in Bonn sein 30-Jähriges Bestehen. Gebaut wurde es im Auftrag von Hubert Roos – und trägt jetzt auch seinen Namen. Aber wenn schon eine Tafel sein muss, dann bitteschön eine ganz kleine. Bescheidenheit zieht sich durch das Leben des betagten Frankfurters. Dabei hat er vielen blinden Menschen in Deutschland sehr geholfen.

Er sicherte 1984 die Weiterführung der Deutschen Katholischen Blindenbücherei in Bonn, die kostenlos Hör- und Punktdruckbücher sowie Hörzeitschriften an blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen verleiht. Auch für das Weiterbestehen des Blindenschriftverlags in Paderborn, der kürzlich das neue Gotteslob für Menschen mit Sehbehinderung aufgelegt hat, setzte Dr. Roos sich ein.

Schon als Jugendlicher kam der heute 90-Jährige mit blinden Menschen in Kontakt, da sein Schulweg an der Frankfurter Blindenanstalt vorbei führte und der katholisch erzogene Junge ihnen über die Straße half. Sehend zur Welt gekommen, verlor Roos selbst im Krieg sein Augenlicht.

1944 wurde er zum Wehrdienst einberufen, und im April 1945 passierte der Unfall: „Es war auf dem Heimweg aus dem Krieg. Ich habe die Büchse gesehen, die da im Dreck lag. Ich bin mit dem Fuß dagegen gestoßen, und schon war es aus.“ Die Trittmine explodierte, und Roos kam in ein von Ordensschwestern geführtes Lazarett. „Da bin ich gut betreut worden“, sagt er. Trotzdem sei die erste Zeit „furchtbar schlimm“ gewesen.

Die Wunden heilten, doch Roos war blind. „Vertrauen Sie auf Gott, und beten Sie, dann wird alles gut“, tröstete ein Pfarrer aus dem benachbarten Ort den gläubigen jungen Mann. Eine zweite Ermutigung erhielt er damals vom Oberstabsarzt, als sich der junge Roos sorgte, nun habe er sein Abitur ja völlig umsonst gemacht. Der Arzt riet ihm, in Marburg zu studieren, wo er viele blinde Menschen getroffen habe. Studiert hat Roos, aber nicht in Marburg, sondern in Frankfurt, da seine Familie von dort stammt und er zu Hause wohnen konnte.

In den 1960ern lud die Caritas in Frankfurt ihn zusammen mit anderen Menschen mit Sehbehinderung zu Versammlungen ein. Dabei kam ihm die Idee, diese Aktivitäten in eine „regelmäßige, sichere Form“ zu bringen. Deshalb gründete er 1969 mit anderen das Deutsche Katholische Blindenwerk e.V. (DKBW) und diente ihm 45 Jahre als Vorstandsvorsitzender. „Blindheit ist zwar ein Übel, aber wenn man sich engagiert, merkt man, dass man mit Sinn auf der Welt ist.“

Mit seiner Frau Renate lebt Dr. Roos in Frankfurt. Aus dem Magistrat der Stadt schied er mit 60 Jahren aus, um in den Ruhestand zu gehen. Er unterstütze jedoch weiter seine Frau in ihrer Kanzlei – so wie sie ihn auch immer unterstützt hat – und führte sein Engagement im DKBW fort. Obwohl das Ehepaar vier Kinder und drei Enkelkinder hat, die öfter vorbeikommen, trägt Dr. Roos bis heute die Verantwortung für das Katholische Blindenwerk Hessen.

Seit vielen Jahren engagiert er sich besonders für sehgeschädigte Menschen in Afrika, Zentral- und Südamerika, Europa und Asien. So konnte er zum Beispiel in Indien eine kleine Klinik gründen, deren Ärzte aufs Land gehen und sehbehinderten Menschen helfen, gemäß dem DKBW-Motto „Blinde helfen Blinden weltweit.“ Ein weiterer Schwerpunkt liegt in Südamerika. Das Büro in Lima versorgt andere Länder, wie zum Beispiel Argentinien, mit. Vor längerer Zeit habe die Blindenseelsorge dort das DKBW um Hilfe gebeten. Die Voraussetzung, dass ein Bischof bestätigte, das Projekt sei im Sinne der Kirche, wurde erfüllt. Der Bischof unterschrieb mit „Bergoglio“. Es war der heutige Papst Franziskus.

Wichtig bei der Auslandsarbeit ist Dr. Roos, dafür zu sorgen, dass Menschen mit Sehbehinderung, die kein Geld haben, regelmäßig zu einem Arzt gebracht werden. Zweitens, diesen Menschen, die oft vollkommen verlassen sind, von Gott zu erzählen und eine religiöse Bildung zu ermöglichen. Ein indischer Bischof habe ihn kürzlich in Frankfurt besucht und ihm einen Seidenschal als Zeichen der Dankbarkeit umgelegt. Diese Geste ließ er zu, doch Dinge sammeln liegt Roos nicht, deshalb lehnt er Geschenke ab.

Vergnügt erzählt er, er gehe mit seinen 90 Jahren täglich mit seiner Frau „um die vier Ecken“ – wofür er ihr dankbar ist, da er alleine nicht hinausgehen würde – und könne noch laufen „wie ein kleines Rennpferdchen“. Das glaubt man ihm gern, groß und schlank, wie er ist. Dabei leuchten seine weißen Haare, strahlt sein gebräuntes Gesicht mit den hellblauen Augen. Margrita Appelhans, Mitglied im Vorstand des DKBW, beschreibt ihn als „Mensch, der in meinem Leben eine große Rolle spielt. Er sieht und fühlt die Nöte sehgeschädigter Menschen hierzulande und weltweit. Er ist mir ein Vorbild, weil Glaube für ihn heißt, handeln zu müssen.“

Autorin: Jutta Hajek
Erschienen bei KNA, Bonn; Altöttinger Liebfrauenbote Nr. 51/52 (Dez. 2016)

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