Wie der Unglaube den Glauben wach halten kann

Tomás Halik, Winfried Nonhoff und Anselm Grün am 19.10.2016 im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse.

Tomás Halík, Winfried Nonhoff und Anselm Grün am 19.10.2016 im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse.

 

Gott Los Werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen lautet der provozierende Titel des im August erschienenen Buchs der Autoren Halík und Grün, zu dem sie im Lesezelt der Buchmesse Fragen des Herausgebers Winfried Nonhoff und des Publikums beantworteten.

Er habe die Autoren Anselm Grün – Weltreisender in Sachen Gott und Lebensglück sowie Mönch – und Tomáš Halík – tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und Seelsorger – überredet, das Buch zu schreiben, verrät Nonhoff gleich zu Beginn. Beide seien so genannte „Schwarze“, das heißt Mönch und Priester.

„Sollten Sie als Geistliche nicht eher mit Gott leben wollen?“, will Nonhoff von den Autoren wissen. Tomáš Halík erklärt, es gehe in diesem Buch um ernsthafte Atheisten. Viele Menschen könnten nicht glauben, weil so viel Tragisches in der Welt geschehe. Menschliche Ängste und Erwartungen würden auf Gott projiziert. Doch Gott bleibe ein Geheimnis, über das wir nur in Bildern sprechen könnten. Glaube sei der Mut, in dieses Geheimnis einzutreten. Für Anselm Grün heißt Gott suchen, die Bilder, die wir haben, loslassen. Gott übersteige alle Bilder.

Worin der Gewinn des Glaubens an Gott heute bestehe, lautet Nonhoffs nächste Frage an Grün und Halík. Für Anselm Grün gibt der Glaube Halt, Geborgenheit und Entlastung vom Druck, alles selber leisten zu müssen. So könne man im Vertrauen leben, dass Gott alles in Segen verwandelt. Die Rede von Gott mache den Menschen menschlich. Tomáš Halík sieht den Glauben als offene Tür zur Wirklichkeit Gottes.

„Worin sehen Sie die große Gefahr, wenn Gott von uns ‚umgebracht‘ wird?“, wirft Nonhoff ein. Halík weist auf die Gefahren hin, die Ersatzgötter wie Geld („Moneytheismus“) oder das eigene Ego in sich bergen. Grün sieht es als sehr schwierig an, ohne Gott eine Struktur für das Miteinander zu finden. Dunkel würde die Welt ohne Gott. Ohne Transzendenz könne man kaum ein sinnhaftes Leben führen.

Es sei nicht leicht, Menschen, die der Frage nach Gott gleichgültig gegenüber stehen, „aufzuwecken“ gibt Tomáš Halík auf Nonhoffs Frage hin zu. Man solle versuchen herauszufinden, was ihnen heilig sei, schlägt er als Anknüpfungspunkt für einen möglichen Dialog vor. Man sollte sich durch den so genannten Apatheismus nicht aus der Ruhe bringen lassen, meint Anselm Grün, sondern fragen: „Was macht dein Leben lebendig?“. Wer selber an die Sehnsucht nach Liebe glaube, könne solche Gespräche führen. Die Schönheit, die in Musik und Kunst anklingt, könne man auch als Spur Gottes verstehen.

Das Buch wage sich auch in persönliche Abgründe wie Unglauben und Gottesferne vor, so Nonhoff, was der Untertitel signalisiere: „Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen“. Da Gott ein Geheimnis sei, sei es natürlich, dass wir Fragen hätten, erwidert Halík. „Für mich sind Glaube und Zweifel Schwestern“, bekräftigt der Religionsphilosoph, „Glaube ohne Fragen kann zum Fanatismus führen.“ Ein Fanatiker könne nicht mit seinen Zweifeln leben, sondern projiziere sie auf andere. Der reife Glaube unterdrücke kritische Fragen nicht, sondern mache sie zu Freunden. Grün erzählt, er lasse Zweifel beim Beten zu. „Alles ist nur Einbildung; das Leben ist absurd“, gewinne manchmal Raum. Doch nach einer Weile steige immer die Gewissheit in ihm auf: „ich traue dem“. Menschen wie die Heilige Theresa oder Origenes, der christliche Gelehrte aus dem dritten Jahrhundert, könnten nicht vollkommen geirrt haben. Auf diese Karte setze er. Er vollziehe immer wieder Rituale, um die Gegensätze von Glauben und Unglauben in sich zu umarmen. So halte der Unglaube seinen Glauben wach.

Auf Nonhoffs Frage, ob es ein Indiz gebe, ob Gott am Werk sei – vielleicht sogar hier und jetzt antwortet Anselm Grün, Gott sei für ihn gegenwärtig, wenn er empfinde: „es ist stimmig, was ich in der Bibel gelesen habe“ oder wenn er tiefen inneren Frieden spüre, sich loslassen könne. Wenn Menschen, die von Gott nichts wissen wollten, von Gott berührt werden, sei das für ihn ebenfalls ein Indiz. Auch in der Welt sei Gottes Wirken erkennbar: Der Mauerfall ist für ihn ein Zeichen, dass Gott sich nicht zurückgezogen hat. Tomáš Halík stimmt ihm zu. Glaube sei die Kunst, die Zeichen der Zeit zu dechiffrieren. Viele Menschen, die oberflächlich leben, hätten eine bestimmte Vorstellung von Gott. Atheisten negierten ihre eigenen Gottesvorstellungen. Wenn man in die Tiefe gehe, trete man in Gott ein. Sensibilität für andere, für das Schöne und Gute in der Welt sei auch eine Gotteserfahrung.

„Wie kommt man noch intensiver zu Gott hin?“, will eine Besucherin wissen. Grün rät, Stille zu üben und zu meditieren: „Von Gott berührt zu werden ist ein Geschenk. Man kann nur den Boden bereiten, dass die Saat aufgeht, ist immer ein Wunder.“

Mehr Infos:
http://www.anselm-gruen.de
http://www.buchmesse.de

 

3 Gedanken zu „Wie der Unglaube den Glauben wach halten kann

  1. “Die Rede von Gott mache den Menschen menschlich. Tomáš Halík sieht den Glauben als offene Tür zur Wirklichkeit Gottes.

    „Worin sehen Sie die große Gefahr, wenn Gott von uns ‚umgebracht‘ wird?“, wirft Nonhoff ein. Halík weist auf die Gefahren hin, die Ersatzgötter wie Geld („Moneytheismus“) oder das eigene Ego in sich bergen. Grün sieht es als sehr schwierig an, ohne Gott eine Struktur für das Miteinander zu finden. Dunkel würde die Welt ohne Gott. Ohne Transzendenz könne man kaum ein sinnhaftes Leben führen.“
    Als Atheist bin ich also tendenziell nicht menschlich, habe nur schwierig eine Struktur für das Miteinander und kann kaum ein sinnhaftes Leben führen?
    Wieso denn? Wo soll denn da der Zusammenhang sein?

    • Danke für Ihren Kommentar, Muriel. Ich habe das kurze Gespräch hier nur nachgezeichnet. Es gibt nicht meine Meinung wieder. Eine gute Möglichkeit ist es, das Buch zu lesen und sich mit den Autoren direkt auseinanderzusetzen. Ich habe das Gespräch in mein Blog gestellt, weil ich es wichtig finde, Diskussionen anzustoßen.

      • Danke! Klar müssen Sie sich nicht für anderer Leute Äußerungen rechtfertigen. Aber hätte ja sein können, dass Sie Gedanken dazu haben.
        Alles Gute jedenfalls!

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