Mit dem Tastsinn ins Museum

Sabine Köhler (oben), Henrike Churr (links) und Petra Meen (rechts) hören sich Informationen zur "BallinStadt" an.

Sabine Köhler (oben), Henrike Churr (links) und Petra Meen (rechts) hören sich Informationen zur „BallinStadt“ an.

Zum ersten Mal besucht eine Gruppe Sehbehinderter Hamburgs Auswanderermuseum, die wieder eröffnete BallinStadt. Von Jutta Hajek

Zuerst die schlechte Nachricht: Viele der Besucher, die gerade das Museum erkunden, wären nicht zur Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Amerika zugelassen worden. Man hätte ihnen auf „Ellis Island“, dem Sitz der Einreisebehörde für New York, nach einer Untersuchung das Kreidezeichen „E“ wie „Eye“ (Auge) auf die rechte Schulter gemalt und sie zurückgeschickt. Nun die gute: Die 30 Personen starke Gruppe aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, die gerade in Hamburg eine Internationale Begegnungswoche verbringt und sich mit dem Thema Migration auseinandersetzt, freut sich über die vielfältigen Erkundungsmöglichkeiten in den drei wieder aufgebauten Häusern der BallinStadt, die es für Menschen mit Handicap gibt.

Zufluchtsstätte für Auswanderer

Die Historikerin Elmira Mitschailow empfängt in Haus 1 ihre Gäste, zu denen Sehbehinderte, Blinde, Sehende und zwei Rollstuhlfahrerinnen gehören. Sie sind auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Blindenvereinigungen im deutschen Sprachraum nach Hamburg gereist und an diesem Tag mit den öffentlichen Verkehrsmitteln aus St. Georg gekommen. Mitschailow erklärt, dass mit der Ausstellung die Geschichte Albert Ballins, des ehemaligen Generaldirektors der HAPAG, eng verknüpft ist. Über fünf Millionen Menschen hätten zwischen 1850 und 1939 über den Hamburger Hafen ihre Heimat verlassen, um in die Neue Welt zu reisen. Ballin habe beschlossen, eine Zufluchtsstätte für Auswanderer aus Europa zu bauen. 1901 sei „das größte Gasthaus der Welt“ mit 15 Gebäuden auf 25.000 qm eingeweiht worden. Die Straßen waren von Bäumen gesäumt für Spaziergänger, in Schlaf- und Wohnpavillons konnte man ausruhen, eine Speisehalle versorgte den Körper mit Nahrung; es gab sogar koscheres Essen. Eine Kirche, eine Synagoge und ein Musikpavillon boten Nahrung für den Geist auf diesem Gelände, das wie eine Stadt in der Stadt war, so Elmira Mitschailow.

Menschen mit Handicap mitnehmen

Sie bemüht sich noch stärker als bei anderen Führungen, darauf hinzuweisen, wo man etwas berühren oder hören kann, um die Besucher trotz ihrer Handicaps auf diese Reise mitzunehmen – eine Reise, die auch die Geschichte von Mitschailows Familie widerspiegelt, denn die junge Frau wanderte als Kind aus Kasachstan nach Deutschland aus. Sie liest Zeitungsüberschriften von den Wänden und Böden vor: „Hamburg im Jahr 1908: Bedrohung durch eingeschleppte Krankheiten – Auswanderer schleppen die Cholera und Pocken in die Stadt“ und einen vergleichbaren Titel aus einer Ausgabe des Südkuriers von 2015: „Ebola, Tuberkulose, Krätze: Die Krankheiten der Flüchtlinge.“ Die Besucher haben nach der Führung Zeit, Koffer, Möbel und Puppen zu betasten und herauszufinden, was Menschen über vier Epochen hinweg bewegte, ihre Heimat zu verlassen: Soziale Ungleichheit und Verfolgung sowie Naturkatastrophen, aber auch die Aussicht auf bessere Arbeit, Schulbildung für die Kinder oder Abenteuerlust verlockten zum Aufbruch. Handgeschriebene Briefe und Postkarten erzählen vom Neuanfang.

Zehn Schicksale in  den „Lebenslinien“

Olga Held musste 1996 in Deutschland neu anfangen. Als Russlanddeutsche war sie mit drei Kindern aus Kasachstan ausgewandert. Die unsichere wirtschaftliche und politische Lage, außerdem ein Gefühl der Fremdheit, weil sie in Russland als Deutsche galt, bewegten sie zu diesem Schritt. Hier mit ihren drei Kindern Fuß zu fassen sei nicht leicht gewesen, erfahren die Besucher in der Ausstellung „Lebenslinien“ in Haus 1, da die Deutschen sie als Russin ansahen. Sie absolvierte eine Ausbildung als Erzieherin und fand eine neue Liebe. Elmira Mitschailow ist ihre Tochter.

Bei Labskaus und Hering tauschen sich die Gäste im Lokal „Nach Amerika“ aus. „Ein lohnendes Ziel für einen Ausflug mit dem Geschichtsunterricht, wenn es nicht so weit wäre“, meint Christof Müller, Gymnasiallehrer aus dem Raum Frankfurt. „Die Ausstellung ist gut gemacht und auf der Höhe der Zeit.“ Margrita Appelhans, Vorstandsmitglied des Deutschen Katholischen Blindenwerks (DKBW) und Verantwortliche für die Woche in Hamburg, gefallen die vielen persönlichen Gegenstände, die man anfassen kann. „Die individuellen Schicksale haben mich berührt“, fügt sie hinzu. Elmira Mitschailow bittet sie um Anregungen, wie man die Ausstellung noch besser auf Menschen mit Behinderung ausrichten kann. Die Abreise aus Hamburg am folgenden Donnerstag vermittelte besonders Petra Meen, einer der beiden Rollstuhlfahrerinnen, den Eindruck, dass der Stadt auch sonst an Menschen mit Behinderung gelegen ist: Da der Fahrstuhl zu Gleis 14 ausgefallen war, wurde der ICE kurzfristig für sie verlegt.

Mehr Info: http://www.blindenwerk.de; http://www.ballinstadt.de

Der Artikel erschien am 18.10.2016 in Die Tagespost

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