Drei Wünsche frei

Pfarrer Andreas Fuchs und Pfarrer Stefan Müller arbeiten seit 2003 zusammen.

Pfarrer Andreas Fuchs und Pfarrer Stefan Müller arbeiten seit 2003 zusammen.

Stefan Müller ist Pfarrer im pastoralen Raum Hadamar in Mittelhessen. Auf diesen Beruf, den er als Dienst am Menschen versteht und mit allen seinen Sinnen genießt, hat er sich lange vorbereitet. Die Gläubigen in seinem Pfarrverbund sagen, er sei ein „echter Seelsorger“. Dass er nicht sehen kann, stört sie nicht, dass er die Töne beim Singen nicht immer trifft, schon eher. Doch auch darüber sehen sie hinweg, denn sie lieben ihn.

„Wenn die berühmte Fee käme und ich drei Wünsche frei hätte“, so Pfarrer Müller, „dann würde ich mir wünschen, gut Englisch sprechen und singen zu können. Den dritten weiß ich noch nicht.“ Wie kann man Pfarrer werden, wenn man nicht gut singen kann, fragt man sich. „Es geht!“, lacht Andreas Fuchs, priesterlicher Leiter im pastoralen Raum Hadamar, der mit am Tisch sitzt. Die beiden Priester haben gemeinsam studiert und wurden 1997 geweiht. Seit 2003 wohnen sie unter einem Dach und arbeiten zusammen. „Man wird Priester, um mit Menschen zu tun zu haben. Es war mir immer klar, dass ich nicht alleine leben wollte. So hat man ein Korrektiv“, erklärt Pfarrer Fuchs. Auch Pfarrer Müller, der im Herbst 50 Jahre alt wird, sieht die Zusammenarbeit als Vorteil. Seit fünf Jahren sind sie in Hadamar. Aus Meudt im Oberwesterwald haben sie ihre Haushälterin Marlies Dahlem mitgebracht, die gerade einen Lauch-Auflauf hereinträgt und auf den Tisch stellt.

Pfarrer Müller konzentriert sich ganz auf das Gespräch

„Wir setzen die gleichen Schwerpunkte“, sagt Stefan Müller über Dahlem, die nachmittags in ihrem Heimatort eine Hausaufgabenhilfe leitet. „Wenn man mit Pfarrer Müller spricht, kommt viel herüber, weil er sich nur auf das Gespräch konzentriert“, lobt Marlies Dahlem. „In der Seelsorge kann es ein Vorteil sein, nicht sehen zu können“, findet Müller, „es ist zwar eine Behinderung, aber man kann daraus eine Tugend machen.“ Schon im Kindesalter ließ seine Sehkraft immer mehr nach, bis er bald völlig erblindete. Das Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche schreibt vor, dass ins Priesterseminar nur Gesunde zugelassen werden. Stefan Müller beschloss nach seiner Firmung mit 14 Jahren, „entschieden als Christ zu leben“. Er hat darum gekämpft, Priester werden zu können und sich 16 Jahre auf diesen Beruf vorbereitet. Er freut sich darauf, im nächsten Jahr mit seinem Kollegen 20-jähriges Amtsjubiläum feiern zu können.

Andacht und Erzählcafé mit älteren Menschen

Nach dem Mittagessen ist er unterwegs nach Niederzeuzheim. Die Glocken der Barockkirche St. Peter läuten die Maiandacht ein. Küster Peter Diefenbach hilft Pfarrer Müller in der Sakristei beim Umziehen. Müllers Finger gleiten über das Andachtsbuch in Blindenschrift, während er im Gottesdienst daraus vorliest. „Diesen Pfarrer muss man lieben!“, ruft Karin Ulrich, Leiterin des Seniorenkreises, die mit dem Küster die Andacht vorbereitet hat. „Pfarrer Müller ist beim Erzählcafé immer dabei. Die Senioren schätzen es, dass er sich Zeit für sie nimmt.“ Nieselregen droht die frisch gelegten Frisuren zu zerstören, doch der Weg von der Kirche zum Pfarrheim ist nicht weit. Pfarrer Müller klinkt sich am Ellenbogen seiner Begleiterin ein und geht leicht versetzt hinter ihr. Es sieht eher so aus, als schiebe er sie in die richtige Richtung, als dass sie ihn führt. Im Pfarrsaal duftet es nach Kaffee. Stefan Müller genießt eine Tasse und ein Stück Erdbeerkuchen, das ihm eine der Frauen auf den Teller gelegt hat. Dann steht er auf, tastet sich von Tisch zu Tisch, spricht viele gleich mit Namen an und hält während des Gesprächs die Hand.

Karin Riedel, Pfarrer Müller und Rosemarie Heinzmann beim Erzählcafé.

Karin Riedel, Pfarrer Müller und Rosemarie Heinzmann beim Erzählcafé.

„Pfarrer Müller ist ein feiner Mensch“, findet Ottilie Dahlem, „Er hat meinen Mann oft besucht, bis er gestorben ist.“ „Er ist ein echter Seelsorger“, bekräftigt Hannelore Weimer, ehemalige Küsterin. Stefan Müller besuche seine Gemeindemitglieder regelmäßig und sei zwischen den Orten viel zu Fuß unterwegs. Bei Hochwasser sei er auch schon einmal mit nassen Schuhen angekommen und, wenn Dornen in den Weg hingen, mit zerkratztem Gesicht. Hin und wieder fährt ihr Sohn die Strecke mit dem Rad ab und kürzt Büsche, damit der Pfarrer gut durchkommt. Wenn Müller nicht weiter weiß, schellt er und fragt. Als Mitglied in der Feuerwehr, im Verschönerungs-, Gesangs- und Kapellenverein kennt ihn fast jeder. Pfarrer Müller ist im pastoralen Raum Hadamar, zu dem 10.000 Katholiken in neun Gemeinden gehören, auch für den Kontakt zur Weltkirche verantwortlich. Er sammle Spenden an der Haustüre und begleite die Sternsinger, berichtet Rosemarie Weyer. Sie gibt zu, dass sie sich ab und an Sorgen macht, weil er so eigenständig ist. Müller verabschiedet am Ende des Erzählcafés jeden persönlich und macht sich wieder auf den Weg.

Firmunterricht mit Jugendlichen

Oberzeuzheim ist sein nächstes Ziel. Zu spät, um zu Fuß zu gehen. Er lässt sich mitnehmen. Die Firmlinge warten schon vor dem Gemeindehaus. Sie sagen ihre Namen und begrüßen ihn mit Handschlag. Um Buße und Vergebung geht es in dieser Firmstunde. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist dran. Ob sie die Reaktion des Vaters, der seinen Sohn wieder aufnimmt, obwohl der sein Erbe verschleudert hat, verstehen könnten, will Müller von den Jugendlichen wissen. Stille. „Eher ja oder eher nein?“, hakt der Geistliche nach, „sagt was, Euer Gesicht kann ich nicht sehen.“ Die Türe steht die ganze Zeit offen. Es könnte noch jemand kommen. Kurz vor Schluss stößt Kevin zur Gruppe, der entschuldigt war. „Das finde ich enorm“, lobt Pfarrer Müller. Er ruft Firmlinge an, die unentschuldigt wegbleiben, denn „Ihr seid mir nicht egal. Ich nehme Euch ernst.“ Einschränkungen in den gemeinsamen Aktivitäten empfinden die Firmlinge nicht. Warum sie sich für die Firmvorbereitung mit Pfarrer Müller entschieden haben? „Weil ich ihn kenne und er ein netter Kerl ist“, verrät Andreas, 17 Jahre.

„Pfarrer ist ein toller Beruf“

Zügig wandert Pfarrer Müller dann los nach Niederzeuzheim zur nächsten Firmstunde. Mit dem weißen Stock schlägt er vor sich auf dem Weg hin und her, um Hindernisse zu orten. Am Morgen war er unterwegs, um mit einer Hospiz-Mitarbeiterin zu reden. Am Abend wird er Eltern zu einem Taufgespräch besuchen. „Pfarrer ist ein toller Beruf“, findet Stefan Müller, „er ist vielseitig und macht Freude“. Er habe ganz große Möglichkeiten, glücklich zu sein, erklärt er, denn er lebe in Frieden und Freiheit und erlebe viel Schönes. „Mir geht es gut. Ich bin im normalen Leben drin und habe einen normalen Beruf.“

Wenn die Fee noch einmal käme und ihn fragte, wie sein dritter Wunsch lautet, was würde er wohl sagen?

Dieser Artikel erschien am 16.07.2016 Ausgabe Nr. 84 von „Die Tagespost“.

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