Wie eine Mutter

Salomé Korschinowski erzählt, was sie zu ihrem ehrenamtlichen Engagement für Flüchtlinge motiviert.

Salomé Korschinowski erzählt, was sie zu ihrem ehrenamtlichen Engagement für Flüchtlinge motiviert.

Salomé Korschinowski arbeitet seit 8 Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe in Kelkheim im Taunus, Ortsteil Ruppertshain, wo momentan 103 Flüchtlinge in 5 Unterkünften leben. Sie erledigt Behördengänge, besorgt Kleider und Schulsachen für die Kinder, fährt zum Einkaufen, hört zu und findet Lösungen. Woher nimmt sie Kraft und Durchhaltevermögen?

Das Telefon klingelt immer noch. Schließlich nimmt die 42-Jährige ab. „Die Flüchtlinge wollen immer mit mir reden“, entschuldigt sie sich, „weil ich ihre Muttersprache verstehe.“ Salomé Korschinowskis Muttersprache ist Tigrinisch, außerdem spricht sie Amharisch – die Hauptsprache Äthiopiens –, Englisch und Arabisch. Sie ist als orthodoxe Christin in Eritrea aufgewachsen. „Ich glaube an den großen Gott. Er schickt mich zu den Flüchtlingen: ‚Die brauchen Deine Unterstützung‘“, erklärt sie ihren ehrenamtlichen Einsatz.

Als sie 16 Jahre alt war, lud ihr Onkel sie nach Deutschland ein, weil sie ein gutes Abitur geschafft hatte. Sie sollte studieren, doch sie wurde Restaurantfachfrau und eröffnete ihr eigenes Lokal. Als ihre Sprösslinge geboren waren, trennte sie sich von der Gaststätte: „Ich liebe meine Kinder und wollte sie nicht im Stich lassen“. Inzwischen sind die beiden 8 und 10 Jahre alt und unterstützen ihre Mutter. Wenn Salomé Korschinowski einen Flohmarkt organisiert, sorgen Noah und Annabel für Umsatz. „Mama, ich habe auch für die Flüchtlinge eingekauft!“, verkündete ihr Sohn neulich, als er mit schweren Tüten von dort nach Hause kam. Dankbarkeit möchte sie ihren Kindern vermitteln. Eine gute Schulbildung zu haben, reicht nicht, findet sie. Gute Menschen sollen sie werden, die für andere da sind.

Darin will sie ihren Kindern Vorbild sein. Oft fällt sie abends erschöpft ins Bett: „Lieber Gott, ich weiß nicht, wie ich alles schaffen soll. Nimm mich an die Hand!“ Wenn sie am Morgen aufwacht, für die Familie Frühstück macht und einen Kaffee trinkt, hat sie auf einmal wieder Kraft und Ideen. „Ich arbeite nicht in der Flüchtlingshilfe, weil ich viel Zeit habe oder etwas Besonderes bin, sondern weil Gott es will.“ Manchmal nimmt sie sich „frei“, um im Garten zu arbeiten. Doch danach zieht es sie immer in die Gemeinschaftsunterkunft. Sie spürt, wenn sie gebraucht wird. Es kommt aber auch viel zurück: „Die Flüchtlinge würden alles für mich tun“, sagt sie.

Es begann mit einem Zettel an der Pinnwand im Kindergarten, der sie jeden Tag anstarrte: „Schwangere Frau sucht Unterstützung beim Einkaufen.“ Das Gewissen plagte sie, weil sie nichts unternahm, bis sie irgendwann doch anrief. Die Gemeinde suchte Hilfe für eine Eritreerin, die kurz vor der Entbindung stand. Salomé Korschinowski kaufte für sie ein, und als das Baby da war, kochte sie jeden Tag für die beiden. Sie erreichte, dass die Frau mit Kind in eine bessere Unterkunft umziehen konnte. Ihr Mann ist inzwischen nachgekommen und hat Arbeit in einer Schreinerei gefunden.

Salomé Korschinowski (Mitte) mit ihren Schützlingen Freselam Teswalem (links) und Azadeh Akbari

Salomé Korschinowski (Mitte) mit ihren Schützlingen Freselam Teswalem (links) und Azadeh Akbari

Ein weiteres Erfolgserlebnis war der vorletzte Termin eines Schwimmkurses, finanziert vom Bistum Limburg, den Korschinowski für Frauen aus dem Iran, Somalia und Eritrea organisiert hatte: „Zwei von ihnen sind das erste Mal ohne Hilfe geschwommen“, strahlt sie. Sie fährt mit ins Hallenbad und kümmert sich um die Kinder, während die Frauen mit einer Trainerin üben. Eine Somalierin, die sonst nie unverhüllt vor die Türe geht, legt dafür den Schleier ab und zieht einen Badeanzug an. Alle Frauen im Kurs waren in Booten nach Europa geflohen und hatten Angst vor Wasser, die sie nun überwinden. Auch Fahrradfahren lernen sollen die Flüchtlinge. „Sie hat viele Ideen und ist für alle da“, beschreibt Susanne Trouet, eine Kollegin aus Kelkheim, die zierliche Afrikanerin, die „etwas Verrücktes“ vorhat: ein Restaurant eröffnen, in dem Flüchtlinge Speisen aus ihrer Heimat servieren. Azadeh Akbari, einer ihrer Schützlinge, will demnächst einen afghanischen Kochkurs anbieten. Die 23-Jährige lebt seit fünf Jahren hier und spricht gut Deutsch. Mit ihrer Freundin Freselam Teswalem, einer Eritreerin, die erst kurz hier ist, hat Azadeh Akbari Schwimmen gelernt. Freselam Teswalem ist froh, dass sie mit Korschinowski in ihrer Muttersprache reden kann. „Salomé gibt mir Hoffnung. Sie ist für mich wie eine Mutter“, flüstert die junge Frau, „wenn ich Deutsch kann, will ich anderen so helfen wie sie.“

Weitere Informationen:  http://www.fluechtlingshilfe-kelkheim.de

Der Artikel ist am 28.05.2016 in „Die Tagespost“ erschienen:
http://www.die-tagespost.de/aus-aller-welt/aus-aller-welt/Wie-eine-Mutter;art309,169715

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