Das Leben ist wie ein Regenbogen

Amin Sheikh, Jutta Hajek, Amins Nichte Shabana und seine Schwester Sabyia

Amin Sheikh, Jutta Hajek, Amins Nichte Shabana und seine Schwester Sabyia

Amin Sheikh aus Mumbai will Bildung ermöglichen und Eigenverantwortung stärken und so der indischen Gesellschaft ein menschlicheres Gesicht geben. Von Jutta Hajek

Im orangefarbenen Poloshirt steht er lächelnd nachts um zwei vor dem Flughafen von Mumbai, um seinen Gast abzuholen. „Ich werde dort auf Dich warten“, hatte er versprochen. Amin Sheikh hält sein Versprechen. Verantwortung zu übernehmen, ist ihm wichtig. Gelernt hat er das von Menschen wie Pater Placie und Eustace Fernandes. Sie sind seine Helden, denn sie haben ihm eine Chance gegeben. Und er hat sie genutzt. Heute ist der 35-Jährige Taxifahrer und Touristenführer in Mumbai, dem früheren Bombay. Er hat eine eigene Wohnung und kann für die Familie sorgen. Er nennt sie sein „Traum-Team“. Seine Mutter, seine Schwestern Sabiya und Sabira und seine Nichte Shabana gehören dazu, aber auch Freunde aus Indien und dem Ausland. Sarah aus Spanien ist für ein Jahr in Mumbai, um Amin zu unterstützen. Berton aus Frankreich wohnt für kurze Zeit ebenfalls bei Amin. Seine Wohnung ist offen für Gäste. Auch das hat er von Eustace gelernt.

Amin mit ehemaligen Straßenkindern aus Mumbai, die er unterstützt.

Amin mit ehemaligen Straßenkindern aus Mumbai, die er unterstützt.

Begonnen hat Amins Leben in schwierigsten Verhältnissen. Sein Vater war Trinker und nie war Geld da. Die Mutter, überfordert mit drei kleinen Kindern, schickte Amin zum Arbeiten. Einmal fiel ihm ein Tablett mit gefüllten Teegläsern, das er Kunden bringen sollte, aus der Hand. Als die Gläser auf die Straße rutschten und zersprangen, Tee in alle Richtungen spritzte, bekam er Angst und lief weg, zunächst nur um ein paar Ecken und dann immer weiter. Damals war er fünf. Er schlief auf den Bahnhöfen Mumbais, bettelte, sammelte Müll und bot, als er älter war, Koffertragen und Schuhputzen an. Mit acht Jahren hatte er alles Schreckliche, das Menschen einander antun können, am eigenen Leib erlebt. Schwester Seraphine war der „erste Engel“ in seinem Leben. Sie las ihn auf dem Bahnhof Dadar auf und nahm ihn mit in ein von Jesuiten geführtes Waisenhaus: Snehasadan. Dort erlebte er zum ersten Mal dauerhafte, liebevolle Fürsorge. Er besuchte die Schule und lernte, wie sich menschenwürdiges Leben anfühlt.

Khushboo Ali ist wie Amin im Waisenhaus aufgewachsen. Sie ist heute Modedesignerin.

Khushboo Ali ist wie Amin im Waisenhaus aufgewachsen. Sie ist heute Modedesignerin.

„Ich werde dein Leben nicht für Dich in die Hand nehmen. Aber ich werde hinter dir stehen und dir helfen“, sagt er heute zu jungen Erwachsenen, die Snehasadan verlassen und auf eigenen Beinen stehen müssen. Um sie will er sich kümmern, damit sie nicht scheitern. Amin Sheikh weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig dieser Übergang ist. Es gibt Wohnheime in der Stadt, doch dort kann man nur sehr eingeschränkt leben. Die 24-jährige Khushboo – ihr Name bedeutet „Blütenduft“ – wohnt mit zwei anderen jungen Frauen in einem Raum von zwölf Quadratmetern. Sie ist mit Amin und seiner Schwester in Snehasadan aufgewachsen und hat einen zweijährigen Kurs in Modedesign absolviert. „Amin hat immer an mich geglaubt. Er nahm mich in seine Familie auf. Er nahm mich mit nach Barcelona und Paris, wo ich große Modedesigner traf, von denen ich viel gelernt habe. Ich bin so glücklich, dass ich zu Amins Traum-Team gehöre. Ich hoffe, dass er sein Café bald eröffnen kann.“

Auf der Suche nach dem richtigen Ort hat Amin Sheikh inzwischen über 3.000 Häuser und Wohnungen angeschaut. „In Mumbai eine Immobilie zu kaufen ist so teuer wie auf dem Mond“, erklärt er. Hartnäckig verfolgt er seinen großen Traum: ein Café mit dem Namen „Bombay To Barcelona“ (Von Bombay nach Barcelona). Das Café soll von ehemaligen Straßenkindern geführt werden. Anil macht gerade eine Bäckerlehre und wird in Amins Café arbeiten. Amins Schwester Sabiya wird für die Küche verantwortlich sein. Qualitativ hochwertiges, schmackhaftes Essen, Kaffee und Tee werden dort in einer angenehmen Atmosphäre angeboten. Bücher wird es dort auch geben. Im Café wird ein Ort sein, an dem ehemalige Straßenkinder ihre Arbeit vermarkten können. Handgefertigter Schmuck, selbst entworfene Kleidung, handwerkliche Dienste und vieles mehr wird man dort finden.

Amin Sheikh ist Fremdenführer und Taxifahrer in Mumbai

Amin Sheikh ist Fremdenführer und Taxifahrer in Mumbai

„Ich weiß, ich kann nicht die ganze Welt verändern“, gesteht Amin ein, „aber wenn ich das Leben eines Menschen verändere, habe ich schon die Welt verändert.“ Er bedauert, dass es in der indischen Gesellschaft üblich ist, Kinder zu einem Beruf zu drängen, der ihnen nicht liegt. Er tritt dafür ein, dass jede und jeder eine Ausbildung nach seinen Neigungen absolvieren kann. Deshalb hat er in den letzten 15 Jahren gemeinsam mit Freunden aus Barcelona 25 jungen Frauen und Männern eine Ausbildung nach ihren Talenten ermöglicht. Zwei junge Erwachsene, die ebenfalls im Waisenhaus Snehasadan aufwuchsen, haben mit seiner Hilfe ein eigenes Zuhause gegründet. Suraj, einem Jungen mit einer Behinderung der Hände, hat er kürzlich die Studiengebühren für das erste Jahr eines Ingenieurstudiums bezahlt. Er will Menschen stark machen und so die Gesellschaft verändern. „Wenn uns bewusst wird, dass wir etwas zurückgeben müssen, wird diese Welt ein wunderbarer Ort. Niemand wird mehr auf der Straße leben, kein Kind wird mehr leiden müssen“, erklärt Amin sein Engagement. Für ihn ist das Leben wie ein Regenbogen, der aus hellen und dunklen Farben besteht. „Es gibt nicht nur helle Momente, die Probleme gehören dazu. Deshalb sind wir dabei, ein Netzwerk aufzubauen, das Einzelne, Familien, Nachbarschaften stark macht.“ Er ist eingeladen, Mitte März in Assam, einem Bundesstaat im äußersten Nordosten Indiens, einen Vortrag vor 1.500 Schülerinnen und Schülern einer Hochschule zu halten. Sein Netzwerk wächst und seine Haltung findet nun auch im eigenen Land positive Resonanz.

Amin will jungen Menschen Möglichkeiten eröffnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sein größter Held ist Eustace Fernandes, ein Künstler aus Mumbai, für den er 13 Jahre arbeitete und in dessen Haushalt er lebte. Zuerst war Amin Eustaces „Mädchen für alles“ – er kochte Kaffee, putzte und hielt das Haus in Ordnung – dann wurde er sein Fahrer. „Er war wie ein Vater für mich“, beschreibt Amin das Verhältnis zu seinem Arbeitgeber, „der Vater, den ich in meiner Familie nie hatte.“ Dieses Verhältnis wurde auf eine Probe gestellt, als Eustace Amin 2002, wie in jedem Jahr, fragte, was er sich zu Weihnachten wünsche. Amin bat darum, nach Barcelona mitkommen zu dürfen. Er war noch nie weiter weg gewesen. Diese Reise war sein größter Wunsch. Eustace lehnte ab mit der Begründung, er könne unmöglich seinen Fahrer zu seiner Schwester nach Spanien mitnehmen. Das war nicht üblich und er hätte sich vor seinen Freunden rechtfertigen müssen.

Ein weiterer Mensch, der Amin viel bedeutet, ist Pater Placie. Er suchte Amin tagelang, als der von Snehasadan weggelaufen war, weil er das Tischgebet nicht auswendig konnte, das er am Abend aufsagen sollte. „Ich saß nackt auf dem Bahnsteig und hatte verlernt zu betteln oder im Müll nach Essen zu wühlen. Ich war durch die Monate in Snehasadan schüchtern geworden. Da nahm jemand ganz zärtlich meine Hand. Es war Pater Placie. Er sagte, ich könne immer zu ihm kommen, egal, was ich angestellt hätte. Er nahm mich mit zurück ins Waisenhaus und gab mir noch eine Chance“, erzählt Amin mit Tränen in den Augen. Auch Eustace Fernandes gab Amin Sheikh die Chance, zu dem Menschen zu werden, der er heute ist. Er erfüllte ihm seinen ungewöhnlichen Wunsch und nahm ihn mit nach Spanien. Heute fühlt Amin sich bei seinen Besuchen dort in Barcelona zu Hause. Seit neun Jahren spricht er durch seine internationalen Kontakte Englisch. Mit der Unterstützung seiner Freunde aus Mumbai und der ganzen Welt ist er dabei, seinen großen Traum umzusetzen: ein Café, das von ehemaligen Straßenkindern geführt wird und ihnen ein Zuhause und eine Zukunft gibt. Er hat nun ein geeignetes Haus gefunden und im Juni will er eröffnen.
Wer dazu beitragen möchte, dass Amins Projekt gelingt, steuert einen Euro pro Monat bei über http://www.teaming.net/bombaytobarcelonalibrarycafe
Amins Autobiografie: „Ich war ein Junge auf den Straßen von Bombay“, Verlag Via Nova
Print: ISBN: 978-3-86616-316-4, Preis: 13,95 € (D) / 14,40 € (A)
E-Buch ISBN: 9781326597252 (www.lulu.com/shop)
Amins Website: www.iambecauseofyou.com
Dieser Artikel ist am 15.03.2016 in der Ausgabe Nr. 31 von „Die Tagespost“ erschienen und am 30.04.2016 im „Höchster Kreisblatt“. Link zum Artikel: http://www.kreisblatt.de/lokales/main-taunus-kreis/Fuer-ihn-ist-das-Leben-wie-ein-Regenbogen;art676,1988111.

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