Kirche als Gemeinschaft, die den Menschen dient

Dr. Christian Hennecke, Leiter Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim und Margrita Appelhans, Mitglied im Vorstand des Deutschen Katholischen Blindenwerks

Dr. Christian Hennecke, Leiter Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim und Margrita Appelhans, Mitglied im Vorstand des Deutschen Katholischen Blindenwerks

Dr. Christian Hennecke spricht bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Blindenvereinigungen im deutschen Sprachraum von einer Verflüssigung der Kirchenstrukturen.

Gerne sei er der Einladung gefolgt, bei der Tagung zu sprechen. Durch seinen Vater, der an Kinderlähmung erkrankt war und ein Leben lang im Rollstuhl saß, habe er einen direkten Bezug zum Thema Behinderung. Dr. Christian Hennecke spricht zu den blinden, sehbehinderten und sehenden Gästen, die für drei Tage aus der Schweiz, Österreich, Südtirol und Deutschland ins Hildesheimer Priesterseminar gekommen sind. „Lokale Kirchenentwicklung“ ist es, was ihn seit Jahren beschäftigt. Der Begriff wurde in Hildesheim geprägt.

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„Seht, ich schaffe Neues – schon sprosst es auf“ lautet der Titel seines aktuellen Buches. Dort erklärt er „Lokale Kirchenentwicklung“ als „neue Art und Weise des Wahrnehmens …, was Kirche eigentlich ist und wie sie sich entwickelt.“ Dieser Prozess beginne mit einem neuen Blick auf die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders der Armen jedweder Art“ („Gaudium et spes 1“ – Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute). Eine Kirche ständiger Erneuerung – „Ecclesia semper reformanda“ –, wie das Zweite Vatikanische Konzil sie sich wünschte, klingt nach Hennecke zwar attraktiv, doch er hat zwei Einwände: Die Menschen erneuerten sich nicht freiwillig und das mitteleuropäische Kirchesein orientiere sich seit dem Konzil an dem, was war. „Die Kirche ist nicht unser Geschöpf, sondern insgesamt die Bewegung des Geistes Gottes in der Welt durch Menschen“, ruft er ins Bewusstsein. Die Kirche habe immense Summen ausgegeben, um Strukturen zu betonieren, ohne in den Blick zu nehmen, was neu wird, beschreibt Hennecke. Zum Beispiel würden noch immer würden 9-jährige Kinder zur Kommunion geführt, obwohl die Situation der Familien sich vollkommen verändert hat. Ähnlich sei es bei der Firmung. Er sieht ein langsames Verflüssigen gewohnter Strukturen. Er versteht die Trauer darüber, dass vieles in der Kirche nicht mehr ist, wie es war, rät jedoch davon ab zurückzuschauen. Ein Gast der Jahrestagung wendet ein, dass man sich des Positiven der Tradition bewusst bleiben müsse. Hennecke stimmt zu. Derselbe Gott, der dort handelte, handle auch heute. Er habe uns in immer neue Situationen gestellt und sei immer Befreier.

Dr. Christian Hennecke

Dr. Christian Hennecke

Hennecke ist nicht nur Priester und Leiter der Hauptabteilung Pastoral in Hildesheim, sondern auch Dogmatiker. „In der Eucharistie feiern wir ständig das Geheimnis, dass wir ganz anders werden“, gibt er zu bedenken. Am Gleichnis Jesu vom Weizenkorn könnten wir ablesen, dass etwas, das sich nicht in den Prozess des Sterbens und Neuwerdens hineingibt, leer bleibt. Seiner Überzeugung nach müssen wir – unabhängig von unserer physischen Sehkraft – mehr sehen und neu sehen lernen, wo Gott da ist. Er lebe dort, wo Menschen nach Solidarität und Gerechtigkeit suchen. Es brauche für den Erneuerungsprozess „geistliches Sehen, das nicht in Dioptrien zu messen ist.“ Papst Franziskus beschreibt er als guten „Optiker“, der in Evangelii Gaudium aufzeige, wie wir wirklich sehen lernen: „Christsein und Christwerden wächst aus einer Begegnung mit Jesus Christus“ – ein gnadenhafter Wachstumsprozess, der vielleicht ein ganzes Leben dauere. Dazu müssen wir, laut Hennecke, aufhören in Kategorien wie „Fernstehende“ oder „Sonntagschristen“ zu denken. Das werde den Menschen nicht gerecht. Dr. Aleksander Pavkovic, Vorstandsmitglied der Internationalen Föderation Katholischer Blindenvereinigungen (FIDACA), wendet ein, Kategorien seien notwendig, um auf besondere Bedürfnisse, wie die von behinderten Menschen, eingehen zu können. Für Hennecke ist es wichtig, die Realität wahrzunehmen.

Dr. Christian Hennecke unterhält sich mit Harald Raich, dem Jugendvertreter des Blindenapostolats Südtirol

Dr. Christian Hennecke unterhält sich mit Harald Raich, dem Jugendvertreter des Blindenapostolats Südtirol

… und gesehen werden
Jesus sah den Zöllner Zachäus an und lud sich zum ihm nach Hause ein; er nahm die Frau wahr, die an Blutfluss litt und heilte sie; er sah die Kanaanäerin an und heilte ihre Tochter, obwohl sie nicht zum auserwählten Volk Israel gehörte. Jesu Art, Menschen anzusehen, entspreche der Art Gottes zu sehen, so Hennecke. Vom Kreuz Christi her, betont er, sei alles umgekehrt. Er zitiert den ersten Korintherbrief (1,26-29): „Seht doch auf eure Berufung, Brüder! … das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.“ Margrita Appelhans aus dem Vorstand des Deutschen Katholischen Blindenwerks, die seit zehn Jahren im Bistum Hildesheim für die Seelsorge von Menschen mit Behinderung zuständig ist, erzählt, wie schwierig es sei, blinde Menschen zu finden.

Blindheit ist ein Altersphänomen und Betroffene sind in den Pfarrgemeinden nur selten bekannt. So fehlt es auch an Bewusstsein, zuständig zu sein. Laut Gerlinde Gregori, der Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft, sind deshalb die Angebote der katholischen Blindenvereinigungen wichtig. „Hier erlebe ich Kirche!“ höre sie bei vielen Veranstaltungen. Christian Hennecke erzählt aus Mexiko City: Kirchenentwickler dort hätten im Umfeld eines Kranken, der sich nicht bewegen konnte, gefragt: „Wie wäre es, wenn wir uns jede Woche bei dem Kranken treffen und so eine Gemeinschaft von Gläubigen um diesen Kranken herum bilden?“. So entstand eine kleine Gemeinde um den Kranken. Sie sorgten für ihn, kauften für ihn ein, beteten miteinander. Das ist für Hennecke eine „kopernikanische Wende in der Ekklesiologie“, ein Perspektivwechsel, nämlich zu schauen, wo sich Glauben ereignet und dorthin zu gehen. Da, wo Jesus erfahrbar ist, ereignet sich Kirche. Das bedeute aber, dass die klassische Gemeinde nur ein Ort kirchlichen Lebens von vielen ist. Katholische Schulen, Kleine Christliche Gemeinschaften und Einrichtungen der Caritas gehörten genauso dazu.

Wie sieht die Kirche der Zukunft aus?
„Wenn wir wollen, dass Menschen das Evangelium entdecken, müssen wir die Liturgie so gestalten, dass sie nährt“, fordert Christian Hennecke. Die Wahrheit des Sonntagsgebots bestehe darin, dass Menschen durch die Eucharistiefeier eine Erfahrung machen sollen, die ihr Herz brennen lässt. Unserer Gnadentheologie neu zu vertrauen sei wichtig. „Wir können nur Gastfreundschaft gewähren und unseren Glauben mit aller Kraft bezeugen. Ob das auf fruchtbaren Boden fällt, liegt nicht in unserer Hand; da führt ein anderer Regie“, erklärt Hennecke. Eine innere Umkehr sei notwendig, ein Prozess der Bewusstseinsveränderung. Er sieht die Zukunft der Kirche optimistisch. Strukturen seien notwendig, aber nur damit die Gnade Gottes, die er frei und unverfügbar schenkt, fließen könne. Einheit stifte nicht eine bestimmte Form, sondern der Herr selbst. Die heilige katholische Kirche insgesamt, schreibt Christian Hennecke in seinem aktuellen Buch, werde durch lokale Kirchenentwicklung mehr „Zeichen und Werkzeug einer Gemeinschaft der Einheit, die sich mit Freude in die Lebensbereiche aller Menschen hineinbegibt und so dient.“

Links zu den Blindenvereinigungen:
DKBW: http://www.blindenwerk.de
FIDACA: http://www.fidaca.org
Blindenapostolat Österreich (BAÖ): http://www.blindenapostolat.at
Blindenapostolat Südtirol: http://www.apostolat.blindenzentrum.bz.it

Informationen zum Buch
Titel: Seht, ich schaffe Neues – schon sprosst es auf
Lokale Kirchenentwicklung gestalten
Autor: Dr. Christian Hennecke (im Gespräch mit Birgit Stollhoff):
Echter Verlag, Würzburg
110 Seiten; 12,80 Euro
ISBN: 978-3-429-03761-1 (Print)
ISBN: 978-3-429-04784-9 (PDF)
ISBN: 978-3-429-06199-9 (ePub)

 

 

 

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