„Ich werfe meine Lebensfreude wie Vögel an den Himmel“

Offener Brief an die Teilnehmer der Internationalen Begegnungswoche am Bodensee

Ich bin im „Wochenloch“. Alleine sitze ich an meinem Schreibtisch und versuche, Eindrücke, Gedanken und Gefühle der vergangenen Woche zu sortieren. Habe ich jemals in einer einzigen Woche so viel gelacht? Kaum. Geweint habe ich auch.

Die Komposition Weltüberblick von Jean-Jacques Privet hängt im Foyer des IBZ

Die Komposition Weltüberblick von Jean-Jacques Privet hängt im Foyer des IBZ

Ich habe mich zu dieser Woche angemeldet mit der Erwartung, Neuland zu betreten. Bis zu Beginn dieses Jahres hatte ich kaum Berührung mit blinden oder sehbehinderten Menschen. Nun kenne ich an die dreißig. Ihr seid genauso unterschiedlich wie Sehende, aber euch verbinden besondere Eigenschaften.
Viki hat Verena als sehende Begleiterin zur Seite bekommen zu dieser Woche für blinde, sehbehinderte und sehende Teilnehmer im Internationalen Blindenzentrum (IBZ) in Landschlacht in der Schweiz. Verena ist auch das erste Mal dabei und lässt sich von einem „alten Hasen“ erklären, wo es in dieser Woche lang geht. Schon beim Frühstück höre ich Viki kichern, während Verena ihr Orangensaft eingießt. Leises Kichern wird schnell zu lautem Gackern, das alle ansteckt. Bald prustet der ganze Tisch. Im Alltag hat Viki nicht immer Grund zu lachen. Sie arbeitet im Büro der Störungsstelle eines Kommunikationsunternehmens. Jeden Morgen ist sie lange zu Fuß und mit der Bahn unterwegs, um zur Arbeit zu gelangen. Sie trägt es mit Humor. Als ich schon fertig bin im Hallenbad kommt sie an einem Abend in die Umkleide. Ich frage sie: „Ist es okay, wenn ich dich hier allein lasse oder soll ich bleiben?“. Kein Problem, sie könne alleine schwimmen und kenne sich hier aus, erwidert sie. Ich bin unsicher: „Soll ich dir im Hallenbad das Licht anschalten?“. „Nein, das bringt mir nichts, lass uns lieber Strom sparen“, sagt sie mit einem leisen Lachen.

Die Bedürfnisse von Sehbehinderten sind unterschiedlich: Manche brauchen so viel Licht wie möglich, um noch etwas zu sehen, andere dagegen tragen oft eine Sonnenbrille, da sie sehr lichtempfindlich sind. „Das Leben ist kein Ponyhof“, sagt Urs schmunzelnd. Er ist Leiter der Blindenbibliothek in Landschlacht und Mitglied im Organisationsteam, das viele Aktivitäten vorbereitet hat. Spielend wollen wir in dieser Begegnungswoche für Menschen mittleren Alters herausfinden, wie wir den Alltag lockerer angehen können.

Das Grillen von Stockbrot bei gutem Wetter macht allen Spaß

Stockbrot grillen auf dem Gelände des IBZ

 

Bei den Spielen im Freien nach dem Grillen am Dienstag haben alle Riesenspaß. „Kindsköpfig“ nennt Roland uns, weil wir beim Spiel „Zauberwald“ gurren und piepen und pfeifen wie eine Vogelschar. Ich traue mir nicht mehr viel zu, als ich mir die Dunkelbrille aufgesetzt habe und wir zu siebt mit einem Seil in der Hand eine Spirale nachbilden sollen. Zum Glück übernehmen Elvira und Andrea, die nur wenig beziehungsweise nichts sehen, die Regie und so schaffen wir es doch. Als ich die Brille abnehme, stehe ich nicht dort, wo ich vermutet hatte. Mir fehlt ohne Gesichtssinn die Orientierung. Euch fehlt der Blick nach draußen – teilweise oder ganz. Das zwingt euch dazu, euch auf andere Sinne zu verlassen und euch mit dem, was innen ist, stärker auseinander zu setzen. Bettina aus dem Leitungsteam, die unsere Lieder begleitet, wirkt ganz in sich gekehrt beim Gitarre spielen. Wenn Christof manchmal still dasteht und trotzdem sofort reagiert, sobald ihn jemand anspricht, ruht er in sich, ist aber hellwach. Sein Gesicht strahlt dann wie von einem inneren Licht. Am besten hat vielen der „Flashmob“ in der Konstanzer Innenstadt mit dem Straßenmusiker Peter gefallen. Wir haben mit unserem „Halleluja“ Konstanz gerockt, dass Leonhard Cohen seine Freude gehabt hätte. Die Passanten hatten sie an unserem Auftritt: Sie haben uns mit ihren Handys aufgenommen.

Berührt hat mich eure Aufmerksamkeit füreinander. Jeder hat besondere Talente, die er einbringt und die zusammen ein rundes Ganzes ergeben. In dieser Woche spielte die Gemeinschaft eine große Rolle. Antonella hat sogar durchgegeben, wo sich im Garten Hundehäufchen befinden, damit keiner darin landet. Es ist nichts passiert. Das war Roland auch lieber so. Obwohl er keiner ist, der den Kopf einzieht. Das hat eine seiner Mitarbeiterinnen im IBZ, dessen stellvertretender Direktor er ist, schon vor zehn Jahren erkannt. Damals fuhr er das erste Mal zu Petra, die eine gute Stunde nordwestlich vom Bodensee lebt. Ihre Mutter hatte auf dem Sofa ein Bett für ihn gerichtet, aber das haben sie nicht gebraucht. Sie wurden ein Paar. Kennen gelernt hatten sie sich 2005 auf der Internationalen Begegnungswoche im IBZ. Seit zwei Jahren sind sie verheiratet. Sie ist auch dieses Mal dabei. Bald wird Petra zu Roland nach Landschlacht ziehen. Petra lebt momentan noch mit ihrem Sohn zusammen, den sie vermissen wird. Sie ist von Hilfe abhängig. Sie ist blind und sitzt im Rollstuhl, weil sie mit 23 Jahren Multiple Sklerose bekam. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen. Mit ein paar Koffern zieht sie demnächst in die Schweiz.

Nicole und Elvira bei den Wasserspielen im IBZ-Hallenbad

Nicole und Elvira bei den Wasserspielen im IBZ-Hallenbad

Christof, mit dem ich zusammen nach Landschlacht gereist bin, nimmt mich bei den Wasserspielen im IBZ-Hallenbad auf die Seite: „Du musst keine Angst haben, Nella macht das nicht zum ersten Mal.“ Erst war ein großer Ball direkt vor Sabines Kopf ins Wasser geklatscht und dann hatte Antonella mich gebeten, mit ihr Schnüre quer über das Schwimmbecken zu spannen. „Wie sollen die Mitspieler, ohne zu sehen, damit klar kommen?“, habe ich mich gefragt. Doch ihr seid großartig klar gekommen, habt euch überschlagen, damit euer Team gewinnt und meine Sorge war umsonst. Gerne habe ich Bretter und Schwimmnudeln gebracht, Antonellas Notizzettel in Blindenschrift aus den Pfützen gefischt und Dunkelbrillen für diejenigen mit Sehrest geholt, denn es gilt: gleiche Chancen für alle!

Geweint habe ich in dieser Woche auch, nämlich als mir klar wurde, was für wunderbare Kämpfernaturen ihr seid und wie unfair es ist, dass ihr euch mit so gravierenden Schwierigkeiten herumschlagen müsst. Geschämt habe ich mich, als am Freitag bei unserem selbst zusammengestellten IBZ-Quiz meine Frage vorgelesen wurde: „Was ist auf dem Bild gegenüber der Rezeption zu sehen: a) Ein Bein b) Ein Auge c) Ein Baum und jemand vor sich hin murmelte: „Wieder so eine typische Sehenden-Frage!“. Doch Gita sagt: „Kein Grund, sich zu schämen! So haben die blinden Teilnehmer wenigstens erfahren, was für ein Bild im Foyer hängt.“ „Weltüberblick“ heißt die Komposition des Künstlers Jean-Jacques Privet aus Lausanne: ein Bild von einem Auge mit einer Weltkugel. Ein afrikanisches Morgengebet fängt das Gefühl der Woche ein: „Gott, ich werfe meine Lebensfreude wie Vögel an den Himmel. Die Nacht ist verflattert, und ich freue mich am Licht der ersten Strahlen …“ Danke, dass ich diese Woche mit euch verbringen durfte – das gilt für alle: die Sehenden und die Nicht-Sehenden.
Auf ein Wiedersehen!
Eure Jutta

Zusatzinfos:
Das Internationale Blindenzentrum in Landschlacht  – http://www.ibzlandschlacht.ch – wird von einer Stiftung getragen. Hinter ihr stehen zwei katholische Selbsthilfeorganisationen von Blinden und Sehbehinderten:
die Schweizerische Caritasaktion der Blinden (CAB): http://www.cab-org.ch und das Deutsche Katholische Blindenwerk e.V. (DKBW): http://www.blindenwerk.de.
Das IBZ dient blinden und sehbehinderten Menschen als Erholungs- und Bildungsstätte.

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