„Das Schnitzel auf neun Uhr“

Der Straßenmusiker Peter spielt für seine blinden und sehbehinderten Gäste

Der Straßenmusiker Peter spielt für seine blinden und sehbehinderten Gäste

Teilnehmer der Internationalen Begegnungswoche für Blinde, Sehbehinderte und Sehende am Bodensee wollen herausfinden, wie sie mehr Leichtigkeit in ihren Alltag bringen können.


Der Bus hält – nichts wie raus! So schnell geht es nicht, da zwei Reisende im Rollstuhl sitzen. Ein Mann mit schwarzem Hut, runder Brille auf der Nase und Gitarre auf dem Rücken steht auf dem Bürgersteig. „Ich bin der Peter“, stellt er sich vor. Er blickt in fragende Gesichter. Die Gäste des Internationalen Blindenzentrums (IBZ) in Landschlacht in der Schweiz wissen nicht, wer er ist und warum er vor ihnen steht.

Sie wollen Beweglichkeit und Lockerheit in den Alltag zu bringen, denn das Leben ist – gerade auch für Menschen mit Behinderung – „kein Ponyhof“, wie Urs Rehmann, Leiter der Blindenbibliothek Landschlacht, am Tag zuvor schmunzelnd erklärt hat. Sie sind in ihrer Mobilität eingeschränkt und auf Hilfe angewiesen. Im IBZ können sie sich selbständig bewegen, da dieses Haus blindengerecht ausgestattet ist: Geländer laufen an Wänden entlang und Schranken schützen vor Treppen. Metallplättchen mit Blindenschrift geben Stockwerk und Zimmernummer an. Im Erdgeschoss gibt es ein Schwimmbad und das große Gelände lädt zu Spaziergängen und Spielen im Freien ein. Besonders beliebt ist „Showdown“, eine Mischung aus Tischtennis und Tischfußball, bei dem sich die Frauen und Männer mittleren Alters, die aus dem ganzen deutschen Sprachraum in die Schweiz gekommen sind, am Dienstag bis zum Abend Duelle lieferten. Sehende Begleitpersonen helfen den Nicht-Sehenden dabei, dass sie vom Buffet das bekommen, was sie möchten und bieten auch sonst Unterstützung an.

Regenspaziergang zum Bus am Mittwoch

Regenspaziergang zum Bus nach Konstanz

Am Mittwochmorgen standen alle schon um Viertel vor neun in Regenjacken an der Rezeption, um zum Bus zu gehen und neun Kilometer nach Konstanz zu fahren. Teilweise nutzen die Blinden ihren weißen Langstock zur Orientierung, andere haken sich bei einem Sehenden ein, halten den Stock aber in der Hand. So können andere Verkehrsteilnehmer erkennen, dass sie besondere Rücksicht brauchen. Feiner Sprühregen hüllt Konstanz in einen grauen Schleier. Zügig führt Peter die eben angekommene Gruppe zu einer nahen Unterführung. Nie spiele er sonst an so dunklen Orten, erzählt er, denn er mag es offen und hell, er schaut gerne ein hübsches Haus oder schöne Menschen an, wenn er arbeitet.

„Schöne Menschen sind hier“, kontert eine Teilnehmerin und er packt seine Gitarre aus. Er verteilt Klanghölzer, Rasseln und Glöckchen unter den Blinden und Sehbehinderten. Alle lauschen, als Peter „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ anstimmt. Viki unterstützt den Rhythmus der Gitarre mit ihrem Instrument – sie hat wie viele Blinde ein feines Gehör. Manche wiegen sich im Takt, die meisten singen mit bei „Imagine“ von John Lennon. „Peter und die Blinden“ sei doch ein guter Name für die so spontan entstandene Band, schlägt Roland Gruber vor, der stellvertretende IBZ-Direktor. Nun kommt der Höhepunkt: „Halleluja“ von Leonhard Cohen. Passanten bleiben stehen und nehmen die singenden Menschen mit den weißen Stöcken mit dem Handy auf.

Blinde, sehende und sehbehinderte genießen gemeinsam den alkoholfreien Aperitif

Blinde, sehende und sehbehinderte genießen gemeinsam den alkoholfreien Aperitif

Dann packt Peter die Instrumente ein und nimmt alle mit ins „Eugens“, ein Café in der Münzgasse, wo die Gruppe schon erwartet wird. Kerzen und Blumen schmücken die Tische und dicke, bunte Kissen liegen auf den Bänken. Die Sehenden beschreiben den Blinden die Dekoration. Sie nehmen Platz und helfen sich gegenseitig beim Gemüsestrudel essen. Eine gängige Weise, jemandem, der keinen Sehrest mehr hat, zu erklären, wie das Essen auf dem Teller verteilt ist, besteht darin, die Uhr als Richtungsweiser zu benutzen: „Auf 12 Uhr liegen Karotten, auf drei Uhr Kartoffelpüree und das Schnitzel auf neun Uhr.“ Die 34 Männer und Frauen aus dem IBZ in Landschlacht erforschen in dieser Woche das Thema „Bring dich ins Spiel!“ und was läge näher als nach dem Essen den Straßenmusiker zu fragen? Was macht die Leichtigkeit in Peters Leben aus?

Er lebe seit zehn Jahren von der Musik, berichtet er. Er habe zuerst studiert, aber dann gemerkt, dass die Wissenschaft nichts für ihn ist. Früh wurde er Vater von zwei Kindern und musste viel arbeiten, damit die Familie über die Runden kam. Mit vierzig hat er sein Leben umgekrempelt. Er braucht wenig: Seine rote Hose ist vom Flohmarkt, das T-Shirt aus dem Second Hand Laden. „Wie planst Du Deine Altersvorsorge?“, will Thomas von Peter wissen. Seine Philosophie verbiete es ihm, so weit zu denken, antwortet dieser. Fast wäre er durch einen Unfall im Rollstuhl gelandet und in Italien um ein Haar umgebracht worden. Deshalb hat er beschlossen, im Jetzt zu leben. Er arbeitet gerade so viel, dass es zum Überleben reicht. Henrike interessiert es, ob er auch ab und zu angepöbelt werde. Das komme selten vor, lacht Peter, obwohl sich gerade bei seinem Lieblingslied schon einmal ein Fenster über seinem Kopf öffnete und jemand: „Ich kann es nicht mehr hören!“ herunter rief.

Ein kleines Grüppchen schließt sich dem Straßenmusiker zu einem Bummel durch seine Stadt an. Thomas, der sehbehindert ist, hakt sich bei Peter unter und sie schlendern durchs Münster, eine der größten romanischen Kirchen Südwestdeutschlands. Draußen auf dem Platz freuen die Blinden und Sehbehinderten sich über das metallene Modell der Stadt, das sie mit den Händen ansehen. Am Nachmittag bringt Peter sie zum Bus nach Landschlacht. Er kann sich inzwischen vorstellen, einen blinden Menschen auf einer Reise zu begleiten. Als die Gäste des IBZ am Freitag bei der Abschlussrunde gefragt werden, was ihnen an der einwöchigen Veranstaltung am besten gefallen hat, sagen viele: „Der Tag mit Peter.“

Zusatzinfos:
Das Internationale Blindenzentrum in Landschlacht: http://www.ibzlandschlacht.ch, wird von einer Stiftung getragen. Hinter ihr stehen zwei katholische Selbsthilfeorganisationen von Blinden und Sehbehinderten:
die Schweizerische Caritasaktion der Blinden (CAB): http://www.cab-org.ch und das Deutsche Katholische Blindenwerk e.V. (DKBW): http://www.blindenwerk.de.
Das IBZ dient blinden und sehbehinderten Menschen als Erholungs- und Bildungsstätte.

Dieser Artikel ist am 19.09.2015 in Ausgabe Nr. 112 der überregionalen Tageszeitung „Die Tagespost“: http://www.die-tagespost.de erschienen.

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