Selbst denken anstatt „gedacht zu werden“

Grafik der Designerin Sandra Schulze, die während des Symposiums entstanden ist.

Grafik der Designerin Sandra Schulze, die während des Symposiums entstanden ist.

Wie können wir unsere Persönlichkeit weiterentwickeln und an den Herausforderungen des Lebens wachsen? Welchen Beitrag können wir leisten, um diese Welt besser zu machen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Mitglieder des Frankfurter Round Table Clubs. Mitte Juli luden sie deshalb zum Thema „Eigenverantwortung“ drei prominente Redner auf den Campus Westend der Goethe Universität Frankfurt ein.
Der Benediktinerpater Dr. Anselm Grün, der Psychologe Jens Corssen und der Gründer des Unternehmens dm-drogerie markt, Prof. Götz W. Werner, waren Gäste des Benefizsymposiums. Johannes Blank, Unternehmer und aktives Round-Table-Clubmitglied, hatte den Abend initiiert und moderierte.

Versäume nicht dein Leben
Pater Anselm Grün aus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg war der erste Redner des Abends. „Versäume nicht dein Leben“ heißt sein aktuelles Buch und das war auch der Titel seines Impulsvortrags. Der Benediktinermönch erlebt immer wieder Menschen, die vor lauter Absicherung nie richtig ins Leben kommen. Sie haben Angst zu scheitern, Schwächen zu zeigen und verletzt zu werden. Doch es gibt kein Leben ohne Verletzungen. Plato hat 400 v. Chr. eine wichtige Tugend entwickelt: die Tapferkeit. Heute steht ihr, laut Anselm Grün, eine andere Haltung gegenüber. Pascal Bruckner, ein französischer Philosoph, hat sie in seinem Buchtitel „Ich leide, also bin ich“ formuliert. Pater Anselm spricht von zwei Grundthemen: Die Infantilisierung und die Viktimisierung. Das erste sieht den Menschen der Zukunft als alterndes Riesenbaby, das Riesenerwartungen an den Staat hat, aber nicht bereit ist, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. „Viktimisierung“ kommt vom lateinischen „victima“, das heißt „Opfer“. Dieser Begriff steht für die Grundhaltung, die Schuld immer bei anderen zu suchen. Das Leben zu wagen gelingt aber nach Anselm Grün nur, wenn die Menschen einen Sinn darin sehen. Der Benediktinerpater erzählt als Beispiel von einem Mann, der immer, wenn er Streit mit seiner Frau hat, in den Keller geht, um zu meditieren. Er weicht so der Auseinandersetzung aus und versäumt das Leben. Echte Spiritualität drückt sich laut Pater Anselm darin aus, dass man tut, was man kann und darauf vertraut, dass Gott das Werk der eigenen Hände segnet. Das Leben wagen ist Hingabe. Sie bringt uns in Fluss. Jeder Mensch hat Verantwortung für sich und die anderen. Jeder kann herausfinden, wozu er in diese Welt gesandt wurde und welche Spur er dort eingraben möchte.

Heiner Wolters hat sich von Anselm Grün Bücher signieren lassen

Heiner Wolters hat sich von Anselm Grün Bücher signieren lassen

Sich aus der Opferrolle befreien
„Ich bin seit 38 Jahren verheiratet und bemühe mich wirklich, menschlich zu werden. Meine Frau sagt, langsam merkt sie das“, gestand Jens Corssen als Einstieg in seinen Vortrag. Seine Philosophie des Selbstentwicklers bedeutet, mit der Veränderung bei sich anzufangen und sich aus einer Opferhaltung zu befreien. So entstehen Selbst-Vertrauen und die Kraft, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. In seiner langjährigen Coaching-Praxis hat er erkannt, dass alle Probleme seiner Klienten auf ein Thema hinauslaufen. „Die Leute sind verstimmt wie eine Gitarre“, erklärt er. Corssen berät heute nur noch auf eine „gehobene Gestimmtheit“ hin. Das heißt, er versucht die Menschen dazu zu bewegen, nicht ständig zu klagen. Sie müssen merken, dass sie nicht bewusst denken, sondern „gedacht werden“. Der Therapeut erzählte, dass er morgens, bevor er die Türe öffnet, zuerst den Tag begrüßt, indem er sagt: „Willkommen, Tag, ich erwähle dich mit all dem, was du mir bringst.“ Und wenn das Schicksal dann kommt, ist er immer schon da. Rutscht sein Auto auf Glatteis in den Graben, sagt er sich: „Das habe ich mir anders vorgestellt!“. Genauso bei anderen Missgeschicken. Fünf Vorteile für Menschen, die der Philosophie des Selbstentwicklers folgen, nannte Corssen: Man kann seine „Wahrheiten“ leichter loslassen, steht nach Niederlagen schneller wieder auf, man ist freundlicher zu anderen Menschen und wird kaum krank. Außerdem kann man kreativer und innovativer sein, weil man weniger Angst hat, sich zu blamieren. Unsere Verantwortung besteht für Corssen auch darin, dass wir der Hetze des Alltags eine Absage erteilen, um wieder Mitgefühl für andere empfinden zu können.

Der Mensch ist ein Ausdruckswesen
Er beschreibe sich selbst als Deutschlands bekanntesten Zahnpastaverkäufer, kündigte Moderator Johannes Blank den letzten Redner an. Mit „sehr geehrte Kundinnen und Kunden“, begrüßte Prof. Götz W. Werner die Teilnehmer des Symposiums. Götz Werner gründete 1973 die erste dm-Drogeriefiliale und sitzt heute im Aufsichtsrat des 60.000 Mitarbeiter starken Unternehmens. Für ihn ist wichtig, wie man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sieht: Als Mittel oder als Zweck. Als Anthroposoph sieht er den Menschen nicht als Werkzeug, das eine Leistung hervorzubringen hat, sondern als Zweck. Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht umgekehrt. Freiheit und Eigenverantwortung hängen für Professor Werner direkt zusammen: Aus Freiheit entsteht Eigenverantwortung. Er fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen, das jedem ein bescheidenes Leben ermöglicht. Das fördert die Kreativität der Menschen und ermöglicht ihnen, frei von Existenzangst ihre Spuren in der Welt hinterlassen. Denn das ist es, was sie wollen. „Der Mensch ist ein Ausdruckswesen“, zitiert er den Psychoanalytiker Erich Fromm. Götz Werner regt an, das Leben als Geschenk aufzufassen und Geist als etwas Reales zu akzeptieren. Wenn wir den anderen nicht weniger zutrauen als uns selbst, schenken wir ihnen Freiheit.

Nach dem Symposium trinken viele Besucher einen Sekt auf dem Theodor-W.-Adorno-Platz des Campus Westend der Frankfurter Goethe Universität

Nach dem Symposium trinken manche Besucher noch einen Sekt auf dem Theodor-W.-Adorno-Platz des Campus Westend der Frankfurter Goethe Universität

Fragen aus dem Publikum
Am Ende beantworten die Redner Fragen aus dem Publikum. Eine Frau will von Jens Corssen wissen, ob er den Tag immer noch mit „ich erwähle dich“ begrüßen könne, wenn eines seiner Kinder gestorben wäre. Er geht auf sie ein und bekräftigt, dass er zwar unendlich traurig, aber dennoch diese Haltung verfolgen würde. Ein Zuhörer möchte seiner Frau zu Hause von Corssens Vortrag erzählen und fragt nach einer griffigen Formulierung. „Geben Sie es nicht weiter!“ ruft dieser dem jungen Mann zu. „Davon erzählen bringt überhaupt nichts. Man muss es leben.“

Weitere Informationen:
Round Table ist eine internationale Vereinigung junger Männer, für die der Dienst an der Allgemeinheit im Mittelpunkt steht. In Deutschland hat der Serviceclub rund 3.500 Mitglieder, weltweit gehören mehr als 40.000 in über 70 Ländern dazu. Die Clubmitgliedschaft endet automatisch mit dem 40. Lebensjahr.
Der Reinerlös der Veranstaltung zum Thema „Eigenverantwortung“ von über 30.000 Euro kommt dem Freizeitcamp Kaub am Rhein zugute, wo Round Table bedürftigen Kindern und Jugendlichen Ferien weg von zu Hause ermöglicht.
Weitere Informationen zum Veranstalter: http://www.round-table.de
Dr. Anselm Grün: http://www.anselm-gruen.de
Jens Corssen: http://www.der-selbstentwickler.com
Prof. Götz W. Werner: http://www.unternimm-die-zukunft.de

2 Gedanken zu „Selbst denken anstatt „gedacht zu werden“

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