„Ganz normaler Unterricht“

„Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit, also das Gegenteil von Ausgrenzung. Wenn jeder Mensch – mit oder ohne Behinderung – überall dabei sein kann, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit, dann ist das gelungene Inklusion“, lautet die Definition von „Aktion Mensch“. Sie ist möglich, wie der Arbeitsalltag eines blinden Lehrers am Gymnasium zeigt.
Von Jutta Hajek

Christof Müller liest Unterlagen in Blindenschrift

Christof Müller liest Unterlagen in Blindenschrift

Es ist 9.35 Uhr und der Lehrer ist bereits da. Raum 105 der Hofheimer Main-Taunus-Schule ist sonst noch leer. Die Stühle und Bänke stehen wie Kraut und Rüben, weil in der Stunde zuvor eine Klassenarbeit geschrieben wurde. In fünf Minuten beginnt der Unterricht. Nina kommt zur Tür herein: „Hallo, Herr Müller, soll ich Ihnen etwas helfen?“ Sie gehen zusammen den Medienwagen holen, denn Nina hält an diesem Dienstag eine Präsentation über den Hitler-Stalin-Pakt. Sie hatte einen Bänderriss am rechten Daumen und konnte die letzte Geschichtsarbeit nicht mitschreiben. Deshalb muss sie heute eine „Klausurersatzleistung“ vorweisen. Der Lehrer, Christof Müller, sitzt in der ersten Reihe am Fenster und verfolgt Ninas Vortrag. An der Wand ist ihre Präsentation zu sehen. Sie nutzt darin mehrere historische Karten. Doch der 47-Jährige kann sie nicht sehen: Er ist blind. Nach einer Viertelstunde ist sie fertig und die anderen können Fragen stellen. Der Lehrer, der noch in der ersten Reihe sitzt und sein Gesicht dem Schüler zuwendet, der gerade spricht, moderiert. Damit er diese Aufgabe wahrnehmen kann, gibt es eine „Meldeordnung“. Das bedeutet, dass in jeder Unterrichtsstunde ein anderer die Namen derjenigen ansagt, die sich gerade melden, um eine Frage zu beantworten oder auf andere Weise zum Unterricht beizutragen. So kann der Gymnasiallehrer auswählen, wer antworten soll. Auch wer sich nicht gemeldet hat, muss darauf gefasst sein, aufgerufen zu werden.

„Ich stamme aus einfachen Verhältnissen“
Christof Müller kam mit einer Sehbehinderung auf die Welt. Er hat als Kind Farben und Formen gesehen. Das hilft ihm heute, wo er nur noch hell und dunkel unterscheiden kann. „Ich stamme aus einfachen Verhältnissen“, erzählt der Studienrat. Sein Vater sei Hilfsarbeiter gewesen, seine Mutter Stenotypistin. Sie ließen ihre Söhne studieren, die beide – wie die Eltern – blind sind. Christof Müller besuchte das Internat der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. Sie sei damals die einzige Lehreinrichtung im deutschsprachigen Raum gewesen, in der blinde Menschen das Abitur absolvieren konnten. Staatliche Unterstützung in Form von BaföG habe ihm das Studium ermöglicht. Der „Berühmteste“ aus der Familie sei sein Bruder Stefan – der erste blinde Katholik, der von Bischof Franz Kamphaus zum Priester geweiht wurde.

So läuft der Unterricht
Nach Ninas Präsentation soll sich der Kurs in mehrere gleichstarke Gruppen einteilen, um die Hintergründe des Widerstands gegen Hitler zu erarbeiten. In kürzester Zeit haben sich mithilfe Christof Müllers die Gruppen gefunden und beginnen mit der Arbeit. Er sitzt dabei am Lehrer-Pult und schreibt in seinen Computer oder liest Inhalte, wobei die Zeichen dynamisch durch kleine Stifte angezeigt werden. Vor ihm liegen Unterlagen in Braille-Schrift. Pünktchen-Kombinationen stehen für Buchstaben und geschwind gleiten seine Finger darüber.

In der kleinen Pause zwischen den beiden Geschichtsstunden erzählen Annika und Julia, beide 18 Jahre alt und aus Hofheim, vom Unterricht mit Christof Müller: „Wir haben ihn seit einem Jahr und sind daran gewöhnt. Wir machen Aufgaben und lesen aus dem Buch. Wenn wir ein Bild besprechen, hat er sich darauf vorbereitet und weiß, was darauf zu sehen ist“, so Julia. Es gebe eine feste Sitzordnung und der Lehrer kenne den Platz eines jeden. Wenn man sich umsetzen wolle, müsse man es ankündigen. „Das ist ganz normaler Unterricht für mich“, erzählt Annika. Sie hat von einem anderen Lehrer zu Christof Müller gewechselt. „Das ist ja total interessant!“, habe sie in den ersten Stunden immer wieder zu ihrer Tischnachbarin gesagt. Beide Schülerinnen bekräftigen, dass keiner im Kurs es ausnutze, dass der Lehrer nicht sehen kann.

„Christof Müller kennt die Schule wie seine Westentasche“
„Für uns ist die Zusammenarbeit mit Christof Müller das Normalste der Welt“, berichtet Sabine Buse-Stephan, die Schulleiterin. Er sei vier Jahre lang im Personalrat der Schule gewesen und übernehme die gleichen Aufgaben wie die anderen im Kollegium, außer Pausenaufsichten. Bei der Einführung von Präsentationsprüfungen für das Abitur habe man darüber nachgedacht, ob und wie Christof Müller diese auch durchführen könne. Gemeinsam fand man einen Weg: Die Schüler geben eine Verlaufsskizze und den Quellennachweis der verwendeten Materialien für die Präsentation sowieso eine Woche vor der Prüfung ab. Müller erarbeitet sich mit seiner Lesekraft eine Vorstellung davon, wie die Bilder aussehen.

„Christof Müller kennt die Schule wie seine Westentasche. Er ist auch bei Wandertagen dabei, was ich ganz toll finde“, erzählt Buse-Stephan, „in unwegsamem Gelände hat sich immer ein Kollege gefunden, der ihn unterhenkelt.“ Christof Müller und Sabine Buse-Stephan arbeiten seit 1995 im Lehrerkollegium zusammen und sind per „Du“. Müller habe sich für das Klassenraum-Prinzip ausgesprochen, um den Unterricht schülerfreundlich zu gestalten. Das bedeutet, dass die Lehrer häufig die Räume wechseln müssen, nicht die Schüler. Er sehe das als „sportliche Herausforderung“, so Buse-Stephan. Er trägt seine Ausstattung im Rucksack dahin, wo er unterrichtet. Allerdings hat man ihm zugestanden, nicht im Container oder einer Nachbarschule unterrichten zu müssen, sondern im Hauptgebäude der Main-Taunus-Schule mit ihren ca. 1.750 Schülern arbeiten zu können. Seit 20 Jahren ist er als Lehrkraft an der Schule tätig und momentan unterrichtet er zwölf Stunden pro Woche Geschichte und Religion. Die Schulleitung habe die Schüler, mit denen Herr Müller jeweils neu arbeitete, dazu ermutigt, offen zu sagen, ob es ihnen etwas ausmache, dass ihr Lehrer ihnen nicht in die Augen schauen könne. Es gebe eine „Tauschbörse“ für alle Oberstufenschüler am Anfang jedes Schuljahres. Das heißt, wenn jemand sich in einem Kurs nicht wohlfühlt oder mit einem Freund im selben Kurs sein möchte, kann er wechseln. Normalerweise braucht man dafür einen Tauschpartner. Schätzungsweise zwei bis drei Schüler pro Jahr wechseln auch ohne Tauschpartner in einen anderen Kurs, weil sie Berührungsängste mit einem blinden Lehrer haben. Es gab aber dieses Jahr auch eine Schülerin, die später wieder in seinen Kurs zurück wollte. „Ich habe immer um meine Schüler gekämpft“, betont er. Er ermutige jeden, es zu probieren.

Lesekräfte unterstützen Christof Müller
Nach der vierten Stunde um 11.15 Uhr wartet Gudrun Barth schon auf ihren „Chef“. Seit 19 Jahren arbeitet sie als Lesekraft für ihn, im Durchschnitt zwei Stunden pro Woche. Mit einem Mikrofon spricht sie Inhalte, wie Klausuren oder Bücher, in einen „Daisy Player“, der mit einem MP3-Player vergleichbar ist. Wichtig ist die Beschreibung von Bildern aus den Büchern. Zu Hause kann Müller sich die Inhalte anhören und erarbeiten. Jede Klausur, die er einsammelt, spricht sie ins Gerät. Die Satzzeichen werden erst beim zweiten Korrektur-Durchgang berücksichtigt. Das sei aufwändig, ermögliche aber Genauigkeit. Die Rechtschreibung muss überprüft werden, da sie die Note beeinflusst. Christof Müller gibt Anweisungen zu Randbemerkungen, die mit Rotstift in den Klausuren anzubringen sind. Gudrun Barth führt auch Aufsicht bei Klausuren. Sie strickt oder liest dann, aber ihr entgeht nichts. Laut Studienrat Müller schätzen die Schülerinnen und Schüler es sehr, dass er jedem auf einem extra Abschnitt, der an die Arbeit geheftet ist, eine ausführliche Rückmeldung gibt, was in der Klausur gut war und wo er Verbesserungsmöglichkeiten sieht. Um überhaupt korrigieren zu können, braucht er seine Lesekräfte. Diese organisiert er selbst. Manche kommen regelmäßig, andere punktuell als „Springer“, wenn besonders viel Arbeit anfällt, wie bei der Abiturprüfung. Insgesamt sind fünf Frauen im Alter von 19 bis 65 Jahren als Lesekräfte für ihn tätig. Im Durchschnitt braucht er zehn Stunden in der Woche Unterstützung zur Unterrichtsvor- und -nachbereitung. Die Kosten erstattet das Schulamt.

Gudrun Barth hilft Christof Müller bei der Unterrichtsvor- und Nachbereitung

Lesekräfte helfen Christof Müller bei der Unterrichtsvor- und Nachbereitung

Am Anfang sei sie sehr unsicher gewesen, erzählt Gudrun Barth. „Man kann sich nicht in einen blinden Menschen hinein versetzen“, begründet sie. Sie habe vorher in leitender Position in einer Personalabteilung gearbeitet. Diese Tätigkeit hat sie nach der Geburt ihrer Tochter aufgegeben, da die Großeltern nicht in der Nähe wohnten. So kam es, dass sie das Mädchen manchmal zu Christof Müller und seiner Mutter mitnahm, wenn sie zum Arbeiten dorthin fuhr. „Frau Müller hat für uns Tee gekocht, auf Christiane aufgepasst und mit ihr Lego gespielt. Für unsere Tochter war das eine faszinierende Erfahrung. Wir haben gesehen, wie ein normaler Alltag in einer blinden Familie abläuft.“

Engagement in der Freizeit
Christof Müller ist auch in seiner Freizeit aktiv: Als Stadtverordneter des CDU-Ortsverbandes Ehlhalten engagiert er sich ehrenamtlich in der Pressearbeit. „Meine Behinderung gehört wesentlich zu mir, aber gerade im politischen Engagement spielt sie keine Rolle“, erklärt er. Das Katholische Blindenwerk vertritt er, wenn es seine Zeit erlaubt, bei Veranstaltungen mit anderen Blindenorganisationen. Am vergangenen Wochenende hat er an einer Wallfahrt von Löffelstelzen nach Walldürn teilgenommen, da sein Vater aus dieser Gegend stammte. Inklusion bedeutet für ihn auch, dass behinderte Menschen sich bemühen, sich in die Gemeinschaft der „Normalen“ einzugliedern. Er streckt der Besucherin die Hand entgegen und wartet, bis sie bereit ist, sie zu ergreifen und sich zu verabschieden. Dann macht er sich mit Gudrun Barth daran, den Rest des neuen Geschichtslehrbuchs für das kommende Schuljahr zu erarbeiten.

Dieser Artikel ist am 18.07.2015 in Ausgabe Nr. 85 der überregionalen Tageszeitung Die Tagespost erschienen, außerdem am 24.07.2015 in Ausgabe Nr. 169 des Höchster Kreisblatt.

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