Stimmen aus Athen zur Krise in Griechenland

Die Akropolis vom Lykavittós, dem Athener Stadtfelsen, aus gesehen.

Die Akropolis vom Lykavittós, dem Athener Stadtfelsen, aus gesehen.

„Das Problem sind die Politiker“

Wie geht es den Menschen in Griechenland? Sehen sie einen Ausweg aus der Krise? In der Woche vor Ostern mache ich mich mit Reiseführer und Regenschirm auf den Weg ins Zentrum Athens, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Auf dem Weg zum Bahnhof treffe ich eine faltige Frau mit Zahnlücken, die vor dem Supermarkt sitzt und die leere Hand immer wieder zum Mund führt. Ich lege einen Euro in ihren Becher. In der Bahn ist es still, jeder schaut vor sich hin. Eine Frau hat rote Augen. Viele spielen mit dem Handy oder hören Musik. Ich steige am Omonia-Platz aus und gehe die Odós Athinás hinunter Richtung Rathaus. Der Bürgermeister residiert im ersten Stock im einzigen Raum mit Balkon. Neben dem Rathaus steht ein Denkmal für die „letzte Drachme“, die älteste Münze Europas. Sie wurde vom Euro abgelöst. Viele Hellenen wollen die Drachme wieder zurück seit der Finanzkrise 2010, behauptet der Reiseführer.

Die Studentin Eva Novro sorgt sich um die Zukunft der jungen Leute

Die Studentin Eva Novro sorgt sich um die Zukunft der jungen Leute

Ich lasse mich am Brunnen auf dem Rathausplatz nieder. Ein alter Mann im grauen Mantel bietet getrocknete Feigen an. Dann setzt sich eine junge Frau neben mich. Sie habe gerade ihr Studium in Public Relations und Kommunikation abgeschlossen, erzählt Eva Novro. Nun fehle ihr noch ein Praktikum. Es sei schwierig, eine Stelle zu finden und die Bezahlung schlecht: mehr als 500 Euro im Monat könne man als Gehalt nicht erwarten. Eine Ein-Zimmer-Wohnung koste aber schon 150 Euro. Viele seien arbeitslos. Eva ist auf der Insel Kefalonia aufgewachsen. Auf den Inseln ist die Lage besser, weiß sie. Die Mieten seien dort zwar höher als in Athen – etwa 250 Euro für eine kleine Wohnung –, aber die meisten Leute hätten Eigentum und eine kleine Landwirtschaft. Auch Geschäftsleute aus Athen besitzen dort Häuser. Momentan lebt sie bei ihren Eltern in Athen im eigenen Haus. „Die meisten jungen Leute in meinem Alter, die ein Diplom in der Tasche haben, gehen ins Ausland“, klagt die 24-Jährige. „Ich wünsche mir, dass man von dem, was man mit seiner Arbeit verdient, nicht nur von der Hand in den Mund leben, sondern auch Ersparnisse anlegen kann.“

Auf dem Athener Fleischmarkt

Auf dem Athener Fleischmarkt – ein Großteil der Ware stammt aus den Niederlanden

Der Besuch in der Fleischmarkthalle, ein Stück die Straße hinunter, ist nichts für zarte Gemüter: Gedärme, ausgewaschen und um Gestelle aus Metall geschlungen; enthäutete Lämmer, die ins Leere starren; Lebern und Herzen von Hühnern in Reih und Glied. Später im Lokal bestelle ich eine Suppe aus dicken, weißen Bohnen. Der Kellner scheint enttäuscht, weil er mir kein Gericht mit Fleisch einreden kann. Der Versuch, auf dem Gemüsemarkt mit einer Verkäuferin zu sprechen, scheitert.Sie kann kein Englisch.

Der Athener Obst- und Gemüsemarkt - dort trifft man hauptsächlich Einheimische

Der Athener Obst- und Gemüsemarkt – dort trifft man hauptsächlich Einheimische

Am Bahnsteig sitzt neben mir eine kleine etwa 60-jährige Frau. Sie spricht mich auf Griechisch an. Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich nichts verstehe. Der Zug kommt und wir steigen ein. Neben ihr ist ein Platz frei. „Da bist du ja schon wieder!“, meint sie lachend auf Englisch. Sie sei ursprünglich aus Kapstadt, Südafrika, lebe aber schon seit 30 Jahren in Griechenland. „Wer behauptet denn, dass Griechenland möglicherweise aus dem Euroraum fällt?“, will sie wissen und schüttelt den Kopf: „Europa braucht uns, hier ist alles besser als anderswo.“ Plötzlich erklingt Musik. Kinder singen laut und spielen Schifferklavier. Auf anderen Bahnfahrten bieten Leute Kugelschreiber an, singen zur Gitarre oder klagen Ihr Leid. Ich verstehe nicht, was sie sagen, sorge aber dafür, dass ich Kleingeld in der Tasche habe.

Eine Spanierin sagt:
Der selbständige Taxifahrer Nikos, der mich zum Flughafen bringt, spricht gutes Englisch. „Das Problem sind die Politiker.“, sagt er, „Sie wollen keine Veränderung. Die einfachen Leute wollen etwas ändern. Wir haben viele Jahre Zeit verloren.“ Wenn die Politik etwas ändern will, dann muss sie es für alle ändern, findet er. Nicht nur für einen Teil der Bevölkerung. Das wäre sonst unfair. Vor dem Gesetz müssten alle gleich sein, das sei aber bisher nicht der Fall. Seit vielen Jahren hat er nicht gewählt: „Alle Politiker sind Lügner! Sie unternehmen nichts.“ Die Straße zum Flughafen sei 2002 neu geteert worden und in gutem Zustand. Die anderen Straßen seien aber heruntergekommen, weil sie nicht erhalten würden. Das erfordere Investitionen, dafür sei kein Geld da. Dass es für ihn schwer ist, seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer zu verdienen, berichtet der 51-Jährige. Früher ist er mit neun bis zehn Stunden Arbeit am Tag ausgekommen. Heute muss er zwölf Stunden täglich fahren, um genug zu verdienen. Die meisten haben kein Geld, um mit dem Taxi zu fahren. Viele Menschen wollen nicht arbeiten, weil man wenig verdient, berichtet Nikos. „Sie bleiben lieber daheim und schauen in die Sterne!“. Man müsse sich umtun, um Arbeit zu haben. Die Situation sei sehr schwierig. „Wir haben so ein schönes Land“, schwärmt er. Die Küste zwischen Piräus und Kato Sounio sei traumhaft und absolut sehenswert. Im vergangenen Jahr hätten 20 Millionen Urlauber Griechenland besucht. Man erwarte in diesem Jahr sogar zwei Millionen mehr. „Aber wir haben viele schlechte Leute. Wenn ich etwas Schlechtes tue, ist das doppelt schlimm. Es ist schlimm für mich und schlimm für mein Land.“

Der schönste Teil der Küste liegt nicht hier in Piräus, sonder weiter östlich, sagt Taxifahrer Nikos.

Der schönste Teil der Küste liegt nicht hier in Piräus, sonder weiter östlich, sagt Taxifahrer Nikos.

Am Flughafen verteilt ein junger Mann Fragebögen der Bank von Griechenland, auf denen man angeben soll, wie viel Geld man für die Reise nach Griechenland ausgegeben hat. Der etwa 35-jährige Grieche erklärt, das sei eine europaweite Umfrage. Der Hauptgrund der Reise wird abgefragt, die Zahl und Art der Übernachtungen und wo man sonst Geld gelassen hat. Ich fülle den Bogen aus und gebe ihn zurück. Ich frage ihn, ob Griechenland seiner Meinung nach im Euro bleibt. „Europa ist gut, weil es wie ein einziges großes Land ist, aber schwierig“, erwidert er. „Ich will Geld in meinem Leben haben, ob es Euros oder Drachmen sind, ist mir egal.“

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