Wir wollen das religiöse Glaubensleben stabilisieren

Bildungsangebote des Deutschen Katholischen Blindenwerks e.V. (DKBW) legen Wert auf Gemeinschaft

Schülerinnen und Schüler der Louis Braille Blindenschule in Düren

Schülerinnen und Schüler der Louis Braille Blindenschule in Düren, Foto: DKBW

„Blinde helfen Blinden weltweit“ lautet der Slogan des DKBW. „Wie können Blinde Blinden helfen?“, fragt man sich unwillkürlich. Das erklärt Gerlinde Gregori aus Mosbach, die als gewähltes Mitglied des DKBW-Vorstands für die Erwachsenenbildung zuständig ist: Das DKBW ist eine Organisation, die aus acht regionalen Blindenwerken besteht. Diese regionalen Werke bieten vor Ort Tagesveranstaltungen, Wallfahrten und Besinnungstage an. Der Dachverband DKBW startet bundesweite Angebote für bestimmte Zielgruppen, zum Beispiel eine Liturgie-Werkstatt, Bibel- und Frauenwochen. Nur die Geschäftsstelle wird von hauptamtlichen sehenden Mitarbeiterinnen betreut. Um die anderen Arbeitsbereiche kümmern sich blinde und sehbehinderte ehrenamtliche Vorstandsmitglieder. Bei den meisten habe die Begeisterung für die Arbeit des DKBW und das eigene Engagement beim Besuch einer Veranstaltung begonnen, so Gregori.

„Ich möchte mein Christsein leben und was ich erfahre auch mitteilen“, gibt sie als Motivation für ihre Arbeit an. Die Rückmeldungen seien positiv. Es ist ihr wichtig, Brücken zu bauen und für blinde Menschen die Türe zur Kirche offen zu halten. Gemeinschaft zu erfahren sei für viele schwierig, gerade aufgrund der Veränderungen in den Pfarreien. „Wenn Glaube praktisch wird“, ist das Thema eines Seminars, das Gregori in der kommenden Woche im Internationalen Blindenzentrum in Landschlacht in der Schweiz hält. Dabei werden sich Blinde und Sehbehinderte mit dem Leben der Hl. Teresa von Ávila und Albert Schweitzer auseinandersetzen. Dazu gibt es Gottesdienste, eine Faschingsfeier und Zeit zum Schwimmen und Spazieren gehen. „Wir sind bestrebt, in unseren Angeboten das religiöse Glaubensleben zu stabilisieren und neu zu motivieren. Ebenso wollen wir Lebenshilfe in behindertenspezifischen Situationen geben“, erklärt Gerlinde Gregori.

Lormende Hände

Lormende Hände, Foto: DKBW

Gerade Taubblinde, die weder sehen noch hören können, bedürfen besonderer Hilfe und Aufmerksamkeit. „Ihnen fehlen zwei Sinne und dadurch geht die übliche soziale Kommunikation über die Sprache verloren“, so Margrita Appelhans, Medienbeauftragte des DKBW. Kurse für diese Zielgruppe brauchen einen sehenden Begleiter für einen Taubblinden. Manche können „lormen“, das heißt Buchstaben in die Hand des Gegenübers schreiben, andere können noch etwas sehen und Gebärden erkennen oder die Blindenschrift benutzen. Es geht darum, die Restsinne zu fördern und die Menschen in Kontakt miteinander zu bringen, aus ihrer Isolation zu befreien. Auch um Jugendliche kümmert sich das DKBW: 2013 sind zum Beispiel an die Blindenschule in Düren 4.000 Euro geflossen. Unter anderem ermöglichte dieser Beitrag, dass 14 Schülerinnen und Schüler in Berlin, Hamburg und Südtirol Konzerte geben konnten.

„Es bringt allen Menschen etwas, miteinander aktiv zu werden, unabhängig ob sie sehgeschädigt sind oder nicht“, erklärt Margrita Appelhans das Konzept der Veranstaltungen. Gerade in der Erwachsenenbildung nähmen an Angeboten sehende und blinde Menschen in gleicher Weise engagiert teil. „Wir sehen uns nicht als Begleiter, sondern als Teilnehmer. Wir profitieren so viel“, meldeten die Sehenden immer wieder zurück. Inklusion finde auch auf anderer Ebene statt, so Appelhans. Es kämen Menschen mit den verschiedensten sozialen Hintergründen: blinde Menschen, die in einer Werkstätte in einem geschützten Raum arbeiten, genauso wie Akademiker; verheiratete Familienväter und jugendliche Schüler. Im deutschsprachigen Raum gibt es seit 25 Jahren auch Internationale Begegnungswochen für blinde Menschen: eine für Jugendliche und eine für Personen mittleren Alters, die in diesem Jahr in Magdeburg stattfand.

Alle vorhandenen Sinne fördern ist ein Anliegen des DKBW

Alle vorhandenen Sinne fördern ist ein Anliegen des DKBW, Foto: DKBW

Der Blindenschriftverlag Paderborn, im deutschsprachigen Raum führend für christliches Schrifttum – inklusive Gotteslob – in Blindenschrift gehört ebenso zum DKBW wie die Blindenbücherei Bonn. Im Jahr 2013 hat sie 200.000 Euro für die Produktion von Hörbüchern und Zeitschriften-CDs ausgegeben, die für blinde Menschen eine gute Informationsquelle sind. Feriendomizile, speziell auf Blinde und Sehbehinderte zugeschnitten, unter anderem auf Usedom, ermöglichen Erholung und Urlaub. Die ehemalige Geschäftsstelle des DKBW in Düren wurde umgebaut und dient nun als Wohnraum für Blinde und sehbehinderte Menschen. Auch Spiritualität hat ihren Raum: Die Website des DKBW bietet die Möglichkeit, Gebetsanliegen zu veröffentlichen, die von sehgeschädigten Lesern mitgetragen werden. Im Februar betet die Gemeinschaft des „Blindenapostolates“ besonders für Menschen in Gefängnissen für einen Neuanfang eines Lebens in Würde.

Als „stabilen Fuß“ bezeichnet Gerlinde Gregori die Auslandsarbeit des DKBW. „Wir sammeln in Deutschland Geldmittel, um blinden und sehbehinderten Menschen im Ausland zur Selbsthilfe zu helfen“, erklärt sie. Das geschehe nicht allein, sondern zum Beispiel mit Misereor, Adveniat und Caritas oder im Verbund mit den katholischen Selbsthilfeorganisationen der FIDACA (Internationale Föderation Katholischer Blindenvereinigungen). Das DKBW unterstützt Projekte in Afrika, Asien (vor allem Indien) und Lateinamerika sowie in einigen osteuropäischen Ländern. „Blinde Menschen in anderen Ländern leben in Situationen, wie wir sie nur aus dem biblischen Kontext kennen“, versucht Margrita Appelhans zu beschreiben, „sie sind isoliert, werden versteckt und gelten als Schande der Familie, müssen betteln oder sich prostituieren. Unser christlicher Ansatz besteht darin, Grundlagen für diese Menschen zu schaffen, damit sie Bildung erhalten und ein Dach über dem Kopf haben.“ Brunnenprojekte werden unterstützt, da verschmutztes Wasser Augeninfektionen begünstigt; Schulen, um Bildung zu ermöglichen; Werkstätten, in denen blinde Menschen Arbeit finden; Augenärzte, die ihren Urlaub in diese Projekte investieren, und landwirtschaftliche Ausbildungsstätten. Bei Bedarf werden auch religiöse Angebote und Druckerzeugnisse gefördert. „Alles zielt darauf ab, dass blinde Menschen ein selbständiges und würdevolles Leben führen können“, so Appelhans.

„Taub und blind. Dunkel und still. Weil es ein hartes Schicksal so will. Aber du bist nicht allein, du musst nicht verzagen …“, schreibt Norbert Rinsche in seinem Gedicht „Taub und blind“, erschienen in der September-Ausgabe 2014 von „Lux Vera“ – „Wahres Licht“ –, dem Organ der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Blindenvereinigungen im deutschen Sprachraum, d.h. für Leser in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol. Diese Zeitschrift erscheint monatlich in Punktschrift, Großdruck, als Mail und in der Bücherei in Bonn als Hörmedium. Sie erreicht etwa 1.500 Menschen. „Im Vorstand des DKBW sind alle selbst betroffen“, sagt Margrita Appelhans. Sie kommt gerade vom Notar, weil sie zusätzlich die ehrenamtliche Geschäftsführung der Bonner Blindenbücherei übernommen hat. Blinde helfen Blinden weltweit. Glaube und Religion sind dabei nicht zweitrangig, sondern der Motor.

Mehr Information: Deutsches Katholisches Blindenwerk

Dieser Artikel ist am 07.02.2015 in Ausgabe Nr. 6 der überregionalen Zeitung Die Tagespost erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s