„Erfurter Schittchen“ und Politik

Krippe mit 14 handgeschnitzten, fast lebensgroßen Holzfiguren
Der Erfurter Weihnachtsmarkt vor dem Mariendom zieht viele Besucher an. Hier einige Eindrücke aus der Landeshauptstadt Thüringens zum Zeitpunkt der Vereidigung des „Linke-Politikers“ Bodo Ramelow als Ministerpräsident.

„Von Kathedralen geht etwas Beruhigendes aus. Man fühlt sich angekommen. Die Vorweihnachtszeit ist für viele so eine stressige Zeit“, fasst eine junge, blonde Frau, die mit ihren Eltern und Geschwistern am Gottesdienst im Erfurter Dom teilgenommen hat, ihre Empfindungen zusammen. Ebenso geht es sicher vielen anderen, die an diesem Sonntagmorgen ab 11 Uhr im Dom mitgefeiert haben. Nicht jeder fand einen Sitzplatz. Ortsansässige und Besucher strömen danach gemeinsam auf den Platz hinaus. Die St. Severikirche erhebt sich direkt neben dem Dom St. Marien, der seit dem Zweiten Weltkrieg Wallfahrtskirche ist und nach der deutschen Wiedervereinigung Bischofskirche des Bistums Erfurt wurde. Vor Dom und Severikirche – dem Wahrzeichen der Thüringer Landeshauptstadt – leuchten die Lichter am 25 Meter hohen Tannenbaum und es dreht sich eine große Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge.

Der Erfurter Weihnachtsmarkt ist noch bis zum 22. Dezember geöffnet

Der Erfurter Weihnachtsmarkt ist noch bis zum 22. Dezember geöffnet

Schwindelfrei muss man sein, will man den 164. traditionellen Erfurter Weihnachtsmarkt von oben anschauen. Ein Riesenrad hebt Mädchen und Jungen, aber auch viele Erwachsene, mit roten Fransendecken auf den Knien hoch in die Luft über die Dächer der mittelalterlichen Fachwerkhäuser. Widerstrebend steigen sie nach ein paar Runden unten wieder aus und geben ihre angewärmten Sitze für die Nächsten frei. Nun, da man alles von oben gesehen hat, kann man sich ins Getümmel stürzen: Plauener Spitze befühlen, handgeschnitzte Krippen bewundern und „Erfurter Schittchen“ – so heißt der Thüringer Weihnachtsstollen – naschen oder eine Thüringer Rostbratwurst verspeisen. Weihnachtspost erledigt sich nebenbei. Die Deutsche Post bietet Karten vom Erfurter Weihnachtsmarkt an, die von zwei Mitarbeitern gleich mit Briefmarke und Sonderstempel versehen werden. Nur noch ein paar Zeilen an die Lieben darauf schreiben, die Grüße im gelben Kasten an der Post-Hütte versenken und fertig!

Krippe im Schaufenster des Erfurter Wahlkreisbüros von Antje Tillmann

Krippe im Schaufenster des Erfurter Wahlkreisbüros von Antje Tillmann

Krippenfiguren seien in der DDR schwer zu bekommen gewesen und jede Familie habe ihre wie einen Schatz gehütet, berichtet Lavinia Meyer-Ewert in der „Thüringer Allgemeinen“ Zeitung vom 6. Dezember. Der katholische Nordhäuser Dompfarrer Richard Hentrich habe nach der Wende einen „Krippenweg“ gegründet. Kirchengemeinden und Gemeindemitglieder stellen ihre liebevoll gestalteten Krippen aus. Inzwischen nehmen 84 Geschäfte, Arztpraxen und andere Einrichtungen am Erfurter Krippenweg in der Altstadt teil. Auch Antje Tillmann, finanzpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hat ein Fenster ihres Bürgerbüros zur Verfügung gestellt. In den meisten Schaufenstern der Brühler Straße, des Mainzerhofplatzes und der Mainzerhofstraße steht zurzeit eine Weihnachtskrippe. So führt der Weg zur großen Krippe auf dem Weihnachtsmarkt des Domplatzes. „Wenn das der Bischof wüsste“, flüstert augenzwinkernd ein Mitt-Dreißiger, der vor der Krippe mit den 14 handgeschnitzten großen Holzfiguren steht: „Heute ist erst der zweite Advent, aber das Jesuskind und die Heiligen Dreikönige sind schon da!“. Eine ältere Dame wendet ein, der Weihnachtsmarkt sei nur bis zum 22. Dezember geöffnet. Genau genommen könne man nie alle Figuren ausstellen, deshalb würde es wohl vom Bischof „stillschweigend geduldet“.
Der bekennende Christ und Linke-Politiker Bodo Ramelow verzichtete bei seiner Vereidigung zum Thüringer Ministerpräsidenten am 05. Dezember auf die im Amtseid übliche Formel „So wahr mir Gott helfe“. Gegenüber der Thüringer Allgemeinen erklärte er: „Den Eid im Plenarsaal nicht auf Gott zu schwören, ist für mich eine grundsätzliche Frage der Trennung von Staat und Kirche. Im Plenarsaal hat Kirche meiner Meinung nach nichts zu suchen. Ich bin am Morgen vor der Wahl bei der Morgenandacht gewesen. Meine Grundsätze im Glauben werden durch diese Form des Eides nicht infrage gestellt.“

Mehr Information: http://www.erfurter-weihnachtsmarkt.eu

Der Artikel ist leicht gekürzt am 13.12.2014 in Die Tagespost erschienen.

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