Liebe deinen Nachbarn wie dich selbst

Missio hat den Aufbau von Kleinen Christlichen Gemeinschaften (KCG) in Deutschland initiiert und fördert diesen pastoralen Ansatz seit vielen Jahren. Mit allen Sinnen erfahren, wie KCGs in Indien funktionieren, wollten 17 Christinnen und Christen aus den Bistümern Limburg, Essen und Freiburg. Deshalb machten sie sich Mitte Februar auf den Weg nach Mumbai und Thrissur und kamen zurück mit einem Koffer voller Ideen, wie Kirche in Deutschland lebendiger werden kann. 

„Der Herr sprach zu Mose: Schick einige Männer aus … Habt Mut und bringt Früchte mit“, liest Jacqueline Schlesinger, Missio-Referentin aus dem Bistum Limburg, in der Kapelle des Frankfurter Flughafens. Sie leitet die zweiwöchige Reise zusammen mit Matthias Struth, Seelsorger der Uniklinik Frankfurt. In Mumbai werden die Gäste erwartet von Jugendpfarrer Anthony Fernandes, Alison Pereira und Marita Fernandes. Die Fahrt führt vorbei an Dharavi, dem zweitgrößten Slum Asiens. Seine Bewohner haben immerhin ein Dach über dem Kopf. Es gibt Läden, Werkstätten, ein Krankenhaus und KCGs. Die Ärmsten Mumbais nächtigen auf Bürgersteigen und unter Brücken. In Atma Darshan, wo die Reisegruppe in der ersten Woche wohnt, wartet das große Begrüßungskomitee. Trainerin Marita Nazareth hat viele Begegnungen eingefädelt. Mehrmals war sie im Bistum Limburg, um Workshops zu leiten. Dabei hat sie das Feuer für Kleine Christliche Gemeinschaften entzündet.
Wir werden ein Leib
Vor der Einführung von KCGs fühlten sich die Menschen in Mumbai von der Kirche allein gelassen. Es ging darum, sie zum Mitmachen zu bewegen und zu integrieren, berichtet Bosco Penha, damals Leiter des Priesterseminars und später Weihbischof. 1980 fand die erste Synode statt. Jemand erzählte von Basisgemeinden in Brasilien. Die Mehrheit wollte sie auch für Mumbai und beauftragte Bosco Penha damit. Heute gebe es in Mumbai über 2.000 KCGs, die von „Animatoren“ geleitet werden. Die meisten von ihnen sind Frauen oder Senioren. Sie besuchen jede der etwa zehn Familien, für die sie zuständig sind, ein Mal im Monat. In Leitergruppen organisieren sie Kranken- und Altenbesuche, gemeinsames Beten, liturgische Dienste, Weiterbildung, Bürgeraktionen für Gleichberechtigung, für eine bessere Wasserversorgung und gegen Wohnungsnot.
„Die Eucharistie ist eine Einladung an alle, als Familie zu leben. Indem wir am Leib Christi teilhaben, werden wir ein Leib“, mahnt Bischof Bosco. Am Wochenende besuchten zwar 80 Prozent der Katholiken die Messe, aber während der Woche sei nicht viel Liebe unter einander zu spüren gewesen. Bischof Bosco erzählt von einer Familie mit zwei Töchtern und einem Sohn. Der Sohn war Trinker. Oft schlug er nachts seine Eltern. Die beiden riefen um Hilfe, aber nichts geschah. Nach der Einführung von KCG beschlossen fünf Gruppenleiter: „Wenn wir das nächste Mal Geschrei hören, gehen wir hin.“ Der junge Mann erwiderte ihnen: „Das geht euch nichts an!“ Die Gruppenleiter schalteten aber, wie angekündigt, die Polizei ein. Die machte dem Sohn klar, dass sie ihn ins Gefängnis stecken würde, sollte er seine Eltern noch einmal schlagen. Es kam nie wieder vor.
Ein Tag in Mahim
Nirmala Alvares öffnet das Fenster. Die Vorhänge bauschen sich auf im Wind, der vom Meer hereinweht. Wir hocken auf dem Sofa und nippen grünen Tee. Nirmala ist Privatlehrerin, ihr Mann Arun Alvares Kleinunternehmer. Schwägerin Rebecca kommt vorbei. Wie Arun ist sie gewählte Leiterin einer KCG. Eric Pinto, ein Freund, schaut herein. Der 70-Jährige ist Mitglied im Pfarrgemeinderat von St. Victoria und Bindeglied zur KCG. Pinto berichtet von seinen Besuchen bei Armen, deren Wohnungen in Mahim, einem Ortsteil Mumbais, nahe bei denen der Mittelschicht liegen: „Diese Leute können kaum an Treffen teilnehmen. Sie müssen ihre Wassertanks füllen und am Abend die Kinder unterrichten. Es ist ihnen peinlich, darüber zu sprechen.“ In der Siedlung Jehangar Bang wohnten früher die Schwarzbrenner, erzählt er. Sie fühlten sich in der Gesellschaft von Mittelständlern nicht wohl. Die Überwindung der Klassenunterschiede sieht Pinto als eine Herausforderung für KCGs.
Vorurteile zwischen den Religionen abbauen
Auch Religionsunterschiede können das Zusammenleben erschweren. Christen sind in Indien eine Minderheit – nur 2,3 Prozent der Bevölkerung. Über 80 Prozent sind Hindus, daneben gibt es Muslime, Sikhs, Jains, Buddhisten und Angehörige weiterer Religionen. Der Dialog mit Hindus sei intensiv, mit Muslimen eher schwierig, so Bischof Agnelo Gracias. KCGs bemühen sich, die Kommunikation zu fördern. „Wir helfen uns immer gegenseitig, egal ob jemand katholisch ist oder nicht“, bekräftigt Maria D’Souza aus einer KCG der Pfarrei Hl. Familie. Sie führt uns in winzigen Häusern herum, die in Gässchen dicht an dicht liegen. Pfarrer Gerald erzählt von zwei benachbarten Familien, die zehn Jahre lang kein Wort gewechselt hatten. Während einer Gebetsnovene mussten sie das Bild Jesu einander weiterreichen und zusammen beten, wobei sie sich dann versöhnten. Marita Nazareth berichtet, wie Hindus und Muslime in ihrer Tanzgruppe sich anfangs misstrauisch beäugten, aber beim gemeinsamen Tanzen lernten, Vorurteile abzubauen.
„Die jungen Leute sind die Kirche von heute“
„Meine Mutter ist meine Inspiration. Sie hat mich regelmäßig in den Gottesdienst geschickt. So habe ich eine Beziehung zur Kirche und zu Gott bekommen. In der Jugendgruppe kann ich andere motivieren und von ihnen lernen“, so Alison Pereira, 25 Jahre und Jugendsprecher in der Katholischen Bischofskonferenz von Indien. Er begleitet die deutsche Reisegruppe und arbeitet dafür mehrere Nachtschichten hinter einander. Fast die Hälfte der indischen Bevölkerung ist unter 30 Jahre alt. Für die Jugendlichen bietet die Kirche gute Möglichkeiten, sich zu organisieren. Diözesan-Jugendpfarrer Anthony plädiert dafür, den Jugendlichen Verantwortung zu übertragen: „Die jungen Leute sind die Kirche von heute!“ Welche Freude den Jugendlichen die Gemeinschaft bereitet, zeigen sie bei Tanzvorführungen im Gemeindezentrum Hl. Herz. Der „Tanz der Fischer“ und die filigranen Bewegungen der weiß gekleideten Mädchen begeistern alle. „KCGs haben eine Woge des Wandels in unserer Gemeinde ausgelöst“, schwärmt Flavy D’Souza, KCG-Projektleiterin dieser Pfarrei. „Die Bibel wird wieder aus der Schublade hervorgeholt und miteinander gelesen.“ KCGs seien eine lebenswichtige Verbindung zwischen den Menschen und der Kirche und ein Instrument, um die Vision der Pfarrei zu verwirklichen.
Früchte der Reise
In der zweiten Woche ist Pfarrer Chacko dabei. Er hat sich frei genommen, um den Deutschen etwas von Kerala und den KCGs dort zu zeigen. Gemeinsam mit Adrian Rosario, Mitarbeiter der Diözese Mumbai, findet eine Reflexion statt. „Was habe ich davon, wenn ich bei KCG mitmache?“, frage sich jeder, so Rosario. „Darauf müssen wir Antworten finden.“ Bei den Bedürfnissen der Menschen anzusetzen und Leiter auszubilden seien erste Schritte. Diesen auch Verantwortung geben, ist unerlässlich. Anja Funk, Missio-Diözesanreferentin aus Essen, erinnert daran, dass Mumbai bereits seit 30 Jahren mit KCG arbeitet. „Wir müssen Orte schaffen, wo Talente eingebracht werden können“, regt sie an. Pfarrer Franz Meister wünscht sich, “dass die Trauerstimmung, die sich bei vielen eingenistet hat, sich in Freude am Glauben umwandelt und dass die Frage, die oft im Freundeskreis oder in der Arbeit gestellt wird: ‚Was, Du gehst in die Kirche?‘ sich umkehrt in: ‚Was, Du gehst noch nicht?‘“ Christa Scherbaum aus St. Birgid in Wiesbaden träumt davon, „dass Glaube keine Privatsache ist, sondern dass wir offen auf einander zu gehen und helfen.“ Alle haben gelernt: KCGs funktionieren nur mit einem intensiven Beziehungsnetz. Positive Gefühle wie Freude, Liebe und innerer Frieden sind ihr Brennstoff. Die Früchte dieser Reise sind Ideen, wohin der Weg der Kirche in Deutschland führen kann und Freude über den Austausch. „Wir kennen euch erst kurz, aber wir werden Euch vermissen“, ruft uns eine junge Frau nach.

Dieser Artikel ist in der Juli/August-Ausgabe 2014 des MISSIO-MAGAZINS „kontinente“ erschienen.

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