Kirche vor Ort soll lebendig bleiben

Zur Situation der Katholischen Kirche im Bistum Limburg
Ein Artikel von Franz Meister, Pfarrer in Ruhe

1. Die Lage: Nur noch drei katholische Pfarreien gibt es in Wiesbaden, West, Mitte und Ost, zusammengelegt aus ehemals 20 selbständigen Pfarreien, vom früheren Bischof Tebartz-van Elst verfügt. Manche sagen: “Der gesellschaftliche Wandel lässt der Kirche keine andere Wahl, um ihren Dienst an den Menschen auch in Zukunft überzeugend wahrnehmen zu können. Wir haben weniger Priester und auch weniger Gläubige. Unsere Kirchen und Gemeindehäuser sind uns zu groß geworden.“
Mit der Großpfarrei geht aber die Nähe der Seelsorger zu den Gläubigen am Ort und die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander verloren. Viele sagen: “Ich fühle mich wie verloren.“ „Ich bin heimatlos geworden“. Hinzu kommen zurzeit eine ganze Reihe organisatorischer und informatorischer Pannen, die die Situation zusätzlich erschweren. Als Priester im Ruhestand, mein Freund und Nachbar Pfarrer Heimburger und andere Priester im Ruhestand, erleben wir so die Schwierigkeiten und Nöte der Gläubigen. Wie kann Kirche vor Ort lebendig bleiben oder noch lebendiger werden – diese Frage bewegt uns, ja sie treibt uns um.
2. Unser Anliegen: Wir trauern nicht den vollen Kirchen der 70er und 80er Jahre nach, wie uns manche Kritiker unterstellen. Unser Anliegen ist, im Rahmen der nun einmal vorgegebenen Großstruktur, die Gemeinden am Ort der bisherigen Pfarreien lebendig zu erhalten und noch lebendiger zu machen. Dabei geht es nicht um Selbsterhalt sondern um den Dienst an den Menschen.
Wie kann das gehen? Hierzu eine theologische Rückbesinnung und einige konkrete Forderungen.
3. Theologische Rückbesinnung: Hinter der Zusammenlegung und Auflösung von gewachsenen Pfarreien, die oft eine 1000-jährige Geschichte aufweisen können und für die oft viele Generationen ihre ganze Kraft eingesetzt haben, verbirgt sich ein überholtes klerikales Kirchenbild, das vom 2. Vatikanischen Konzil überwunden und durch ein biblisch geprägtes Kirchenbild auf seine Ursprünge zurückgeführt worden ist. Kirche ist Volk Gottes und Gemeinschaft (2.Vatikanisches Konzil, Kirchenkonstitution, Art.7/9/10). Jeder und jede, die an Jesus Christus glauben und getauft worden sind, haben aufgrund ihrer Taufe Anteil an der Sendung und am Auftrag Jesu (1 Petr 2,9-10). Es gilt eine fundamentale Gleichheit aller Getauften, Männer und Frauen, aller sozialen Schichten, aller Völker und Stämme (Gal 3,26-28). Das ist das Fundament für den Dienst an den Menschen am Ort, der Priester, der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen und aller Gläubigen. Die Menschen haben Hunger nach dem „Brot des Lebens“, auch wenn dieser Hunger oft verdrängt wird. Viele Gläubige sehnen sich nach Spiritualität und gemeinsamem christlichem Leben.
4. Konkrete Forderungen: Wir brauchen am „Kirchort“ (das ist an den ehemaligen Pfarreien) eine feste Bezugsperson, an die man sich in allen seelsorgerischen Angelegenheiten wenden kann. Das kann zurzeit noch eine hauptamtliche Kraft sein, der dafür genügend Dienstzeit einzuräumen ist. Ihr seelsorgerischer Dienst braucht auch einen überschaubaren Raum, um Kontakte zu den Menschen aufzubauen. In Zukunft wird man an ein Team ehrenamtlicher Mitarbeiter/innen denken müssen, die schon jetzt darauf vorbereitet werden sollten. Das Amt des hauptamtlichen Pfarrbeauftragten im Bistum abzuschaffen war eine Fehlentscheidung.
Wir brauchen am „Kirchort“ feste Gottesdienstzeiten das ganze Jahr über. Wenn kein Priester kommen kann, dann soll ein beauftragter Laie einem Wortgottesdienst mit Kommunionausteilung vorstehen. Die sonntägliche Rotation der Priester von „Kirchort“ zu „Kirchort“ muss aufhören; sie macht die Priester auf die Dauer krank, die Gottesdienste oft blass und die Gläubigen unzufrieden.
Wir brauchen am „Kirchort“ Ortsausschüsse, die durch Wahl seitens aller Wahlberechtigten am Ort legitimiert sind. Ihre Aufgabenbereiche und Kompetenzen müssen klar definiert werden, damit alles, was auf dieser Ebene entschieden und geleistet werden kann, auch dort verantwortlich durchgeführt wird.
Wir brauchen am „Kirchort“ Transparenz und Dialog der Entscheidungsträger mit den Gläubigen in allen wichtigen Angelegenheiten.
Wir brauchen am „Kirchort“ christliche Nachbarschaftsgruppen oder ähnliche Gemeinschaften, die sich regelmäßig treffen, sich im Glauben stärken und Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe fördern.
5. Zukunft: Ich plädiere nicht dafür, die bereits im Bistum erfolgten Zusammenlegungen zu Großpfarreien rückgängig zu machen. Ich halte allerdings dort, wo noch keine Zusammenlegung erfolgt ist, ein Moratorium (einen Aufschub) für angezeigt, bis ein neuer Bischof im Amt ist und hoffentlich ein Alternativ-Modell entwickelt werden kann. Die allein von der Hierarchie und den Klerikern geprägte Kirche hat keine Zukunft. Alle Getauften tragen Verantwortung für den Aufbau der Kirche und ihren Auftrag für die Menschen.

Franz Meister, Pfarrer in Ruhe
(Erschienen am 23. 9. 2014 im Wiesbadener Tagblatt und Wiesbadener Kurier http://www.wiesbadener-kurier.de )

Pfarrer i.R. Franz Meister

Pfarrer i.R. Franz Meister

Franz Meister,
*1935 in Oberursel/Ts,
Studium in Frankfurt/Main
und Lille, Nordfrankreich,
Priesterweihe am 9.12.1962
in Limburg, Kaplan in Montabaur,
Frankfurt/M St. Mauritius, St. Antonius
und Mutter vom Guten Rat,
1971-2003 Pfarrer in St. Birgid-Bierstadt,
ab 1983 auch in St. Elisabeth, Auringen,
lebt seit 2003 im Ruhestand in Bierstadt.

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