Ich war ein Kind auf den Straßen von Bombay

Amin Sheikh bei der Vorstellung seiner Autobiografie

Amin Sheikh bei der Vorstellung seiner Autobiografie

Amin wollte nur noch weg von zu Hause. Sein Stiefvater schlug ihn und er musste von klein auf arbeiten. Er rannte davon und lebte auf den Bahnhöfen und in den Straßen Mumbais. Eiterbeulen, Misshandlung, Hunger und Angst lernte er kennen. Aber er war frei. Als Bettler, Müllsammler und Schuhputzer hielt er sich über Wasser. Seine Schwester Sabira folgte ihm. Nach drei Jahren auf der Straße geschah etwas, das für ihn wie ein Wunder war: Schwester Seraphine nahm ihn und seine Schwester mit nach Snehasadan, in ein Heim für obdachlose Kinder. Unter der Obhut von Pater Placido Fonseca wuchs er auf und erlebte zum ersten Mal Geborgenheit. „Wenn du an das Gute glaubst, siehst du Gott. Mein Gott ist das Gute, das wir in Menschen sehen“, schreibt er. Amin will mit dem Bucherlös ein Café mit Bücherei eröffnen – „Bombay to Barcelona“ -, das Straßenkinder unterstützt.

Im Frühjahr 2015 erscheint das Buch auf Deutsch.

Autor: Amin Sheikh, Mumbai, Indien (Amins Blog, Facebook)

Verlag: Via Nova, Petersberg

Übersetzerin: Jutta Hajek

Amin Sheikh:

„Dies ist erst der Anfang

Ich bin weit gegangen, aber ich habe auch noch einen langen Weg vor mir.

Vergiss nicht zu lächeln, auch ohne Grund.

Warum? Weil das Leben schön ist.“

Leseprobe: In den Zügen

Wir veranstalteten Wettrennen mit dem Zug nach Marine Drive. Wir nahmen den Zug in Borivali, stiegen an jedem Bahnhof aus, um Wasser zu trinken, rannten bis zum Ende des Bahnsteigs neben dem Zug her und sprangen im letzen Moment auf.

Einmal fuhren wir so bis zum Bahnhof Dadar. Zwei Brüder gehörten zu unserer Gang. In Dadar fiel der jüngere unter den Zug. Wir sahen, wie es geschah. Wir riefen ihm zu: „Lauf, lauf!“, aber im letzten Moment rutschte er unter den Zug. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Uns war gar nicht bewusst gewesen, dass so etwas passieren konnte. Im Zug fing der Ältere an zu weinen. Es war brutal, wir waren mucksmäuschenstill und zitterten am ganzen Körper. Wir standen unter Schock. An der nächsten Haltestelle stiegen wir aus und fuhren zurück. Aber sein Bruder war nicht da.

Wir fragten Leute im Bahnhof. Aber alle zwei Minuten kommen Züge herein und Menschenmassen strömen heraus. Keiner hatte den Unfall gesehen. Wir fragten einige Schuhputzer-Wallahs, aber sie sagten, sie hätten keine Ahnung. An dem Tag gingen wir nicht ans Meer. Stattdessen fuhren wir zum Bahnhof Borivali zurück. Wir versuchten, ruhig zu bleiben und nicht zu viel zu reden. Aber dann stritten wir: Mein Freund, der ältere Bruder, behauptete plötzlich, ich hätte Schuld, dass das passiert sei. Ich sagte: „Nein, du hast Schuld!“ Aber eigentlich hatten wir beide Schuld.

Nach einer Woche kam ein Mann vorbei. Er suchte meinen Freund und sprach von seinem Bruder, von dem wir gedacht hatten, er sei gestorben. Wir beide gingen mit dem Mann ins Sion Krankenhaus. Dort trafen wir die Mutter meines Freundes und … seinen Bruder, den Jungen, der unter den Zug gefallen war. Als die Mutter meinen Freund, ihren zweiten Sohn, sah, schrie und heulte sie. Ich stand nur da und sah die drei an und dachte an meine eigene Mutter. Dem kleinen Bruder fehlte ein Finger und er hatte einen dicken Verband, aber er lächelte uns an. Er sagte sogar: „Wenn ich nicht hingefallen wäre, hätte ich das Rennen gewonnen!“ Als ich ihm so zuhörte, dachte ich: „Dieser kleine Kerl hat sowieso gewonnen, auch wenn ihn der fehlende Finger sein Leben lang an diesen Moment erinnern wird.“

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