Ein Haus der Begegnung

Die Westend-Synagoge in Frankfurt beherbergt heute drei jüdische Glaubensrichtungen

Esther Ellrodt-Freiman führt eine Gruppe von Theologie-Studierenden durch die Frankfurter Westend-Synagoge

Esther Ellrodt-Freiman führt eine Gruppe von Theologie-Studierenden durch die Frankfurter Westend-Synagoge

 

Im grünen Westend mit seinen Gründerzeitfassaden liegt Frankfurts größte Synagoge, das geistliche Zentrum jüdischen Lebens in der Stadt. Eine wechselvolle Geschichte liegt hinter ihr, vielfältiges Gemeindeleben geschieht in ihr. Eine Gruppe von Studierenden der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen und von „Theologie im Fernkurs“ ist im Juli für zwei Stunden in ihren Zauber eingetaucht.

Die rund zwanzig Frauen und Männer vor der Synagoge schauen und lauschen. Zwischen ihren Füßen spielt ein zweijähriger Sprössling mit einer Kippa auf dem blonden Lockenschopf. Männer müssen in der Synagoge eine Kopfbedeckung tragen und das gilt auch für ihn. „Das wird einmal ein ganz gebildetes Kind“, schmunzelt Esther Ellrodt-Freiman, die vor dem Gitter am Haupteingang steht und die Gruppe durch die Synagoge führen wird. Die Gäste spähen in den Innenhof. Einen Brunnen mit Löwenköpfen sehen sie dort. „Sie werden kein Menschenbild in der Synagoge finden, selten Bilder von Tieren.“ Das Bilderverbot der jüdischen Tradition verbiete das. Der Löwe als Zeichen des Stammes Juda und Symbol für Tapferkeit und Stärke ziere viele Synagogen. Die Pläne zu dem Jugendstilbau mit assyrisch-ägyptischen Elementen – inspiriert durch die Aufführung der Zauberflöte in Berlin – stammten von dem Architekten Franz Roeckle. Zwischen 1908 und 1910 wurden sie realisiert. Roeckle war kein Jude. Aufgrund von Studienbeschränkungen gab es damals wohl noch keine jüdischen Architekten.

Davidstern im ägyptisch-assyrischen Jugendstil in der Vorhalle

Davidstern im ägyptisch-assyrischen Jugendstil in der Vorhalle

„Wir würden uns wünschen, dass das Tor weit offen wäre und jeder hinein gehen könnte“, sagt Ellrodt-Freiman, Mitglied der orthodox-traditionellen Gemeinde. Das sei aufgrund der dauerhaft schwierigen Sicherheitslage aber nicht möglich. Nur durch das Nebengebäude gelangen Besucher in die Synagoge. Dort befinden sich die Wochentags-Synagoge, Verwaltungs- und Schulräume und ein Bad zur rituellen Reinigung. Im Haus studieren zehn bis zwölf junge Männer aus dem Ausland Talmud und Tora. Nach einem Jahr kehren sie an ihre Akademien zurück und werden Rabbiner.

Das Besondere an dieser Synagoge ist, dass sie heute drei jüdische Glaubensrichtungen beherbergt: liberale, traditionell-orthodoxe und die orthodoxe Juden. Bei den Liberalen dürfen auch Frauen aus der Tora vorlesen und Rabbinerin sein. Jede Glaubensrichtung respektiere die anderen, versichert Esther Ellrodt-Freiman. Ignatz Bubis, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, integrierte die liberale Gruppe und gab ihr einen Raum. Dieses Zusammenspiel der drei Richtungen werde in ganz Europa „Frankfurter Modell“ genannt. Und noch etwas gibt es hier in Frankfurt: ein wöchentliches Treffen der Überlebenden des Holocaust.

Während der Novemberpogrome 1938 wurde die Westend-Synagoge in Brand gesetzt, wobei Innenraum und Dach Schaden litten. Im Zweiten Weltkrieg lagerten Bürger Möbel in der Synagoge und die Oper Frankfurt brachte dort Kulissen unter. 1944 fielen Bomben auf sie und zerstörten weitere Teile des Gebäudes. 1950 konnte die wiederaufgebaute Synagoge eingeweiht werden.

Hauptraum der Westend-Synagoge mit Toraschrein

Hauptraum der Westend-Synagoge mit Toraschrein

Neun Jahre dauerte die spätere ausführliche Renovierung, die 1994 abgeschlossen war. Vorsichtig hat man Säulen und Original-Bemalung freigelegt und restauriert. Heute erstrahlt die Synagoge wieder im alten Glanz. Türkis-gold-braune Fresken zieren die Empore. Blickt man nach oben in die Kuppel, spiegeln sich die Lichter des riesigen Leuchters in den blauen Rauten an der Decke und funkeln wie Sterne. Auf dem Toraschrein an der Stirnseite steht auf Hebräisch aus den Sprüchen der Väter: „Wisse, vor wem Du stehst – vor Gott, dem König, dem König der Könige. Geheiligt und gesegnet ist Er“. Hinter dem Vorhang des Schreins sind die großen Tora-Rollen verborgen. Während des Gottesdienstes am Sabbat sucht der Rabbiner einen Mann aus, dieser zieht den Vorhang auf und wählt eine Rolle aus. Er trägt sie durch die Synagoge, legt sie hin und liest den Wochenabschnitt vor. Alle Gebete werden gesungen. Die Gottesdienstsprache ist Hebräisch, nur gepredigt wird auf Deutsch. Wenn alle Abschnitte einer Rolle gelesen sind, findet ein Fest statt: Die Männer tanzen mit den Torarollen durch die Synagoge, die Kinder laufen hinterher und bekommen Süßigkeiten.

Nach den Gottesdiensten am Sabbat sitzen die Gemeindemitglieder zusammen, der Rabbiner segnet Brot und Wein (auf Hebräisch: Kiddusch), man isst und unterhält sich. „Alle Mitbeter sind eingeladen.“ Der wöchentlich wiederkehrende Sabbat ist neben dem Versöhnungstag das wichtigste jüdische Fest. „Die meisten halten den Schabbat“, betont Ellrodt-Freiman. Die Frau des Hauses führe in den Sabbat ein, indem sie am Freitagabend die Sabbatkerzen anzünde. Nach Sonnenuntergang werde keine Arbeit mehr verrichtet: kein Holz gesammelt, kein Feuer gemacht, man dürfe nicht einmal weit gehen. Für orthodoxe Juden bedeute Sabbat auch, kein elektrisches Gerät zu benutzen, denn wenn ein Funke entstehe, sei das wie Feuer machen. Auto fahren sei genauso wenig erlaubt, denn man dürfe auch nicht arbeiten lassen. „Was macht man denn ohne Fernseher und i-Pad?“, habe ein Schüler gefragt, erzählt die Synagogen-Führerin. Der Vater segne die Kinder und das Mahl, man sitze zusammen, rede und singe, oft seien Gäste da – das sei sehr schön, versichert sie. Es gibt auch Ausnahmen zu den strengen Regeln: Oberrabbiner Klein habe einer alten Dame erlaubt, mit der Straßenbahn in die Synagoge zu kommen, weil sie nicht mehr gut zu Fuß gehen kann. Der Rabbiner entscheidet und seine Entscheidungen sind bindend.

Zwei Rabbiner betreuen die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main, die mit über 7.000 Mitgliedern heute zu den vier größten jüdischen Gemeinden in Deutschland zählt. Bis 1933 hatte die jüdische Gemeinde in Frankfurt mehr als 30.000 Mitglieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es laut Ellrodt-Freimann nur noch eine Handvoll. Etwa die Hälfte der Gemeindemitglieder der Westendsynagoge sind Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Andere stammen aus Polen, Ungarn oder der heutigen Tschechei. Die Alliierten befreiten nach dem Zweiten Weltkrieg die Konzentrationslager. Nach Hause konnten sie die Juden von dort nicht schicken, da ihre Heimatländer zerstört waren. Viele wurden in einem Lager in Frankfurt-Zeilsheim aufgenommen. In Zeilsheim blühte bald jüdisches Leben. Die damals geborenen Kinder sind heute die Großmütter und -väter der Gemeinde. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt wuchs durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990stark an. Die Kindergärten und Schulen seien aus allen Nähten geplatzt, freut sich Esther Ellrodt-Freiman, Vorstandsmitglied im Rat der Religionen.

Empore der Frankfurter Westend-Synagoge

Empore der Frankfurter Westend-Synagoge

Zum Ende der Synagogen-Führung beantwortet sie Fragen der Studierenden. Jeder Platz im Hauptraum habe ein eigenes Kästchen, in dem Gebetsschal und Buch untergebracht sind, weil man am Sabbat nichts tragen dürfe. Es gebe 800 feste Herrenplätze unten im Hauptraum und 400 Sitzplätze für Damen oben auf der Empore. An hohen Feiertagen sei die Synagoge so voll, dass die Gottesdienstbesucher auf der Treppe stehen. „Wo ist Gott für Sie jetzt?“ lautet die letzte Frage. Esther Ellrodt-Freiman antwortet mit einem Lächeln: „Gott ist mit mir. Wir nennen die Synagoge nicht Gotteshaus, sondern Haus der Begegnung, weil Gott überall ist.“

Mehr Information unter:
http://www.jg-ffm.de (Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main K.d.ö.R.)
http://www.fernkurs-wuerzburg.de (Theologie im Fernkurs)
http://www.sankt-georgen.de (Phil.-Theol. Hochschule St. Georgen)

Dieser Artikel wurde in leicht gekürzter Form am 29.07.2014 in Die Tagespost, Ausgabe Nr. 89 veröffentlicht.

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