Gemeinsam gegen den Terror

Zweimal in der Woche übertragen AIT, der größte private nigerianische Fernsehsender, und die Radiostation Ray Power eine Diskussion zwischen einem muslimischen und einem christlichen Vertreter. Im Bild: George Ehusani (mitte), der Moderator der Sendung (links) und Nurudeen Lemu (rechts).

Zweimal in der Woche übertragen AIT, der größte private nigerianische Fernsehsender, und die Radiostation Ray Power eine Diskussion zwischen einem muslimischen und einem christlichen Vertreter. Im Bild: George Ehusani (mitte), der Moderator der Sendung (links) und Nurudeen Lemu (rechts).

Der ehemalige Generalsekretär der Bischofskonferenz Nigerias, George Ehusani, arbeitet mit Nurudeen Lemu, dem Leiter einer islamischen Bildungseinrichtung, an der Verständigung zwischen Christen und Muslimen. Von Jutta Hajek

„Ich trage Freude im Herzen und sie fließt wie eine Quelle; ich preise Gott, dankbar und froh“, lautet der Refrain eines nigerianischen Kirchenliedes. „Wenn dieses Lied in einer voll besetzten Kirche erklingt, ist das himmlisch“, schwärmt George Ehusani. Christen, die nicht vor dem Terror Boko Harams in den Süden geflohen sind, besuchen nach wie vor den Sonntagsgottesdienst, berichtet er: „Der Glaube wird stärker unter Verfolgung – das war schon immer so.“ Ehusani ist Pfarrer einer Gemeinde in der Hauptstadt Abuja und setzt sich für Frieden ein. Dazu gehört für ihn auch die Musik: „Sie bringt das Beste im Menschen hervor. Sie kann heilen.“

Arbeitslosigkeit und Armut als Nährstoff für Terror

Heilung ist das, was Nigeria braucht. Ehusani versucht zu erklären, wie es so weit kam, dass Terroristen im Norden des Landes immer wieder Anschläge auf Kirchen und andere öffentliche Einrichtungen verüben: Ursprünglich konzentrierten sich die Aktivitäten von Boko Haram auf die Gegend um Maiduguri im Nordosten des Landes. Die Mitglieder dieser Gruppierung geben der westlichen Bildung die Schuld an der Korruption. Sie waren aber nicht von Anfang an gewalttätig. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 60, doch in Wirklichkeit eher bei 70 Prozent, so Ehusani. 95 Prozent der Einwohner Nigerias sind arm. So sei es leicht, Universitätsabsolventen nach fünf, sechs oder sieben Jahren ohne Arbeit anzustiften, ihre Zeugnisse zu zerreißen und sich Boko Haram anzuschließen.  Nicht einmal langfristig hätten diese jungen Leute Aussicht auf einen Job, klagt Ehusani.

Sicherheitskräfte überfordert

Als die Sicherheitskräfte sahen, dass Boko Haram sich auf eine größere Rebellion vorbereitete, verhafteten sie den Anführer der Sekte, Mohammed Yusuf, und erschossen ihn, erzählt Ehusani. Seitdem heißt es, Boko Haram befinde sich auf einem Rachefeldzug. „Die Sicherheitskräfte sind schlecht ausgebildet und verfügen nicht über die Logistik, um Verbrechen aufzudecken. Sie töten einfach, auch wenn nur Studenten randalieren“, erklärt der Menschenrechtler. Dafür gebe es in der Geschichte des Landes zahlreiche Beispiele. In Odi im Niger Delta habe die Armee einen Völkermord begangen, ereifert er sich. Es gab einen Aufstand und als Reaktion tötete das Militär hunderte Menschen und brannte das Dorf nieder. Deshalb wünscht er sich von Organisationen wie Amnesty International, die die Brutalität der Sicherheitskräfte gegenüber Boko Haram anprangern, dass sie deutlich machen: die Armee reagiert generell so. Besonders, wenn Leute aus den eigenen Reihen ums Leben gekommen sind. „Sie haben keine Ethik und einige sind nicht besser als die Jugendlichen auf der Straße“. Dieser Orientierungslosigkeit könne man nur durch Ausbildung begegnen. Die Lynchjustiz durch die Sicherheitskräfte sieht er als eines der größten Probleme des Landes.

Radikalisierung islamischer Jugendlicher

Nach Auskunft Ehusanis vergeben seit 25 Jahren muslimische Länder wie Pakistan oder der Jemen Stipendien an nigerianische Jugendliche. Manche der Studenten kämen nach einigen Jahren aus diesen vorwiegend muslimischen Ländern radikalisiert zurück. Sie fragen sich plötzlich: „Warum sind hier christliche Kirchen erlaubt? Wieso dürfen Mädchen im Minirock herumlaufen?“ Sie wüssten nicht, dass über die Hälfte der Einwohner des Landes christlich sei. „Jedem, der am Freitagnachmittag um halb drei die Moschee in Katsina besucht, muss es vorkommen, als sei die ganze Welt muslimisch“, beschreibt der katholische Geistliche die Situation im Norden. Das liege daran, dass es in jedem größeren Ort mehrere Kirchen gebe, aber nur eine Moschee, in der das Freitagsgebet stattfindet. Deshalb hätten viele, die noch nie im Süden Nigerias waren, nicht glauben können, dass der muslimische Präsidentschaftskandidat im April 2011 keine Mehrheit fand.

Lux Terra Leadership Stiftung

„Gefällt Euch Nigeria, wie es jetzt ist?“, fragt George Ehusani die jungen Leute, die zum Lernen in das Lux Terra Leadership Zentrum kommen. „Nein!“, schmettern sie ihm entgegen. Dann fordert er sie auf, in Bildern und Texten die Zukunft ihrer Träume zu beschreiben. Jeden Monat tauft der Geistliche in seiner Gemeinde bis zu 25 Kinder. Wenn er dabei an die Gesellschaft denkt, in der sie aufwachsen, ist er traurig und ermahnt die Eltern: „Wir müssen hart daran arbeiten, damit diese Kinder eine Zukunft haben.“ Weltliche und geistliche Führungskräfte bildet er deshalb in seinem Zentrum aus, das zu der Stiftung gehört, die er 2007 gegründet hat. Auch Regierungsbeamte sollen einbezogen werden. Missio in Aachen kooperiert seit Jahren eng mit George Ehusani. Das Hilfswerk ko-finanziert die Lux Terra Leadership Stiftung und das Zentrum und fördert weitere Projekte. Vertreter aus der Wirtschaft sowie Professoren konnte Ehusani als Lehrkräfte für sein Zentrum gewinnen. Integrität sei ihm bei der Auswahl wichtig gewesen. Konrad Adenauer führt er bei seinen Vorlesungen gern als Beispiel für gute Führung an:  Entscheidungen müssen auch in der Zukunft tragen.

Interreligiöses Dialogforum für Frieden (IFAPP)

„Das ist das einzige Land, das wir haben. Wir müssen auf den Frieden hinarbeiten“, fordert Ehusani auf. Wenig Dialog habe es in Nigeria auf nationaler Ebene zwischen Muslimen und Christen gegeben, stellt er fest. Die Aktivitäten von Boko Haram ließen das Misstrauen zwischen den Religionsgemeinschaften immer größer werden. Gemeinsam mit seinem Freund Nurudeen Lemu, dem Leiter der islamischen Bildungsstiftung IET, gründete er deshalb im April 2012 das interreligiöse Dialogforum für Frieden. Muslimische und christliche Führungspersönlichkeiten diskutieren über sensible Themen und hören einander zu. Sie setzen sich ein für die Gleichheit und Unverletzlichkeit aller Menschen. Zwei Mal in der Woche übertragen AIT, der größte private nigerianische Fernsehsender, und die Radiostation RayPower gleichzeitig eine Diskussion zwischen einem muslimischen und einem christlichen Leiter. Dabei geht es um kontroverse Fragen, wie: „Dürfen Muslime Kirchen betreten und dürfen Christen eine Moschee betreten?“

Wir kümmern uns um einander

Nurudeen Lemu, dem muslimischen Leiter des Forums, kommt die Zusammenarbeit mit Christen völlig natürlich vor. „Muslime und Christen spielen überall in Nigeria schon im Kindergarten zusammen, wenn sie noch nicht wissen, welcher Religion sie angehören, dann in der Grund- und weiterführenden Schule.“ Es erstaunt ihn, dass von „religiösen Menschen“ erwartet wird, dass sie die schlimmsten Klischees über die anderen verbreiten. Einige akzeptieren nicht, dass Christen und Muslime gemeinsam an einer Agenda für den Frieden arbeiten. Sie sehen „das andere“ als Ursache aller Probleme. In einer so negativen Atmosphäre signalisierten harmonische interreligiöse Freundschaften: „Wir kümmern uns weiter um einander und um alle anderen!“ Nurudeen Lemu sieht die Arbeit im Dialogforum als Weg zur wahren Lehre des Islam: „Viele Verwandte und Freunde des Propheten Mohammed gehörten anderen Religionen an. Der Koran beschreibt seine Beziehung zu einem heidnischen Onkel als liebevoll.“ Die größten Probleme der nigerianischen Gesellschaft – Korruption, Armut, religiöse Intoleranz und Ethno-Zentriertheit – seien interreligiös eher zu lösen als für eine Religionsgemeinschaft alleine.

Aktiv für den Frieden

Aufgrund dieser Überzeugung setzen sich christliche und muslimische Mitglieder von IFAPP gemeinsam für ein harmonisches Zusammenleben aller Glaubensgemeinschaften in Nigeria ein. Über soziale Medien wie Facebook, Youtube und Twitter sprechen sie auch Jugendliche an. Eine Datenbank ist geplant mit Informationen über andere Friedensinitiativen. Muslimische Mitglieder des Dialogforums besuchen Gemeinden, die Opfer eines Anschlags wurden und reichen Verletzten die Hand. Das Forum äußert sich zu Krisensituationen. Muslimische Mitglieder stellen eine Publikation zusammen, die erklärt, was der Koran zu Kirchen, zum Jihad, zum Respekt vor Andersgläubigen wirklich sagt. „Gut, dass immer mehr im Forum mitarbeiten und wir nun vom Dialog zum Handeln übergehen können. Ich sehe, wie viel mehr wir gemeinsam zum Wohl der Gesellschaft erreichen“, so Nurudeen Lemu. George Ehusani wünscht sich, „dass mehr Menschen rasch erkennen, dieser Zustand von Armut und Gewalt kann nicht von Dauer sein und etwas dagegen unternehmen“. Gewaltlosigkeit ist für ihn der einzige Weg.

Weitere Informationen:
http://www.georgeehusani.org
http://www.ltleadership.org (Lux Terra Leadership Foundation) http://www.interfaithnigeria.org (Interfaith Activity and Partnership for Peace)

Der Artikel ist am 03.01.2013 in http://www.die-tagespost.de, Ausgabe Nr. 2 erschienen.

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