Weisheit aus der Wüste

Suche das wahre GlückViele Selbsthilfebücher reduzieren Glück, auf das „Sich Wohlfühlen“ eines Einzelnen. Diesem Zugang widerspricht der britische Theologe und Benediktinermönch Christopher Jamison in seinem Buch „Suche das wahre Glück“. Es erfordere Arbeit, das echte Glück zu entdecken und die Gemeinschaft könne man aus diesem Prozess nicht ausschließen. Acht negative Gedanken gelte es zu überwinden und die Tugenden zu leben, die ihnen entgegen stehen. Jamison bietet die klösterliche Lebensweise als Hilfestellung an, als Trittsteine im Strom des modernen Lebens.

„Unsere Gesellschaft ist in Gefahr ihre Seele zu verlieren“, so der ehemalige Abt des Benediktinerklosters Worth Abbey, der kein Blatt vor den Mund nimmt in seinem 2012 erschienenen Ratgeber. Mit Katzengold vergleicht er, was die heutige Gesellschaft gemeinhin als Glück definiert: Genuss, Gesundheit, sich gut zu fühlen, immer mehr zu besitzen. Unternehmen versuchten den Kunden nicht mehr nur Produkte zu verkaufen, sondern Geschichten mit moralischen Botschaften zu vermitteln, welche die Menschen süchtig machen. Schon Kinder seien gefährdet, in die Fänge kommerzieller Interessen zu geraten.

Das wahre Gold liegt woanders, weiß Pater Christopher. In jedem Menschen finden sich Spiritualität und Tugend. Darauf muss man aufbauen. Er zeigt, wie die Definition, was Glück überhaupt bedeutet, sich im Lauf der Geschichte verändert hat. Der antike griechische Philosoph Platon sah als Glück, das Gute zu kennen (Kontemplation). Für seinen Schüler Aristoteles war Glück „das Tun der Seele, das Tugend ausdrückt“. Wenn man modernen Ratgebern glaubt, reicht es heutzutage, sich gut zu fühlen und anderen nicht zu schaden.
Die Trittsteine, die der Autor für das tägliche Leben anbietet, stammen aus einer uralten klösterlichen Tradition.

Der heilige Antonius von Ägypten ging im Jahr 271 in die Wüste, um dort zu leben. Er hatte sich bei einem Gottesdienstbesuch von Jesu Ruf im Evangelium: „Komm und folge mir“ ansprechen lassen. Er gilt als einer der Begründer des christlichen Mönchtums. Der heilige Benedikt von Nursia, Gründer des Benediktinerordens, ließ sich bei der Niederschrift seiner Ordensregeln von den Aufzeichnungen des im Jahr 360 geborenen osteuropäischen Mönchs Johannes Cassian inspirierten. Cassian hatte die Lehren der Mönche und Nonnen, die im 4. und 5. Jahrhundert in den Wüstenregionen des Nahen Ostens lebten, aufgezeichnet. Autor Jamison zitiert diese Lehren und nutzt sie, um seinen Lesern – auch nicht religiösen – eine Orientierungshilfe zu geben.

Die ersten Mönche und Nonnen gingen in die Wüste, um sich selbst und Gott besser kennen zu lernen. Das besondere an dieser Lebensweise ist die Verbindung der spirituellen Reise mit der Lehre Christi. Im Mittelpunkt steht Jesus. Ziel ist die Reinheit des Herzens. In der Einsamkeit der Wüste wurden die Wüstenmütter und -väter mit ihren eigenen negativen Gedanken konfrontiert, die sie von der inneren Reise abbringen wollten. Sie setzten sich mit diesen auseinander und erkannten, dass sie jeden heimsuchten und bestimmten Mustern folgten. Acht Gedanken filterten sie heraus. Sie kommen aus dem Inneren und bringen den Menschen aus dem Gleichgewicht. Völlerei, Wollust und Gier sind die drei Gedanken des Leibes. Die nächsten drei betreffen Herz und Geist: Zorn, Traurigkeit und Akedia – der Verlust der Begeisterung für das spirituelle Leben. Die negativen Gedanken der Seele sind Eitelkeit und Stolz. Um die Tugenden leben zu können, die diesen Gedanken entgegenstehen – Mäßigung, keusche Liebe, Großzügigkeit, Sanftmütigkeit, Freude, spirituelle Achtsamkeit, Großmut und Demut –, ist es erforderlich, die „acht Gedanken“ zu verstehen und zu überwinden. „Suche das wahre Glück“ bietet Heilmittel für jeden dieser Gedanken an. Die Psalmen wirken hier besonders positiv, so Jamison.

Im Kapitel über die Gier, wo es heißt, der heilige Benedikt habe jeden privaten Besitz bei Mönchen als „schlimmes Laster“ bezeichnet, fragt man sich als Leser: „Wie soll man außerhalb des geschützten Raums des Klosters weiterkommen, wenn man immer mit dem zufrieden sind, was man hat?“ Doch der Autor hat auch die „normalen Menschen“ im Blick: Es komme auf das geistige Bild an, das wir uns von unseren Bedürfnissen machen. Besonders hilfreich ist, was er zu Weihnachten schreibt: Wir sollen es so feiern, dass wir religiöse Freude empfinden. Glückliche Weihnachten gebe es nur, wenn wir darauf warten können und den Advent zur Vorbereitung nutzen.

Stolz gilt in der christlichen Tradition als Wurzel allen Übels, so der Autor. Er äußere sich bei vielen Menschen in Geschäftigkeit, die heute allgemein akzeptiert sei. In Wirklichkeit sei sie eine „aufgeblasene Art, den Rest des Lebens auf Abstand zu halten“. Erkennen wir uns ein Stück weit wieder? Anstatt sich zu immer mehr Arbeit anzutreiben und uns damit wichtig zu machen, sollten wir diese Neigung ablegen, rät Jamison.

Ein Mönch müsse „den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben“, schreibt der heilige Benedikt in seinem Regelwerk. Diese Einstellung helfe, jeden Tag aufmerksam für das zu sein, was wichtig ist. Obwohl es wie ein Widerspruch klingt, sei ein „glücklicher Tod“ für Christen denkbar, erklärt Christopher Jamison. Dazu gehört für viele die Abwesenheit von schlimmen Schmerzen und Zorn, das Gefühl, mit den Lieben und Gott verbunden zu sein, loslassen zu können und dankbar zurückzublicken. Von einem „glücklichen Tod“ ausgehend zurück zu planen ist sinnvoll, so der katholische Theologe. Die Suche nach dem Glück sei ein lebenslanger Prozess, der in einem glücklichen Tod den Höhepunkt finde. Diese Reise verbinde Menschen außerhalb des Klosters und Ordensleute.

„Suche das wahre Glück“ ist das zweite Buch von Christopher Jamison, das in Deutschland erschienen ist. Die Übersetzerin Ulrike Strerath-Bolz hat hervorragende Arbeit geleistet. Das Buch liest sich wie ein deutscher Originaltext. Das Cover ist hübsch gestaltet mit zwei Händen, die ein Herz formen und kleine Kieselsteine halten. Das Cover des Originals ist jedoch näher am Text: Es zeigt runde Steine als Weg über einen breiten Strom. Jamison gilt in seiner Heimat Großbritannien als moralische Institution. Mit diesem Buch hat er einen gut strukturierten Leitfaden für die Gewissenserforschung geliefert, der zu kostbar ist, um nur einmal gelesen zu werden.

Titel: Suche das wahre Glück. Das Geheimnis der Mönche entdecken
Autor: Christopher Jamison
Seiten: 176, gebunden
ISBN: 978-3-89680-804-2
Verlag: Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach
Jahr: 2012
Preis: 16,90 Euro

Der Artikel ist am 30.04.2013 in Die Tagespost, Ausgabe Nr. 52 erschienen.

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