Ein Macher, der gern querdenkt

Das Buch des Wandels_Horx„Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen“, zitiert der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx in seinem „Buch des Wandels“ den Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Horx ist überzeugt, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, mit unerwarteten Ereignissen, Schicksalsschlägen und Verlusten konstruktiv umzugehen. Angst ist für ihn ein schlechter Ratgeber.

Zu Beginn entführt Horx den Leser in das Wiener Haus der Schmetterlinge. Er erzählt, wie er mit seinen Söhnen fasziniert vor dem Glaskasten stand, in dem torkelnd und zitternd Schmetterlinge aus Kokons ausschlüpften. Auch dem Menschen jage Wandel Angst ein, da der Weg zunächst in die Dunkelheit führe.

Horx sieht jedoch in der gegenwärtigen Krise nichts Bedrohliches, sondern bleibt Optimist. Finanzblasen habe es schon bei den alten Ägyptern gegeben, beruhigt er. Durch die Evolution sei der Mensch zu einem Krisenwesen geworden. Die Geschichte der Zivilisation belege das. Er erklärt, wie Menschen zuerst in Jäger- und Sammlerkulturen, dann als Bauern, Viehzüchter und Hirten lebten. „Evolution hat nicht das Ziel, irgendetwas ‚auszurotten‘, sondern nur den simplen Zweck, Leben zu organisieren“, meint Horx. Die industrielle Revolution habe einen zweiten großen Übergang markiert, in dem die gesellschaftlichen Beziehungen radikal umgeformt worden seien – wie die Raupe im Inneren eines Kokons.

Gegen den Vorwurf des blauäugigen Optimismus wehrt er sich. Sein Zukunfts-Optimismus beruhe einerseits auf dem Grundvertrauen in die Wandlungsfähigkeit von Menschen und Märkten. Andererseits auf einem Misstrauen in die „katastrophischen“ Erzählungen, die sich, von den Massenmedien ausgehend, wie ein Virus in der Kollektivmeinung ausgebreitet hätten. Er glaubt nicht an die immer unsicherer werdende Welt.
Den Übergang zur Wissensgesellschaft sieht er als bedeutenden aktuellen Wandel, in dessen Mittelpunkt das Wohlergehen des Menschen stehe. Unternehmen der Zukunft werden anders funktionieren. Führungsstile, Firmenziele und Belohnungssysteme werden sich ändern, sagt Horx voraus. Die kreativen Mitarbeiter von morgen brauchen eine Vision, die sie motiviert. Die Kunden werden die Innovationen vorgeben. Die Firmen werden um die Talente, die auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, kämpfen.

Der Mensch sei allerdings durch Kultur, Kindheitserfahrungen und den Alterungsprozess mental programmiert, in Wenn-dann-Ketten zu denken, räumt Horx ein. Wenn er die Welt in ihrer Komplexität verstehen wolle, müsse er lernen, stattdessen in Wechselwirkungen zu denken. Hätte sein österreichischer Bekannter Josef dieses komplexe Bewusstsein besessen, wäre er nicht dem Betrüger auf den Leim gegangen, der ihm 50.000 Euro abluchste, indem er ihm am Telefon weismachte, er sei ein Freund, der dringend Bares braucht. Horx erklärt diesen Vorfall mit einer Art Hypnose. Nur 17 Prozent unserer Wahrnehmung stammten aus der Umwelt, die restlichen 83 Prozent denke das Hirn sich dazu.

Die Komplexität der Welt, wie Horx sie sieht, spiegelt sich im Buch des Wandels wieder. Er geht auf soziale, technologische, wirtschaftliche und politische Trends ein. Der Autor führt als Beispiele auch die Sesamstraße, Petterson und den Zauberer von Oz an und streut persönliche Erfahrungen ein, was das Buch lebendig macht. Es ist gespickt mit Zitaten großer Philosophen, Psychologen und Naturwissenschaftler. Hier wäre etwas weniger mehr gewesen. Die Liste der verwendeten Literatur ist 16 Seiten lang.
Die Menschheit hat nach Ansicht des Zukunftsforschers schon ganz andere Krisen als die gegenwärtige gemeistert. Wir müssten nur endlich begreifen, dass unsere Zukunft in unseren eigenen Händen liegt. Religion ist für Horx eine Form des Denkens unter vielen, wenn auch eine schlüssige. Religiöses Denken sei logisch, da die Annahme Gottes nicht widerlegt werden könne. Sie spielt für ihn offenbar für die Bewältigung der Zukunft keine große Rolle. Er ist überzeugt, dass die Menschen es aus eigener Kraft schaffen, den anstehenden Wandel zu bewältigen.

Jammern bringe zwar Aufmerksamkeit, doch es verhindere Wandel. „Man muss die Welt sehen, wie sie ist, ihre ganze Vielfalt, Ungeheuerlichkeit, Unberechenbarkeit“, ermutigt er. Er ist ein Macher, der gerne Neues ausprobiert und querdenkt. Er sieht Übergänge als Chancen, die aktiv zu gestalten sind.
Auch sein eigenes Leben gestaltet der 55-Jährige aktiv. Seit 1998 betreibt er sein internationales Zukunftsinstitut mit Hauptsitz bei Frankfurt am Main, das Entwicklungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur erforscht. Er ist mit der britischen Journalistin Oona Strathern verheiratet. Das Ehepaar lebt mit den beiden Söhnen Julian und Tristan in Wien. Im vergangenen Jahr hat Horx dort im 17. Bezirk begonnen, ein Zukunftshaus zu bauen, das neue Energie-, Material- und Designkonzepte verwirklicht. An diesem Haus ist fast alles anders als an einem herkömmlichen – wie könnte es auch anders sein.

Titel: Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten
Autor: Matthias Horx
Seiten: 381
ISBN: 978-3-421-04433-4
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt, München
Jahr: 2009
Preis: 22,95 Euro

Der Artikel ist am 24.04.2010 in Die Tagespost, Ausgabe Nr. 48 erschienen.
Hier der Link zum Zukunftsinstitut von Matthias Horx in Kelkheim.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s