China sehen mit den Augen eines Missionars

Fu SchenfuÜber die Schwierigkeiten, im Reich der Mitte den Glauben zu verbreiten.

Hautnah erzählt das 2012 im österreicher Tyrolia-Verlag erschienene religiöse Kinderbuch die Geschichte des kleinen Josef aus den Südtiroler Dolomiten. Schon als Kind träumt er davon, Missionar zu werden. Er lebt seinen Traum, wird ein „Chinese unter Chinesen“ und trotzt den Widrigkeiten des fremden Landes. Am schwersten fällt ihm, so Maximilian Paulin, sich ganz dem Willen Gottes hinzugeben. Doch er betet darum und es gelingt. Der Steyler Missionar Josef Freinademetz, dessen Leben der Autor nachzeichnet, wurde 2003 heiliggesprochen.

Ganz allein sitzt Josef in seiner armseligen Kapelle in Saikung nahe bei Hongkong. Im Dorf, beim festlich geschmückten Tempel, steigt ein Fest. Die Menschen bringen Schweine zum Opferaltar. Feuerwerk und Raketen verpesten die Luft und Papierdrachen steigen am Himmel. Wie soll es ihm nur gelingen, die Chinesen vom christlichen Glauben zu überzeugen? „Ich muss kämpfen! Ich muss predigen!“, beschließt er. Und so geht er hinaus in ein Dorf, stellt sich mitten auf den Marktplatz und versucht zu predigen. Doch es misslingt. Er hat alles Chinesisch, das er gelernt hat, vergessen. Die Leute verspotten ihn und jagen ihn weg.

Dies ist nicht die erste schwierige Situation, der er sich stellen muss. Schon die wochenlange Seereise nach China, auf der er die ganze Zeit seekrank ist, bringt ihn an seine Grenzen. Deshalb weiß er, das ist nicht das Ende und gibt auch dieses Mal nicht auf. Trost findet er im Psalm 91: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen.“ Und wie ein Engel taucht plötzlich Fuschu auf, der kleine Drache. Er wird sein Freund und begleitet ihn überall hin. Josef lernt mit ihm die chinesische Kultur kennen: Chinesen sind höflich und gastfreundlich. Die Eltern zu ehren ist wichtiger als alles andere. Vornehme Zurückhaltung ist ebenfalls geboten. Wut offen herauszulassen, gilt als „unchinesisch“.

Der Autor Maximilian Paulin arbeitet die Beziehung zwischen dem kleinen Drachen Fuschu und dem Missionar Fu Schenfu („Glück-Priester“), wie die Chinesen Josef nennen, liebevoll heraus: Fuschu balanciert auf Josefs Bettkante, sammelt mit seiner Zunge Ungeziefer und desinfiziert das Essen mit seinem Feueratem auf der zweiten Seereise. Josef ist wieder krank, als er nach Schantung geschickt wird, in ein Bergland im Norden Chinas. Für dieses Missionsgebiet soll er nun zuständig sein. Auch Josefs enge Beziehung zu Gott wird in vielen Situationen deutlich, besonders in der Erzählung vom so genannten „Boxeraufstand“, als im Juni 1900 Rebellen den chinesischen Kaiser stürzen. Alle Steyler Missionare sollen sich in die Hafenstädte begeben und abreisen. Ihr Leben ist in Gefahr. Josef aber bleibt die ganze Nacht und betet auf dem Bauch liegend um Gottes Willen. Ihm beugt er sich. Ein Stück weit begleitet er die abreisende Gruppe. Dann kehrt er gegen alle Vernunft zu seiner Gemeinde zurück und hält mit ihr aus. Schließlich erobern die ausländischen Truppen Peking und befreien die Christen.

Acht Jahre bleiben Josef danach noch für seine Arbeit, in denen er sich um Gläubige und Mitbrüder „wie ein Vater um seine Kinder“ kümmert. Dann erkrankt er an Typhus. Im Erholungshaus der Steyler Missionare in Taika lässt er sich von einer chinesischen Heilerin behandeln und empfängt Lebewohl-Besuche. Der kleine Drache sitzt im Ofen und heizt. Im Januar 1908 stirbt Josef, erst 55 Jahre alt. Fuschu leitet den großen Drachentanz beim Begräbnis.

Wer, wenn er ein neues Buch in der Hand hält, immer zuerst hinten die Information über den Autor liest, wird hier vergeblich suchen. Weder über den Autor noch über die Illustratorin gibt das Buch etwas preis. Will man trotzdem wissen, mit wem man es zu tun hat, kann man herausfinden: Der 1972 geborene Autor Maximilian Paulin hat in Graz katholische Theologie studiert und in Dogmatik promoviert. Zu verschiedenen Buchprojekten steuerte er Texte bei. Fu Schenfu ist sein erste eigenes Buch. Die gute Verbindung zum Tyrolia-Verlag stammt wohl aus der Zeit von 2005 bis 2009, als er dort als Verlagslektor tätig war. Heute ist er Oberassistent an der Professur für Fundamentaltheologie der Universität Luzern.

Kindgerechte Sprache benutzt er im Buch Fu Schenfu, wo er den Drachen Fuschu und sein Leben mit Josef beschreibt. Die Anfänge von Josefs Missionstätigkeit in Puoli und die Beziehung zu seinen Gläubigen erzählt Paulin recht abstrakt: „Nach und nach missionierte er so die ganze Provinz Schantung.“ Dazu fehlen wohl historische Informationen. Wie bei der gelungenen Beschreibung des kleinen Drachen, hätte der Autor hier seine Fantasie spielen lassen und den ersten chinesischen Christen ein Gesicht geben können. Gelegentlich sind österreichische Ausdrücke eingestreut, wie Hafersterz (Brei), Gelse (Stechmücke) und Dippel (Pickel), die sich aber leicht erschließen lassen. Gründlich hat der Autor für dieses Buch Informationen gesammelt, unter anderem aus den Briefen, die Josef Freinademetz aus China schickte. Auf der ersten und letzten Seite gibt er knapp und verständlich Hintergrundinformationen zu der Zeit in der Josef lebte und zu Josefs Leben, wie es tatsächlich war.

Die liebevolle Ausgestaltung von „Fu Schenfu und sein kleiner Drache“ und die intensiven Farben machen wett, was den Bildern der 1976 geborenen Künstlerin Claudia Paulin teilweise an Räumlichkeit fehlt. Dies ist ihre zweite Buch-Illustration. 2008 war Paulin am Buch „Meine schönsten Geschichten zur Erstkommunion“ beteiligt, das ebenfalls im Tyrolia-Verlag erschienen ist.

Der mittelständische Verlag hat sich für die Sparte Religion und Theologie mit neun anderen zusammengeschlossen. Die Verlagsgruppe „engagement“, zu der auch Don Bosco, Echter und das Katholische Bibelwerk gehören, will ein vom Konzil geprägtes religiöses Buchprogramm umsetzen. Die Wurzeln des heute in Innsbruck ansässigen Tyrolia-Verlages liegen in Südtirol, das seit Ende des Ersten Weltkriegs zu Italien gehört. 70 Prozent der Bevölkerung dort sprechen Deutsch als Muttersprache. Mussolini hatte ab 1922 die deutsche Tradition in Südtirol unterdrücken lassen. Heute besitzt die Provinz weitgehende Autonomie. Die Südtiroler Landesregierung hat das Buch Fu Schenfu über ihre Abteilung für deutsche Kultur und Familie unterstützt. Entstanden ist ein aufwändig gestaltetes, lehrreiches Buch, das sich gut zum gemeinsamen Lesen in der Familie eignet.

Titel: Fu Schenfu und sein kleiner Drache. Der heilige Josef Freinademetz in China
Autor: Maximilian Paulin
Seiten: 144, durchgehend farbig illustriert
ISBN: 978-3-7022-2905-4
Verlag: Tyrolia Verlag, Innsbruck
Jahr: 2012
Preis: 14,95 Euro

Der Artikel ist am 06.04.2013 in Die Tagespost, Ausgabe Nr. 42 erschienen.

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