Die Männer holen auf

Foto: Exerzitienhaus Hofheim am Taunus

Foto: Exerzitienhaus Hofheim am Taunus

Exerzitienhaus in Hofheim am Taunus schöpft aus den Quellen franziskanischer Spiritualität

Das Exerzitienhaus der Franziskaner in Hofheim liegt etwas abseits, hoch oben am Waldrand und schaut auf Frankfurt und den Flughafen. Trotzdem ist es schnell zu erreichen. Es hat die Menschen im Rhein-Main-Gebiet fest im Blick. So wie der heilige Franziskus, der sich zurückzog, um sein Leben zu überdenken, dabei aber die Mitmenschen und ihren Alltag nicht aus den Augen verlor. Mit Angeboten, die aus der franziskanischen Spiritualität schöpfen, lädt das Exerzitienhaus am Taunus zu Stille, aber auch zu Fortbildung und Begegnung ein.

Betritt man den Eingangsbereich, fühlt man sich eingehüllt von Licht, Wärme und Stille. Ein Mann, Ende dreißig, wartet am Empfang. Neben ihm seine Reisetasche. Er packt ein Buch ein und ruft: „Frau Merz, ich verabschiede mich!“ Die Stirn ist entspannt, ruhig sind die Bewegungen. Jutta Merz wünscht ihm eine gute Heimreise. Er tritt hinaus in den Alltag. Wieder klingelt das Telefon am Empfang. Die gelernte Religionspädagogin nimmt Anmeldungen entgegen. Etwa 3.000 Einzelgäste besuchen das Haus im Jahr, dabei kommen 10.000 Übernachtungen zusammen.

Stille und Begegnung

Das Hofheimer Exerzitienhaus mit dem Beinamen „Franziskanisches Zentrum für Stille und Begegnung“ ist offen für Menschen, die ihrem Leben tieferen Sinn geben wollen. Es bietet eintägige Kurse, aber auch längere Seminare, zum Beispiel für Tanz, Meditation, Yoga, Zen, Fasten und Exerzitien an. Im Mittelpunkt steht immer die Heilige Schrift und die Sensibilisierung für die Nähe Gottes. Das Gartenfest am 24. April und der Franziskus-Begegnungstag am 3. Oktober sind gute Möglichkeiten, das Haus zu erkunden, im Garten spazieren zu gehen und sich auszutauschen. Obwohl es am Gartenfest im vergangenen Jahr wie aus Eimern regnete, so Jutta Merz, seien recht viele da gewesen. Eine ältere Dame habe ihr gesagt: „Wir kommen bei Sonnenschein und wir lassen Sie auch bei Regen nicht im Stich!“ Regelmäßig finden Gottesdienste statt, zu denen jeder willkommen ist. Das Haus ist Seminarzentrum und Franziskanerkonvent, in dem sechs Brüder leben. Der Westflügel ist ein Bereich der Stille, der Ostflügel der Begegnung gewidmet. Dazwischen liegen Kapelle und Forum.

Lazarett und Lungenheilstätte

1926 wurde das Exerzitienhaus gebaut. Die Wehrmacht beschlagnahmte es 1940 und nutzte es als Lazarett. Nach dem Krieg erholten sich im Garten, wo sich heute der „grüne Seminarraum“ befindet, Lungenkranke auf Liegen. Viel verändert hat sich seitdem: 1955 kam das Haus wieder in die Hände der Franziskaner. Zu Beginn der neunziger Jahre wurde es umgebaut und erweitert. „refugium“, die Kontaktstelle des Bistums Limburg für die geistliche Begleitung von Seelsorgern und Caritas-Mitarbeitern, hat seit über zehn Jahren dort ihren Sitz. 2004 wertete der damalige Bischof Dr. Franz Kamphaus die Einrichtung als geistliches Zentrum im Rhein-Main-Gebiet auf. So konnte mit Unterstützung des Bistums modernisiert werden. Das Haus bietet Platz für 60 Personen.

Wüstentage

„Ich hatte erwartet, dass ich den ganzen Tag gesagt kriege, was ich tun soll“, höre sie oft von Teilnehmern, berichtet Jutta Merz. Beim Wüstentag sei das aber nicht so. Gemeinsam mit Norbert Lammers, dem stellvertretenden Leiter der Einrichtung, begleitet sie dieses Einstiegsangebot sechsmal im Jahr. Morgens trifft sich die Gruppe zu einer Vorstellungsrunde. Die Kursleiter führen in das Thema ein. Die Handys sind aus. Jeder hat Zeit für sich, um im Wald spazieren zu gehen, das Labyrinth im Garten zu erkunden oder einfach nur zu schlafen. Wichtig sei es, den eigenen Gedanken nachzuspüren. Es reicht, wenn man einen Tag vorher anruft oder am Morgen da ist, so die geistliche Begleiterin. Bei mehrtägigen Seminaren müsse man sich eine Woche vorher schriftlich anmelden. Da der Trend zu spontanen Entscheidungen gehe, versuche das Haus, auch kurzfristige Wünsche wahr zu machen. Ein Gast habe morgens aus Köln angerufen und sei am Nachmittag angereist, lacht Jutta Merz. Man riskiere damit allerdings, dass das Seminar ausgebucht ist.

Warum Exerzitien?

„Was mich begeistert, ist die franziskanische Spiritualität und das geschwisterliche Miteinander im Haus“, so Jutta Merz. Sie arbeitet seit zwölf Jahren dort und ist unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. „Früher haben mehr Frauen an Seminaren oder Exerzitien teilgenommen, aber die Männer holen auf“, verrät sie. Die meisten Gäste sind über 30 Jahre alt. Nach Studium und Nestbau gehen sie einer wachsenden Sehnsucht nach, es müsse mehr geben als Beruf und Freunde. Das Exerzitienhaus orientiert sich am Geist von Klara und Franz von Assisi. „Ein Haus voll Herzlichkeit und Wärme“, schwärmt die Tanzpädagogin und Gemeindereferentin Beate Bendel, die seit 15 Jahren dort Kurse leitet. Die franziskanische Spiritualität ist für sie Ausdruck eines Glaubens, der „mit beiden Beinen am Boden verankert ist und den Kopf im Himmel hat.“ Die Schöpfung und alles, was in ihr ist, als Schwester und Bruder zu sehen, gibt ihr konkrete Anregungen für den Alltag. Manche Veranstaltungen im Exerzitienhaus laden zum heilsamen Schweigen ein. Andere, mit Schwerpunkt Begegnung und Dialog, erweitern den Horizont. In Einzelgesprächen können die Gäste geistliche Begleitung erfahren.

Die Leitung wechselt im Frühjahr 2013

Der ehemalige Rektor, Bruder Markus Laibach, wird das Hofheimer Exerzitienhaus im Frühjahr 2013 verlassen. Das Kapitel der Deutschen Franziskanerprovinz entscheidet dann über seine Nachfolge. Seit Weihnachten befindet sich der 42-Jährige in einer Auszeit, um über seinen weiteren Weg nachzudenken. Neun Jahre stand er dem Haus vor – für Franziskaner sehr lange. Es bleibe für ihn „ein Ort gemeinsamer Suche nach Gott, nach Sinn und nach Leben, ohne doktrinäre Enge und Vereinnahmung“, schreibt er im Abschiedsbrief an den Freundeskreis.

Das neue Programm des Exerzitienhauses Hofheim im Taunus können Sie telefonisch bestellen (06192/9904-0) oder per E-Mail (info@exerzitienhaus-hofheim.de).
Informationen zu Franziskaner-Klöstern in ganz Deutschland: http://www.franziskaner.de

Der Artikel ist am 19.01.2013 in Die Tagespost, Ausgabe Nr. 9 erschienen.

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