Deutsche helfen Kindern in Nigeria

Chidiebere und Chidinme Obodo (Zwillinge) mit Vater Fidelis und dessen Enkelin. Die Familie lebt zu zehnt in einem kleinen Zimmer

Chidiebere und Chidinme Obodo (Zwillinge) mit Vater Fidelis und dessen Enkelin. Die Familie lebt zu zehnt in einem kleinen Zimmer

Partnerschaftsaktionen für mehr Bildung in Kooperation mit dem Sozialinstitut Obiora Ikes – Ein Besuch in Afrika

Chinaza ist nicht daheim. Sie ist in der Schule. Dort, wo sie lebt, ist das nicht selbstverständlich. Ihr Igbo-Name bedeutet übersetzt „Gott erhört Dein Beten“. Die Igbo sind eines der drei Mehrheitsvölker in Nigeria. Enugu, Chinazas Heimatstadt im Südosten, wird Tor zum Igobland genannt. Chinaza hat fünf Geschwister. Zusammengerollt liegt ein Bruder am Boden der Wellblechhütte auf einem gestreiften Läufer. „Mit fünf wurde er krank, seitdem kann er nicht mehr laufen und bekommt immer wieder Krämpfe“, erzählt die Mutter Pamela Chiwetalu.

Kleider quellen aus einem Koffer auf einer Kommode. An der Wand schillert ein gelber Kopfputz. Ein Fernseher, ein Bett, die Tür steht offen zum Hinterhof. Chinazas Vater blinzelt ins Licht. Seine Augen müssen operiert werden. Er ist Schreiner, kann aber nicht arbeiten, da er kaum noch sieht. Eine Krankenversicherung ist unbezahlbar für die Armen. Eine Mittelschicht gibt es nicht.

Pamela, Chinazas Mutter, verkauft in der Nähe Feuerholz. Familie Chiwetalu wohnt in einem Armenviertel von Enugu. Die roten Staubstraßen und winzigen Behausungen schmiegen sich an die Udi-Hügel, wo früher Kohle abgebaut wurde. Am Straßenrand sitzen Frauen an Holzständen und bieten Bananen, Orangen, Gewürze und Getränke an.
Chinaza profitiert vom Patenschaftsprogramm für Bildung des Katholischen Instituts für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden (CIDJAP), das seit 1987 läuft. Philipp Binias, ein junger Zivildienstleistender aus Deutschland, arbeitete von 1998 bis 2000 bei Professor Obiora Ike, dem Gründer und Direktor von CIDJAP, und organisierte das Programm neu. Damals bestanden bereits Patenschaften in Süddeutschland und Österreich. Ike ist überzeugt, dass man einem Kind den Schlüssel für die Zukunft in die Hand gibt, wenn man es in die Schule schickt. Bei Besuchen in Europa berichtet er von den Fortschritten in Enugu, die mit europäischer Hilfe möglich sind.

„Meine Frau und ich waren über Ostern 2000 in Enugu und haben gemeinsam mit unserem Sohn Philipp entschieden, dieses Programm in Kelkheim im Taunus zu installieren“, erzählt Gert Binias. Er und seine Frau Uta sprachen mit Pfarrer Josef A. Peters. Im Sommer desselben Jahres konnte das Patenschafts-Programm über die katholische Kirchengemeinde St. Matthäus in Kelkheim-Ruppertshain starten. 53 Euro im Jahr zahlen die Pateneltern zurzeit, damit ein Kind in Enugu die Grundschule besuchen kann. Bis Ende 2010 haben die Sponsoren aus der Kelkheimer Umgebung insgesamt 236 Kindern die Schulbildung ermöglicht. Gegenwärtig laufen über Kelkheim 187 Patenschaften. 172 Kinder werden von Tettenweis bei Passau aus gesponsert. Das Gesamtprogramm von CIDJAP in Enugu fördert gegenwärtig 377 Kinder.

CIDJAP stellt sich aktiv auf die Seite der Armen. Ein Krankenhaus, zwei Waisenhäuser, eine Druckerei, ein Konferenzzentrum sind nur einige der Projekte. Die Organisation vergibt außerdem Mikrokredite an Frauen, engagiert sich für Gefangenenrechte und die Ausbildung von Laien in der Soziallehre der katholischen Kirche. Chinazas Bruder, der weder stehen noch gehen kann, hat einen Rollstuhl von CIDJAP bekommen.
Josef Ifeanyi Anigbo strahlt. Den dicken, braunen Umschlag von seiner Patin aus Bad Soden im Taunus hält er fest in der Hand. Julie Okenwa, die das Bildungsprogramm von CIDJAP in Enugu seit 20 Jahren betreut, hat Josef herbestellt. Ein Fußballmagazin ist im Umschlag und ein Brief mit einem Foto von seiner Patenfamilie. Sein Glück kennt keine Grenzen. Den Antwortbrief hat er fertig, Julie korrigiert ein paar Fehler. Eine Weihnachtskarte müsse noch dazu, findet sie. Schnell besorgt Josef nebenan für 50 Naira (etwa 20 Cent) eine handgefertigte Karte, adressiert und unterzeichnet sie. Dann muss er in die Schule, denn sie schreiben einen Test. Englisch ist sein Lieblingsfach. In Mathe sei er auch gut, sagt der Vater. Stolz zeigt Josef seinen Messdiener-Ausweis.

Ein Hinterhof im Herzen Enugus um die Mittagszeit. Flirrende Hitze. Wäsche hängt quer über den staubigen Platz, junge Männer sitzen im Schatten an der Wand. Mit seiner zehnköpfigen Familie wohnt Automechaniker Fidelis Obodo hier in einem Zimmer, das so groß ist wie eine deutsche Abstellkammer. Die Obodos haben nur dieses Zimmer. Immerhin einen Fernseher und ein Handy, wie fast jeder hier. Die Regierung unterstützt diese Anschaffungen. Schnell ziehen die großen Kinder dem kleinen Mädchen ein rosa Blüschen und eine Hose über. Die Zweijährige ist Fidelis Obodos Enkelin. Der leibliche Vater kümmert sich nicht. Die 14-jährigen Zwillinge Chidinme und ihr Bruder Chidiebere sind seit fünf Jahren im Bildungsprogramm. Sie werden von zwei verschiedenen Familien aus Deutschland gefördert. Viele nigerianische Familien haben acht Kinder, von denen nur das begabteste zur Schule gehen kann. Lesen sei ihre Lieblingsbeschäftigung, verraten die beiden. In den Ferien verkaufen sie Wasser auf der Straße.

Lautlos öffnet die automatische Tür. Kalt schlägt klimatisierte Luft den Kunden des „Roban Store“ entgegen. Alles gibt es hier, was Familien brauchen. Doch nur wenige können es sich leisten, in diesem gut sortierten Supermarkt einzukaufen. Ifeoma Nzeh steht hinter der Backtheke und bietet Croissants, Würstchen im Teigmantel und Brot an. Das Haar hat sie zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trägt ein weinrotes Poloshirt, wie alle Mitarbeiter. Strahlend begrüßt sie Julie von CIDJAP, die das Bildungsprogramm betreut, und den Kontakt gehalten hat, obwohl Ifeoma nun eine Stelle hat. Hilde Broecker aus Kelkheim bezahlte im Rahmen dieses Programms acht Jahre lang die Schulgebühren für das Mädchen. Die beiden tauschen sich über Briefe aus. „Schade, dass Ifeoma nur als Verkäuferin arbeitet“, bedauert Broecker, „aber europäische Maßstäbe dürfen wir nicht anlegen“. Die 21-jährige Ifeoma hilft der Mutter, die jüngeren Geschwister aufzuziehen. Der Vater ist 2009 gestorben. Sie würde gerne studieren, verrät sie.

Der Ventilator bauscht die Vorhänge im CIDJAP-Büro. Julie Okenwa wischt sich den Schweiß von der Stirn, hört zu und nickt. Vor ihr sitzt eine alte Frau mit traurigen Augen, die Hände auf einen Stock gestützt. Ihre Tochter sei gestorben und sie versuche, ihre Enkelkinder aufzuziehen, klagt sie. Sie könne das Schulgeld nicht bezahlen. „Auch wenn ich nicht in jedem Fall helfen kann, tut es den Menschen gut, wenn ich zuhöre“, erklärt Julie. Die Priester aus den umliegenden Dörfern melden ihr begabte Kinder aus armen Familien. Die Eltern stellen einen Antrag. Wenn CIDJAP einen Sponsor findet, kann das Kind zur Schule gehen. Julie sieht die Zeugnisse am Ende des Schuljahres durch. Dann entscheidet sie, ob das Kind im Bildungsprogramm bleiben kann. Regelmäßig besucht sie die Familien und weiß um ihre Nöte. „Der Glaube an Gott ist das Einzige, was uns aufrecht erhält“, sagt die CIDJAP-Mitarbeiterin, die selbst drei Kinder hat.

Chinazas Gebete sind erhört worden. Sie wird von einer deutschen Familie unterstützt. Sie hat das Privileg, in die Schule zu gehen, lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Sie muss nicht, wie viele arbeitslose Jugendliche, auf der Straße herumlungern. Sie sei eine gute Schülerin, sagt ihre Mutter. Chinaza will Ärztin werden. Gelingt ihr das, kann sie die Großfamilie unterstützen und ihren eigenen Kindern eine Schulbildung ermöglichen.

Der Artikel ist am 13. Oktober 2011 in Ausgabe Nr. 122 in Die Tagespost erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s