Alles ist möglich, wenn man sich traut

David J. Wills (links) erhält vom Clubpräsidenten Kees Broos eine Auszeichnung

David J. Wills (links) erhält vom Clubpräsidenten Kees Broos eine Auszeichnung

„Larry Crowne“ mit Tom Hanks und Julia Roberts lief im Sommer 2011
in den deutschen Kinos. Larry ist über 50 und lebt allein. Er verliert seine
Arbeit, weil er keinen Hochschulabschluss hat. Er schreibt sich am
College in einen Kurs für freies Reden ein. Lernen kann man das auch
bei Toastmasters International – in 12.500 Clubs weltweit.

Montags im Frankfurter Saalbau Dornbusch: Präsident Cornelis G. Broos eröffnet
das Treffen des Clubs Toastmasters Esprit de Corps e.V. Frankfurt pünktlich um
19.30 Uhr. Er begrüßt Mitglieder, Gäste und den Moderator des Abends, Peter
Smith, Engländer und Sprach-Coach. Präsident Cornelis hat 25 Jahre lang in
Neuseeland Häuser gebaut, bevor er nach Deutschland kam. „Bei Toastmasters trifft
man interessante Leute aus den unterschiedlichsten Kulturen“, erzählt der gebürtige
Niederländer. Er ist immer noch dabei, weil er zurückgeben will, was er in den letzten
elf Jahren dort gelernt hat. Für ihn hört das Lernen niemals auf.
Zwölf Mitglieder und vier Gäste sind an diesem Abend da. Jeder kann miterleben,
wie ein Toastmasters-Treffen abläuft und gleich selbst eine kurze spontane Rede
halten, wenn er will. Die Teilnehmer stammen dieses Mal aus Korea, Rumänien,
England, Kanada, den Niederlanden und Deutschland. Es sind etwas mehr Männer
als Frauen. Die Agenda liegt auf dem Tisch. Peter Smith führt in das Thema ein.
Dann bittet er Arshad Ahmadi, nach vorne zu kommen und seine erste vorbereitete
Rede zu halten. Mit Handschlag erteilt er ihm das Wort.

Die erste Rede ist die schwerste

Im Film ist die attraktive Lehrerin Mercedes Tainot (Julia Roberts) froh, dass am
ersten Treffen des Kurses 2.17 am East Valley Community College nur neun Schüler
erscheinen. Zehn sind nötig, damit der Kurs zustande kommt. Sie will gerade
verschwinden, als Larry Crowne (Tom Hanks) hereinstürmt. Es kann losgehen.
Larrys erste Rede dreht sich um „French Toast“. Davon versteht er etwas, da er
Marinekoch war. Alle langweilen sich und verdrehen die Augen. Er bleibt stecken,
schaut in die Karteikarten, die er vorbereitet hat. Er schwitzt. Zwei Minuten können
lang werden.
Auch bei Toastmasters International ist die erste Rede, der „Eisbrecher“, etwas
Besonderes. Auch Arshad Ahmadi stehen Schweißperlen auf der Stirn, als er den
anderen Clubmitgliedern von sich erzählt. „Eigentlich sollte man meinen, dass es
leicht ist, über sich selbst zu sprechen“, beginnt der 32-Jährige, „aber das ist ein sehr
emotionales Thema für mich“. Er sei in Kabul, Afghanistan aufgewachsen. Seine
Eltern setzten sich für Unterprivilegierte ein. Nachdem sich die russischen Truppen
zurückzogen, hat seine Familie das Land verlassen. 1989 kam er nach Deutschland.
Hier habe er sich als Jugendlicher nie ganz akzeptiert gefühlt, sagt er. Deshalb sei er
nach Amerika ausgewandert, habe seinen Masters Abschluss gemacht und im
kalifornischen Silicon Valley gutes Geld verdient. Eine schicke Wohnung und ein
schnelles Auto konnte er sich leisten. Glück liegt woanders, hat er gemerkt und ist
zurückgekommen. Beifall, als er endet. Er hat das erste Projekt aus dem Heft für
kompetente Kommunikation absolviert. Er bekommt positive Rückmeldungen. Arshad
wird zum besten Sprecher des Abends gewählt und Peter überreicht ihm ein blaues
Band.

Toastmasters-Mitglieder lernen voneinander

Mercedes Tainot, Larry Crownes genervte Lehrerin, denkt sich für ihre Schüler
Themen für spontane Reden aus. Larry Crowne zieht einen Zettel, auf dem
„Innenarchitektur“ steht und muss sofort darüber reden. Er gibt zu, dass er von
Innenarchitektur keine Ahnung hat. Stattdessen erzählt er, wie eine Freundin seine
Wohnung nach Feng Shui-Regeln umgestaltete. Alle finden es spannend, außer der
Lehrerin. Die kann ihn scheinbar nicht leiden. Bei Toastmasters International gibt
es keine genervten Lehrerinnen. 260.000 Mitglieder dieser gemeinnützigen Organisation
bringen sich in 113 Ländern auf derganzen Welt in über 12.500 Clubs gegenseitig freies
Führungseigenschaften bei. Sie messen sich in Wettbewerben und verbessern ihren
Kommunikationsstil anhand professioneller Unterlagen. Das erste Treffen von
Toastmasters fand 1924 in einem Keller in Santa Ana, Kalifornien, statt. Gründer
Ralph C. Smedley, damals Direktor für Fortbildung beim Christlichen Verein Junger
Männer (YMCA), merkte, dass viele seiner Gäste Hemmungen bei öffentlichen
Reden hatten. Er beschloss, ihnen zu helfen. Der Name „Toastmasters“ kommt von
dem Ausdruck „to propose a toast“ – einen Trinkspruch ausbringen. Doch eine gute
öffentliche Rede ist viel mehr: ein Dialog mit dem Publikum.

Selbstvertrauen gewinnen

Am East Valley Community College bekommen die Schüler von Julia Roberts
Themen und Termine für Reden zugeteilt. Bei Toastmasters International bestimmt
jeder selbst das Tempo, in dem er lernt. In Frankfurt gibt es zwei Clubs: den
deutschsprachigen Rhetorikclub Frankfurt e.V. und Toastmasters Esprit de Corps
e.V., sein englischsprachiges Pendant. Jeder der beiden Vereine hat etwa 40
Mitglieder. Auch in Wiesbaden und Darmstadt kann man bei Toastmasters freies
Reden üben. Die Organisation ist gemeinnützig und verfolgt weder politische noch
religiöse Ziele. Die Treffen finden meist wöchentlich oder 14-tägig statt. Die
Mitglieder wechseln sich mit den Aufgaben ab.
Dazu gehört Zeit-Stoppen, Reden halten oder bewerten, „Äh“-Zählen, den Abend
leiten. Die Teilnehmer lernen an den Treffen, die in der Regel 90 Minuten dauern,
aktiv zuzuhören und ihr Publikum in ihren Bann zu ziehen. Manche hat der Chef
geschickt, andere sind selbst Chef. Die Angst vor dem öffentlichen Reden und zu
verlieren und Englischkenntnisse zu verbessern, sind die Hauptmotive. Studenten
sind genauso dabei wie Rentner. „Selbst wenn man nur zuhört, lernt man“, sagt
Arshad.

Wie drücke ich mich gut aus?

Arshad ist, was Toastmasters angeht, kein unbeschriebenes Blatt. Er hat in
Kalifornien bereits Treffen besucht. Es fällt ihm nicht schwer, sich auszudrücken und
seine Zuhörer dabei anzusehen. An seiner Gestik könne er noch arbeiten, erfährt er,
aber dazu sind die Treffen da. Jedes Projekt hat einen anderen Schwerpunkt: Wie
drücke ich mich gut aus? Wie nehme ich Kontakt zum Publikum auf? Wie setze ich
Körpersprache gezielt ein?
Larry Crowne aus dem gleichnamigen Film bekommt auf seine Rede zum
Kursabschluss eine Eins mit Stern. Er hat sein Leben wieder im Griff. Haus und Auto
sind verkauft. Er wohnt in einer Wohnung, fährt Roller und arbeitet wieder, wenn
auch als Küchenhilfe. Er trägt eine neue Brille und schicke Kleidung. Nicht nur
äußerlich ist er verändert. Er kann sich ausdrücken. Seine Lehrerin Mercedes Tainot
verliebt sich in ihn. Wie Larry Crowne hat auch Arshad mehr Selbstbewusstsein
gewonnen. Besonders glücklich ist er, dass seine Freundin zu ihm nach Deutschland
ziehen will. Auch im wirklichen Leben verändert sich einiges, wenn man reden kann
und sich traut.

Weitere Informationen zu Toastmasters International:
Englischsprachiger Club in Frankfurt
Deutschsprachiger Club in Frankfurt
Toastmasters europaweit
Toastmasters weltweit

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