Geschichten aus dem Land der weißen Wolke

Kate de Goldi bei der Vorschau-Pressekonferenz im Haus des Buches in Frankfurt

Neuseeland ist in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse vom 10. bis 14. Oktober. 67 Autoren werden aus dem südlichen Pazifik nach Frankfurt kommen. Darunter sind bekannte Schriftsteller wie Anthony McCarten und Paul Cleave, doch auch internationale Neulinge wie Emily Perkins und die Kinder- und Jugendbuchautorin Kate de Goldi. Sie nahm am Mittwoch an der Messevorschau im Frankfurter Haus des Buches teil.
Wie eine Großmutter sieht die zierliche Neuseeländerin mit der dunklen Haarmähne nicht aus. Lässig lehnt sie am Rednerpult und plaudert mit Katja Böhne, der Pressesprecherin der Frankfurter Buchmesse. Dass Kinder zu ihrem Leben gehören, merkt man jedoch bei der Lektüre ihrer Bücher. Kate de Goldi ist nach Frankfurt gekommen, um von ihrem Land und ihrer Arbeit zu erzählen.

Neuseeland in Deutschland

„Wir haben eine starke Kultur des Schreibens in Neuseeland. Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse zu sein ist eine unvergleichliche Chance, diese zu präsentieren“, schwärmt die preisgekrönte Schriftstellerin aus Wellington. Auf der Buchmesse werde die Türe geöffnet für Übersetzungen neuseeländischer Titel in andere Sprachen. „In den vergangenen Jahren wurden im Schnitt pro Jahr zehn neuseeländische Titel ins Deutsche übersetzt. In diesem Jahr sind es bereits 83 Übersetzungen“, freut sich Kevin Chapman, Präsident des neuseeländischen Verlegerverbandes PANZ.
Unter dem Motto „Bevor es bei euch hell wird“ zeigt Aotearoa, das „Land der langen weißen Wolke“, wie Neuseeland auf Maori heißt, seine Kultur und Literatur. Neben Autoren werden auch Künstler nach Frankfurt kommen. Mehr als 40 Verlage präsentieren sich am neuseeländischen Gemeinschaftsstand des Verlegerverbands in Halle 8.0 (M950). Vor und während der Buchmesse finden 300 Veranstaltungen zu Neuseeland statt, meist im Ehrengast-Pavillon im Forum, Ebene1.

„abends um 10“

Eines der neu ins Deutsche übersetzen Bücher ist Kate de Goldis „The Ten PM Question“, das im Mai 2012 unter dem Titel „abends um 10“, im Carlsen-Verlag erschienen ist. Sensibel erzählt die Autorin von einem 12-jährigenJungen und seiner Familie. Seine Beziehungen verändern sich, als ein neues Mädchen, Sydney, in die Klasse kommt. Frankies Innenleben, Szenen aus dem Alltag und die abendlichen Gespräche mit seiner Mutter zeigt Kate de Goldi wie mit einem Vergrößerungsglas. Sie lässt detailreiche Bilder entstehen und nimmt die Leser mit in die Welt der Parsons.
„Ich finde es faszinierend, Kinder zu beobachten, besonders im Alter von vier bis fünf Jahren, wenn sie die Sprache für sich entdecken“, erzählt Kate de Goldi. Die 53-Jährige ist tatsächlich schon Großmutter. Ihre Kinder, Enkelkinder und Neffen spielen eine große Rolle in ihrem Leben. Offen gibt sie zu, dass Frankie in „abends um 10“ gewisse Züge ihres Sohnes trägt und seine Schwester Gordana Eigenschaften von De Goldis Tochter mit 16 Jahren. „Kinderbuchautoren beobachten genau und sie gehen beim Schreiben in die eigene Kindheit zurück. Deshalb ist in jedem der Charaktere auch etwas von mir: Ma, Frankie, Gordana, den drei Tanten und der Schulkameradin Sydney. Ich wäre gern so kühn gewesen wie sie.“ 2011 erhielt sie für die Familiengeschichte den Corine International Buchpreis für Jugendbücher. In neun Ländern ist das Buch inzwischen erschienen. Auch einen Film wird es geben: Gerade entsteht das Drehbuch.

Schriftsteller zum Anfassen

„Ich möchte den jungen Leuten, die meine Bücher lesen, nicht vorschreiben, wie sie sein sollen, sondern ihnen eine Sprache geben, die ihnen hilft die Welt zu verstehen und sich auszudrücken.“ Engagiert arbeitet sie im Programm „Autoren in Schulen“ mit, das es seit 35 Jahren gibt. Sie liebt es, Schülerinnen und Schülern von ihrer Arbeit zu erzählen und mit ihnen kreatives Schreiben zu üben. Auf der Website des New Zealand Book Council gibt sie den Tipp: „Lesen, lesen, lesen und sich hinsetzen und schreiben. Man muss einfach damit anfangen.“ Kate de Goldi freut sich über die große Kreativität an neuseeländischen Grundschulen, deren Klassenräume über und über mit Gemälden, Basteleien und Selbstporträts dekoriert sind.
Start als Autorin
„Ich hatte großes Glück“, sagt sie über den Beginn ihrer Karriere. Schon als Schülerin habe sie geschrieben. Ihre Klasse führte ihre Stücke auf. Nach der Schule studierte sie englische und kanadische Literatur, arbeitete dann in einer Bücherei. „Ich wusste immer, dass ich etwas mit Büchern machen will“, so Kate de Goldi. Als sie 28 Jahre alt war, kam ihre Tochter zur Welt. Ihr Mann habe sie ermutigt zu schreiben, sie selbst konnte damals noch nicht so richtig an ihr Talent glauben, erzählt sie. Sie engagierten ein Kindermädchen, das sich vormittags um die Tochter kümmerte, damit sie schreiben konnte. Ihre erste Kurzgeschichte reichte sie bei einem Wettbewerb ein und gewann damit 5000 Dollar. Verlage wurden aufmerksam.
„Jeden Morgen zu laufen gehört für mich zum Schreibprozess“, sagt sie. Am Spätvormittag beginnt sie zu schreiben. Sie liest viel und rezensiert Bücher anderer Autoren. Manchmal zieht sich das Schreiben bis in den Nachmittag. Nur, wenn sie kurz davor ist, einen Roman fertig zu stellen, schreibt sie auch am Abend.

Werke und Auszeichnungen

Begonnen hat sie mit Kurzgeschichten, eine Geschichtensammlung folgte und weitere Bücher: „Sanctuary“, „Love, Charlie Mike“ und „Closed, Stranger“. Zahlreiche neuseeländische Auszeichnungen hat sie gewonnen. Die wichtigsten sind: New Zealand Post Buch des Jahres, American Express Kurzgeschichtenpreis und der Katherine Mansfield Award. In einem Monat erscheint in ihrer Heimat ihr neues Buch „The ACB with Honora Lee“. Natürlich schreibt sie weiter: eine Art Biografie über die Kinderbuch-Sammlerin Susan Price. Nach dieser Ankündigung muss sie direkt los zum Hamburger Harbour Front Literaturfestival. Zur Buchmesse im Oktober wird sie wieder in Frankfurt sein: beobachtend, lesend, schreibend.
Mehr Information unter http://www.buchmesse.de
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Die Tagespost, Ausgabe Nr. 121 am 09.10.2012

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