Beim Laufen Gott begegnen

Dr. Frank Hofmann

Gemeinsam mit Pastor Rolf-Dieter Seemann von der Hamburger Hauptkirche St. Petri bietet Frank Hofmann, Chefredakteur der Laufzeitschrift Runner‘s World, seit vergangenem Jahr spirituelle Laufkurse an. Laufen in der Natur kann den Menschen seinem Schöpfer näher bringen, weiß er. Jutta Hajek hat ihn in seinem „Hamburger Paradies“, dem Jenisch-Park getroffen.

Pünktlich um 19 Uhr erscheint Frank Hofmann am Bahnhof Klein-Flottbek im Westen Hamburgs. Braune Augen schauen freundlich aus dem wettergegerbten Gesicht. Ein fester Händedruck. Wir werfen den Rucksack in sein Auto und traben los. Dreißig Grad warm ist es an diesem Dienstag. Bäume säumen den Jenisch-Park mit seinen weiten Wiesen, auf denen Jugendliche in der Abendsonne liegen und Kinder spielen. Grillen zirpen im trockenen Gras. Am Rand des nach englischem Vorbild angelegten 42 Hektar großen Parks leuchtet das Jenisch-Haus aus dem 19. Jahrhundert. Hier läuft der Marathonläufer und Triathlet sechsmal die Woche, begleitet vom Vaterunser und anderen geistlichen Impulsen. Wenn sich der Laufrhythmus dann von selbst einstellt, die Schatten der Bäume vorbeifliegen, das Licht der aufgehenden Sonne wärmt, der Blick hinunter auf die Elbe das Bewusstsein weitet, öffnet sich das Herz für Gott.

Nur am Samstag läuft er nicht. Dieser Tag gehört der Familie. Die Geburt seiner Tochter vor zwei Jahren habe sein Leben verändert, erzählt Frank Hofmann. Wie innig man ein Wesen lieben kann, dessen Gesicht man noch nicht kennt, sei eine überwältigende Erfahrung gewesen. Dieses Erlebnis hat ihn emotional Gott näher gebracht. Seine Frau war es, die den Glaubenskurs Liturgie des Lebens bei Pastor Seemann in der Petri-Kirche entdeckte. Mit der Kirche habe er selbst nach seiner Kindheit nichts mehr zu tun gehabt, gesteht der 49-Jährige. Der Glaubenskurs mit Seemann inspirierte ihn und er begann, sich intensiv mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen. Diesen Weg hat der Doktor der Philosophie in seinem 2011 erschienenen Buch „Marathon zu Gott“ festgehalten. Im Oktober kommt seine „Einführung in das Leben und Werk Sören Kierkegaards“ heraus. Christliche Theologie sieht er als seine Berufung. Zurzeit bereitet er sich auf ein berufsbegleitendes Fernstudium vor.

Pastor Seemann in seinem Büro in St. Petri in Hamburg

Liturgie des Laufens

Pastor Seemann, Vater von vier Kindern und mehrfacher Großvater, läuft ebenfalls seit vielen Jahren. Für den dynamischen 60-Jährigen ist die Gemeinschaftserfahrung wichtig. „Konkurrenz“, komme von „concurrere“. Das bedeute eigentlich nur „zusammen laufen“, gibt er zu bedenken. Die Konkurrenz zwischen Kirche und Sport um den Sonntag ärgert ihn, ebenso die Überheblichkeit der Schulen, die Sport häufig nicht ausreichend förderten. Er zögert nicht, als Hofmann mit der Idee zu ihm kommt, eine Liturgie des Laufens zu starten. Augenzwinkernd erzählt er, er habe Hofmann gebeten, „aus den Teilnehmern keine kleinen Marathonläufer zu machen “, das Alter nicht zu beschränken und jeden sein eigenes Tempo laufen zu lassen. Im Spätsommer 2011 veranstaltet Hofmann den ersten spirituellen Laufkurs für Anfänger, Wiedereinsteiger und erfahrene Läufer in der Innenstadt an der Alster. Die Teilnehmer sind begeistert. Bald merken die Organisatoren, dass das Gewusel aus Fußgängern, Radfahrern und Hunden beim Laufen stört. Sie suchen neue Laufgebiete. Beim zweiten Kurs „Hamburger Paradiese“ im Frühsommer 2012 stellen Hofmann und Seemann sechs schöne, vielen unbekannte Strecken vor. Ende August 2012 startet der dritte Kurs auf der Elbinsel Kaltehofe, dem ehemaligen Trinkwasserreservoir der Hansestadt. „Wir laufen dort in menschenleerem Gebiet mit den Elbbrücken und der Großstadt im Blick. Das ist eine besondere Stimmung, gut für meditatives Laufen“, schwärmt der Chefredakteur. Ein weiterer Vorteil sei, dass man sich nicht immer wieder an eine neue Strecke gewöhnen müsse. Zwanzig bis dreißig Teilnehmer sind bisher dabei und es werden immer mehr.

Mit einem gemeinsamen Gebet beginnt jeder der sechs Lauftermine. Behutsam, mit Gehpausen, führt Hofmann die Teilnehmer ans Laufen heran. Jeder soll am Ende des Kurses eine Stunde am Stück laufen können. Die Läufer bekommen den Streckenplan und einen Bibelvers mit auf den Weg, zum Beispiel aus dem ersten Brief an die Korinther (6,19f): „Oder wisst Ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.“ Hofmann passt sein Tempo an. Er pendelt zwischen Geübten und langsameren Läufern. Pastor Seemann erklärt: „Für mich ist es wichtig, Ungeübten das Gefühl zu vermitteln ‚ich schaffe was‘“. Oft lasse sich diese Erfahrung auf andere Lebensbereiche übertragen. Zu Beginn des Kurses trifft man sich für die Theorie. An diesem Abend erklärt Hofmann, wie spirituelles Laufen funktioniert und warum es gut tut.

Frank Hofmann beim Laufen im Dünenwald in St. Peter Ording

Laufen gegen Krankheiten

Zwanzig Jahre ist es her, dass Seemann jeden Samstag in der „Frühschicht“ mit einem katholischen Priester betete. Damals hatten seine Knie angefangen, Probleme zu bereiten. Der Kollege erzählte ihm, dass er morgens um sechs laufe und bot ihm an mitzukommen. „Er hat sich an mein Tempo angepasst“, lobt Seemann. „Ich habe gelernt, auf das Leistungsvermögen meines Körpers einzugehen.“ Seitdem joggt er regelmäßig.

Frank Hofmann läuft seit seinem 32. Lebensjahr. Er ist überzeugt von der positiven Wirkung auf den Körper. „Wer in Balance mit seinem Körper und seiner genetischen Ausstattung leben will, muss seinen inneren Athleten entdecken“, schreibt er auf seiner Website. Neun von zehn Herzinfarkten und Schlaganfällen könnten vermieden werden, klärt Hofmann auf. Gerade das langsame Laufen beeinflusse auch den Hormonhaushalt. Stresshormone bauten sich ab und Glückshormone auf. Wer regelmäßig laufe, stärke sein Immunsystem. Degenerative Krankheiten, wie Demenz, Alzheimer und Parkinson, die durch die Überalterung der Gesellschaft zunehmen, könnten durch Ausdauersport gebremst werden. Auch als Prophylaxe gegen Burnout eigne sich Laufen, nicht aber bei Männern, wenn sich bereits Beschwerden zeigten, weil diese oft sehr ehrgeizig herangehen. Dann sollte man erst einmal herunterschalten, rät Hofmann.

In seinem spirituellen Laufblog berichtet er von einer an Leukämie erkrankten Teilnehmerin, die sie sich nach dem ersten Lauf „so gut fühlte wie noch nie“. Ihr Arzt riet ihr trotzdem ab. Sie folgte dem Rat. Eine andere Entscheidung traf die Hamburger Physikerin Britta Petersen. Bei ihr wurde vor zehn Jahren Leukämie diagnostiziert. Seitdem hat sie zwei Knochenmarkspenden erhalten. Die passionierte Läuferin bekennt in einem Interview mit dem Bonner Generalanzeiger vom 18.04.2012, sie habe immer ans Laufen gedacht, wenn sie nicht laufen konnte: im Krankenhaus, wenn die Sonne ins Zimmer schien und wenn sie im Rollstuhl sitzen musste. Wann immer sie konnte, ist sie gelaufen. Die 40-Jährige ist stabil und kann ihren Beruf ausüben. Hofmann ist sicher: „Das Laufen hat ihr Herz gestärkt und der Glaube ihr Willen und Vertrauen gegeben.“

Christ sein heißt: in Bewegung sein

Das „In-Bewegung-Sein“ ziehe sich durch die Bibel, so der Initiator der Liturgie des Laufens. Abraham habe als Nomade große Strecken zurückgelegt, schätzungsweise 20 Kilometer am Tag. 40 Jahre ist das Volk Israel mit einem mobilen Heiligtum durch die Wüste gezogen. Der Prophet Elija ergriff nach der Morddrohung der Königsgattin Isebel die Flucht, die ihn nach Beerscheba führte. Nach der Begegnung mit einem Engel lief er vierzig Tage und Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb, lesen wir im ersten Buch der Könige (19,7f). Jesus von Nazareth war ein Wanderprediger, der keine feste Bleibe hatte. Genetisch, so Hofmann, sei der heutige Mensch mit Abraham nahezu identisch. Doch die Strecke, die der moderne Mensch am Tag zu Fuß zurücklegt, betrage nur etwa 800 Meter. Zehn Kilometer am Tag wären dem Körper zuträglicher. „Die Muskeln sind so dankbar, wenn sie gefordert werden“, bekräftigt Pastor Seemann. „Ich will das Nachdenken nicht abschaffen, aber der Zugang zu manchen Bibelstellen gelingt nur über den Körper. Der Verstand ist viel konservativer.“

Frank Hofmann freut sich, dass immer mehr Menschen das spirituelle Laufen entdecken. Er hält in katholischen und evangelischen Akademien Vorträge und Fortbildungen zum Thema. Beim nächsten Kirchentag in Hamburg wird er dabei sein. Nachfolge Jesu möchte er wörtlich verstehen: „Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die zukünftige“ (Hebr 13,14).

www.spirituelles-laufen.de
www.sankt-petri.de

Dieser Artikel wurde veröffentlicht im PUR Magazin 09/2012.

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