„Der eigentliche Rohstoff ist zwischen den Ohren“

Nermeen Azzam genießt die Bootstour im Rahmen des Global Media Forum

Ägypten braucht bessere Schulen

Vom 25. bis 27. Juni haben etwa 1.800 Medienvertreter, Experten und Interessierte aus 90 Ländern sich in Bonn zum „Deutsche Welle Global Media Forum“ getroffen, um sich zu Bildung, Kultur und Medien auszutauschen und voneinander zu lernen. Wie steht es um die Bildung in den Ländern des arabischen Frühlings?

In Maadi, einem kleinen Vorort von Kairo, ist Nermeen Azzam aufgewachsen. „Dort kennt man sich noch vom Sehen“, schwärmt sie, „und wenn man in Kairos Innenstadt Leute aus seinem Vorort trifft, grüßt man sich. Berlin habe ihr zu Beginn gar nicht gefallen, gibt die junge Ägypterin zu. Sie kam im Winter 2009 nach Deutschland. Eis und Schnee machten ihr das Leben schwer. Nach einem viermonatigen Aufenthalt in den USA, weiß sie nun aber die Bewegungsfreiheit, die sie in der deutschen Bundeshauptstadt hat, zu schätzen. „Man kann nachts mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren, ohne dass man sich fürchten muss.“ Die 34-jährige Ägypterin im rot geblümten Kleid ist Textil- und Modedesignerin. Vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) hat sie ein Stipendium erhalten, um in Berlin zu promovieren. Sie kann am ersten Tag des Medienkongress des deutschen Auslandfunks teilnehmen, da sie für ein Treffen des DAAD am nächsten Tag nach Bonn musste.

Von der Wahl Muhammad Mursis zum neuen ägyptischen Präsidenten ist sie nicht begeistert. Sie befürchtet, dass er sich nur als Präsident der islamistischen Muslimbruderschaft und nicht des gesamten Volkes sieht. „Ich bin aber froh, dass Schafik die Wahl verloren hat und dass wir das alte System überwunden haben“, so Nermeen Azzam. Sie bedauert, dass das Bildungssystem in ihrem Heimatland auf Auswendiglernen aufbaut. Die Schulverwaltungen seien alt und unflexibel. Sie wünscht sich, dass Schüler und Studenten ihre eigene Persönlichkeit entwickeln können und nicht bloß Maschinen sind, die Informationen in sich hineinfressen und Prüfungen absolvieren. „Die Universitäten in Ägypten haben sich jahrzehntelang nicht wirklich weiterentwickelt. Jetzt ist es an der Zeit, strukturelle Veränderungen anzugehen und den Hochschulen mehr Unabhängigkeit zu gewähren, damit sie der Gesellschaft geben können, was sie braucht“, drückt ein anderer ägyptischer Konferenz-Teilnehmer seine Hoffnung aus.

Shabab Talk der Deutschen Welle

Auch beim „Shabab Talk“ geht es an diesem Montag um die Zeit nach dem arabischen Frühling. „Werden die jungen Leute in der Lage sein, das Bildungssystem zu ändern?“, lautet das Diskussionsthema. Die wöchentliche Sendung ist eine Koproduktion zwischen der Deutschen Welle (Arabien) und dem ägyptischen TV-Sender Al Hayat. Junge Menschen sprechen in dieser internationalen Talkshow über aktuelle Entwicklungen in Ägypten, dem Mittleren Osten und Nordafrika.

Hell beleuchtet ist der Gremiensaal im Untergeschoss der Deutschen Welle, wo die Sendung um 14 Uhr im Rahmen des Medienkongresses aufgezeichnet wird. Kopfhörer in Plastiktüten liegen auf den blauen Stühlen, kleine Sender daneben. Die sind wichtig, da der Moderator Jaafar Abdul-Karim mit seinen Gästen arabisch spricht, da die Sendung in arabischen Ländern ausgestrahlt wird. Der Übersetzer in der Kabine überträgt alles ins Deutsche. Kameras richten sich auf die Gruppe, die dem Moderator gegenüber auf einem Podium sitzt: Bettina Malter, Studentin und Buchautorin; Hanan Badr, Assistentin an der Medienfakultät der Uni Kairo und der Blogger und Polit-Aktivist Anis Ayadi aus Tunesien, der seit fünf Jahren in Köln lebt. Gleich geht es los. Der Moderator spricht mit seinen Gästen ihre grundlegenden Positionen durch.

Der Eingangsjingle ertönt, die Kameras laufen, die Zuschauer müssen leise sein – fotografieren mit Blitz verboten. Jaafar Abdul-Karim geht gleich mitten ins Thema. Er will in der knappen halben Stunde möglichst viel unterbringen. Er fragt die Ägypterin Hanan Badr, ob mit der Wahl des neuen Präsidenten eine neue Ära beginne. Ja, antwortet sie. Sie ist der Meinung, wahre Veränderung sei notwendig. Die Lehrpläne sind ihrer Ansicht nach mangelhaft, die Motivation der Schüler gering, weil zu viel Indoktrination stattfindet. Dazu kämen materielle Schwierigkeiten wie kaputte Fenster und zu wenige Schulbänke, sodass sich vier Schüler in eine Bank für zwei quetschen müssten. 80 Schüler pro Klasse seien einfach zu viel, der Lärm unbeschreiblich. Kinder aus ärmeren Familien hätten schlechtere Chancen. Eine strukturelle Reform sei dringend nötig.

Die Lehrer sollen begeistern statt schlagen

„Wir müssen mehr Geld in unser Bildungssystem stecken, damit die Lehrer gerne zur Arbeit gehen“, fordert Hanan Badr. Die Lehrer sollten die Schüler begeistern und mit Motivation statt Schlägen arbeiten, wünscht sie sich. Sie ist überzeugt, wenn die Jugendlichen mehr Freiheit hätten, würden sie freudig zur Schule gehen. Jedes totalitäre System fürchte sich vor gebildeten Untertanen, so Hanan. Mubarak habe Bildung nur eingeschränkt unterstützt. Die letzten Tage hätten gezeigt, dass der neue Präsident sich um Konsens bemühe. Er habe der Bildung eine wichtige Position eingeräumt. „Aber kann er die Lücke zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt schließen?“, fragt sie.
Anis Ayadi aus Tunesien sieht in seinem Land ähnliche Probleme, nur nicht so extrem. Die Schüler hätten keine Freude am Lernen, bedauert er. 40 Schüler pro Klasse seien zwar weniger als 80, aber noch zu viele. Die Lehrer in Tunesien kümmern sich nicht, erzählt er, „sie werfen den Unterricht einfach hin“. Eine grundlegende, aber schrittweise Veränderung sei nötig. Die Lehrpläne müssten verbessert, Fremdsprachen, Theater, Kunst und Kultur eingeführt werden. Die jetzigen primitiven Lehrmethoden seien ungeeignet. „Unser Bildungssystem baut auf der Angst der Schüler vor den Lehrern auf“, bedauert er. Eine Kommission, die die Situation verändert, müsse alle Beteiligten einschließen. Die Jugendlichen müssten ihre Meinung sagen und Nichtregierungsorganisationen beratend eingreifen.

Auch in Deutschland ist nach Ansicht der Berliner Studentin Bettina Malter nicht alles bestens. Sie vergleicht Bildung hier mit einem Hürdenlauf. Sie wünscht sich Chancengleichheit für alle Kinder, kleinere Klassen und individuelle Lernberichte. „Wenn Kinder Noten bekommen, hören sie auf zu fragen“, gibt sie zu bedenken. Zusammen mit Ali Hotait hat sie das Buch Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution herausgegeben, das im Mai im Vergangenheitsverlag erschien. Die Erfahrungsberichte sollen anderen Schülern zeigen: Ich bin nicht allein mit meinen Problemen.

Bildung als Schlüssel zu einer toleranten Gesellschaft

„Die Qualität von Bildungssystemen entscheidet heute über Aufstieg und Fall von Nationen. Nicht mehr Bodenschätze, sondern der Wettbewerb der Ideen entscheidet. Der eigentliche Rohstoff ist nicht zwischen den Füßen sondern zwischen den Ohren“, so Guido Westerwelle bei seiner Ansprache vor den Konferenzteilnehmern am Dienstagmorgen. Er drängt, Bildung nicht nur auf den akademischen Bereich zu reduzieren, sondern auch berufliche Ausbildung anzuerkennen. Sie werde eine große Rolle spielen, bei der Überwindung der Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern. Der deutsche Außenminister sieht Bildung als Schlüssel zu einer toleranten und pluralistischen Gesellschaft. Sie wirke gegen Diskriminierung und fördere Gleichheit und Respekt. Deshalb seien die Bildungsangebote der Deutschen Welle im Ausland und die Förderung des wissenschaftlichen Austauschs, zum Beispiel durch die Alexander von Humboldt-Stiftung und den DAAD, so wichtig.

Ohne die Förderung des DAAD wäre Nermeen Azzam nicht nach Deutschland gekommen. Durch das Stipendium kann sie unter guten Bedingungen studieren und die Welt aus einer anderen Perspektive kennen lernen. Wenn sie in eineinhalb Jahren in ihr Heimatland Ägypten zurückkehrt, möchte sie in Kairo an der Universität Vorlesungen halten oder ein eigenes kleines Geschäft gründen. Davon profitiert Ägypten. Die Deutschen profitieren von ihrer Sichtweise der Realität, von Berichten aus ihrer Heimat und davon, dass sie vielleicht ein Stück Deutschland im Herzen trägt, wenn sie nach Ägypten zurückkehrt.

Mehr zum Medienkongress unter: http://www.dw-gmf.de

Eine gekürzte Version des Artikels ist am 21.Juli 2012 erschienen in Nr. 87 von
Die Tagespost

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